Diese Repor­tage erschien erst­mals in 11FREUNDE #223. Das Heft findet ihr bei uns im Shop.

Italia 1990. Der Sommer der Ver­hei­ßung
Alles ist im Schwunge. Die Zukunft steht weit offen. Deutsch­land tau­melt noch freudig-beschwipst vom fried­li­chen Mau­er­fall. Boris Becker bumm-bummt sich ins Wim­bledon-Finale. Die Serie A ist die beste Liga der Welt, doch der Goal­getter beim AS Rom heißt Rudi Völler, sein Team­kol­lege Thomas Bert­hold, und Inter Mai­land hat mit der deut­schen Achse Mat­thäus-Brehme-Klins­mann ein Jahr zuvor den Scu­detto gewonnen. Die Ita­liener lieben ihre tede­schi – und wei­tere sind im Anflug: Icke“ Häßler zieht gerade aus Köln nach Turin, Kalle Riedle wech­selt von Werder zu Lazio. Franz Becken­bauer, holde 44, hat sich neu ver­liebt. Sybille heißt seine Ange­be­tete. In sechs Jahren als DFB-Team­chef hat er eine große Mann­schaft auf­ge­baut. Eine Elf, die seiner Aura ver­fallen ist. Denn der Kaiser regiert mit leichter Hand, seine Spieler spüren die Frei­heit, die er ihnen lässt, und sie danken es ihm mit guter Laune, Nah­bar­keit und einem unbe­dingten Erfolgs­willen. Ganz anders als der von Macht­kämpfen zer­strit­tene Haufen, der unter Becken­bauer vier Jahre zuvor in Mexiko ins WM-End­spiel gestol­pert ist. Ita­lien 1990 erlebt die Gol­dene Genera­tion des 1960/61er-Jahr­gangs im Zenit ihres Schaf­fens. Und die Elf aus Schnauz­bart- und Vokuhil­aträ­gern – ange­führt vom vor­lauten Leit­wolf­geck Loddar – lässt die Puppen tanzen: Als der DFB-Tross in der Vor­be­rei­tung in Kal­tern gas­tiert, ereignet sich im Hotel See­meilen eine wüste Party. Der Kaiser weilt gerade in Zagreb beim letzten Test­spiel der Jugo­slawen gegen die Nie­der­lande. Als er nach seiner Rück­kehr Wind von dem Gelage bekommt, rechnen seine Profis mit einem Don­ner­wetter. Doch Becken­bauer winkt ab. Sol­lens halt die Sau raus lassen, wer z‘sammen feiert, hilft sich auch, wenn‘s eng wird. Geht’s raus, spielt’s Fuß­ball!

Pfeffer in Sepp Maiers Schnupf­tabak

9. Juni 1990, Erba, Team­hotel Cas­tello di Casiglio 
Doch wie wird ein Kader von begabten Profis zu einem Team, das zu den Sternen greift? Pierre Litt­barski hat da eine Ahnung. Er erlebt in Ita­lien seine dritte WM. Zweimal ist er im Finale geschei­tert. Er weiß: Den Titel holt man nicht allein über Taktik und Trai­ning, es braucht ein gesundes Maß an Spaß.“ Der Schalk sitzt dem Ber­liner von Geburt an im Nacken, also ver­sucht der 30-Jäh­rige den wag­hal­sigen Spagat, für Stim­mung zu sorgen, ohne zum Klas­sen­clown zu avan­cieren. Mal mischt er dem BTT (Bun­des­tor­wart­trainer) Sepp Maier Pfeffer in den Schnupf­tabak, dann dem Fleisch­esser Andy Brehme einen Lachs in die Pasta und mit seinem Kumpel Häßler spielt er fürs TV das Kin­der­quiz Dingsda“ nach. Dabei ist Littis“ Situa­tion durchaus kom­pli­ziert. Wäh­rend Becken­bauer in der Abwehr und im Angriff weit­ge­hend seine Stamm­for­ma­tion gefunden hat, Mat­thäus gesetzt ist, kon­kur­rieren Thomas Häßler, Olaf Thon, Uwe Bein und er um zwei Posi­tionen im Mit­tel­feld. Nie kann er sicher sein, ob er im nächsten Spiel dabei ist. Da die Jour­na­listen bei ihren mit­täg­li­chen Besu­chen im Hotel aber nicht müde werden, ihn nach seinen Ein­satz­chancen zu befragen, hängt Litt­barski sich wie ein Streik­posten ein Schild um den Hals und schlen­dert durch die Reihen: Ich wei­gere mich heute, Aus­kunft über die Auf­stel­lung zu geben. Nähere Infor­ma­tionen beim Pres­se­chef des DFB.“

1990 WM90 GER Train Erba 260690 WEB

Der nackte Kaiser: Franz Becken­bauer mit seinen Assis Holger Osieck und Berti Vogts (r.) beim Trai­ning in Erba.

Wit­ters

10. Juni 1990, Stadio San Siro, Mai­land
Deutsch­land besiegt Jugo­sla­wien mit 4:1. Mat­thäus geht voran – und alle folgen ihm. Selbst Fili­gran­tech­niker Uwe Bein ist sich nicht zu schade, nach drei Spiel­mi­nuten am Mit­tel­kreis Spiel­ma­cher Dragan Sto­j­kovic umzu­nieten. Die Domi­nanz der Deut­schen ist derart beein­dru­ckend, dass bei der Rück­kunft der Mann­schaft im Hotel schon Fei­er­stim­mung herrscht. Dele­ga­ti­ons­mit­glied Ger­hard Mayer-Vor­felder lädt den pas­sio­nierten Marl­boro-Mann, Libero Klaus Augen­thaler, nach dem Essen beim Grappa auf eine Roth-Händle ohne Filter ein: Auge, jetzt rau­chen wir eine rich­tige Ziga­rette.“

Litti, schau nach, wo dein kleiner Bruder ist…

15. Juni 1990, Erba, Cas­tello di Casiglio
Der Mann­schaftsbus steht mit lau­fendem Motor vor der Ein­fahrt. Die Spieler sitzen abrei­se­fertig auf ihren Plätzen. In San Siro wartet das Team der Ver­ei­nigten Ara­bi­schen Emi­rate. Doch einer fehlt: Icke“ Häßler. Der Zim­mer­ge­nosse von Paul Steiner (Zitat: Mich habt ihr nur mit­ge­nommen, damit einer auf den Icke auf­passt“) durch­lebt eine schwie­rige Zeit. Gattin Angela orga­ni­siert den Umzug des Ehe­paars nach Turin. Der Erwar­tungs­druck des Mil­lio­nen­trans­fers drückt wie Blei auf seine Schul­tern, das Heimweh dräut – und auch privat läuft gerade einiges schief. Häßler sitzt allein im Hotel und stellt sich Sinn­fragen. Becken­bauer ahnt, dass nur einer die Situa­tion retten kann: Geh, Litti, schau nach, wo dein kleiner Bruder ist…“ Für Häßler steht das Tur­nier auf der Kippe. Ein Schlüs­sel­mo­ment, das weiß Litt­barski. Das Gespräch der beiden dauert eine Weile und am Ende über­zeugt er den Kölner Kumpel, in den Bus zu steigen – und später in San Siro ein solides Spiel abzu­lie­fern. Dank Littis Über­re­dungs­kunst, dem einmal mehr bewusst wird: Pro­fi­fuß­baller sind keine Roboter, son­dern Men­schen aus Fleisch und Blut, die manchmal nicht funk­tio­nieren. Und wenn das pas­siert, ist es gut, wenn jemand auf einen auf­passt.

18. Juni 1990, 19:36 Uhr, Bespre­chungs­raum, Cas­tello di Casiglio
Günter Her­mann hat noch nie ein Län­der­spiel gemacht, doch seit Monaten weiß er, dass er mit zur WM fährt. Der Kaiser hat es ihm im Ver­trauen gesagt, weil der Bremer der ideale Team­player ist. Einer, der funk­tio­niert, wenn man ihn braucht, aber sonst keinen Ärger macht. Brehme ist nach zwei Gelben Karten fürs letzte Grup­pen­spiel gegen Kolum­bien gesperrt. Schlägt nun Her­manns große Stunde? Becken­bauer erwägt ihn als Links­ver­tei­diger ein­zu­setzen. Er will es nur mit dem Spie­lerrat bespre­chen: Augen­thaler, Mat­thäus, Klins­mann und Völler. Letzter ist als Ex-Bremer auf Her­manns Seite, die anderen jedoch prä­fe­rieren Hansi Pflügler – und besie­geln damit das Schicksal des genüg­samen Ober­neu­län­ders: als Welt­meister ohne Ein­satz“.

20. Juni 1990, 4:59 Uhr, Restau­rant Il Gatto Nero
Lothar Mat­thäus wohnt in Cari­mate, etwa 20 Kilo­meter von Erba ent­fernt. Mit seinem Peu­geot 205 macht er die Gegend unsi­cher. Nicht jeder steigt gern bei ihm ein, denn der Kapitän neigt zu wag­hal­sigen Fahr­ma­nö­vern. Aber Frank Mill, Thomas Bert­hold, Andy Brehme und Rudi Völler wagen es nach dem letzten Grup­pen­spiel gegen Kolum­bien. Und müssen ihre Ent­schei­dung nicht bereuen. Wirt Fausto im Restau­rant Il Gatto Nero“ zau­bert ein Trüffel-Risotto und holt seine besten Tropfen aus dem Keller. Und erst als der Morgen graut, schlei­chen sich die Natio­nal­spieler aus der Edel-Taverne hoch überm Comer See. Auf die Frage nach der Rech­nung, winkt Fausto gütig ab: Er möchte nur ein Erin­ne­rungs­foto mit den Spie­lern.

21. Juni 1990, 12:07 Uhr, Cas­tello di Casiglio
Das DNF ist da. Litt­barski und Bodo Ill­gner haben eine TV-Kamera und ein Mikrofon geka­pert und schalten sich als Deut­sches Natio­nalelf Fern­sehen“ in die Pres­se­runde mit dem Team­chef ein. Frage: Wel­ches Team war besser: 1974 oder 1990?“ Becken­bauer: Die 74er-Elf ist älter.“ Frage an den neben ihm sit­zenden Udo Lattek: Was würden Sie in dieser Mann­schaft ändern?“ Lattek geis­tes­ge­gen­wärtig: Ich würde immer Litt­barski spielen lassen.“ Letzte Frage an den Team­chef: Und: Spielt der im nächsten Match?“ Becken­bauer winkt ab.

1990 HM WM90 Erba Litti 260690 WEB

Deut­sches Natio­nalelf Fern­sehen: Pierre Litt­barski mimt im Quar­tier den Reporter. Udo Lattek freut’s!

Horst­müller

Wehe, Töppi, Du sen­dest die fal­sche MAZ“

21. Juni 1990, 18:34 Uhr, Erba, Hoteltor
ZDF-Reporter Rolf Töp­per­wien hält Lothar Mat­thäus durch den guss­ei­sernen Zaun ein Mikrofon unter die Nase. Er möchte vom Kapitän eine Ein­schät­zung zum kom­menden Ach­tel­final-Gegner. Pro­blem: Gegen wen die deut­sche Elf spielt, ent­scheidet sich erst am späten Abend in der Partie Nie­der­lande gegen Irland. Also zeichnet der TV-Mann zwei O‑Töne auf: Einmal spricht Mat­thäus über die Her­aus­for­de­rung, gegen die Iren ran­zu­müssen, dann über das harte Los, schon jetzt auf den Erz­ri­valen Hol­land zu treffen. Als die Auf­zeich­nung im Kasten ist, grinst Mat­thäus: Aber wehe, Töppi, Du sen­dest nachher die fal­sche MAZ…“

24. Juni 1990, 21:26 Uhr, Sta­di­on­ka­ta­komben, San Siro, Mai­land
Rudi Völler ist nun doch die Hand aus­ge­rutscht. Nachdem ihm der Nie­der­länder Frank Rij­kaard auf dem Rasen zwei Mal im Nacken den Minipli benetzt hat und die Streit­hähne für ihren Kon­flikt vom Platz müssen, über­kommt den Deut­schen im Halb­dunkel des Spie­ler­tun­nels blinde Wut. Rij­kaard weicht Völ­lers zweitem Jab aus, hebt die Deckung, nimmt dann aber Reißaus. Der Deut­sche rennt ihm nach, erreicht ihn nicht und trom­melt schließ­lich gegen die Kabi­nentür, hinter der sich der Nie­der­länder ver­schanzt. Als kurz darauf die Mann­schaften zum Pau­sentee kommen, flammen im Gang erneute Schar­mützel auf. Vor der Umkleide der Efltal“ wird im Dut­zend geran­gelt. Mitten im Rudel steht Paul Steiner: Wenn sowas pas­sierte, war ich immer vorne dabei. Und an dem Tag war jedes oran­gene Trikot wie ein rotes Tuch.“

Kaffee und Kuchen im Eltern­haus Riedle

25. Juni 1990, Anhö­rungs­saal, FIFA-Sport­ge­richt
Rudi Völler wird wegen der Ereig­nisse im Ach­tel­fi­nale vom Richter für das WM-Vier­tel­fi­nale gesperrt. Lothar Mat­thäus hat ihn in die Haupt­stadt begleitet, um als Zeuge aus­zu­sagen. Nach der Ver­hand­lung wollen die beiden eigent­lich zurück zum Flug­hafen fahren, aber, ver­dammt, der zähl­flüs­sige Ver­kehr in Rom, dann müssen sie noch in Völ­lers Lieb­lings­trat­toria schnell einen Happen essen und über­haupt, die Zeit… Lange Rede, kurzer Sinn: Sie ver­passen den Flug und machen sich einen schönen Abend in der ewigen Stadt.

26. Juni 1990, Eltern­haus Riedle, Weiler im Allgäu
DFB-Pres­se­spre­cher Wolf­gang Niers­bach hat Karl-Heinz Riedle seinen Dienst­wagen geliehen. Bis zum Vier­tel­fi­nale gegen die Tsche­cho­slo­wakei bleibt den Spie­lern eine Woche Zeit. Niers­bach geht davon aus, dass Riedle die Region um den Comer See erkunden will. Doch der hat seinen Bremer Kumpel Günter Her­mann gefragt, ob der nicht Lust auf eine kleine Spritz­tour habe – und ist mit ihm zu seinen Eltern ins Allgäu gefahren. Dort sitzen die Natio­nal­spieler nun auf dem hei­mi­schen Sofa und werden mit Kuchen bewirtet. Als der Stürmer den Wagen tags drauf zurück­bringt, traut Niers­bach seinen Augen nicht: Der Tacho zeigt knapp tau­send Kilo­meter mehr als bei der Abho­lung. Nicht aus­zu­denken, wenn da etwas pas­siert wäre“, schlägt Niers­bach noch heute die Hände überm Kopf zusammen.

1. Juli 1990, 18:52 Uhr, Umklei­de­ka­bine, San Siro, Mai­land
Deutsch­land steht im Halb­fi­nale und die Natio­nalelf geht erst einmal in Deckung. Beim Betreten der Kabine kickt Becken­bauer den Eis­kübel weg, der seinen Weg kreuzt, und Eis­würfel ergießen sich über die anwe­senden Profis. Der Kaiser zürnt, weil sein Team gegen einen Gegner in Unter­zahl das Spiel fast aus der Hand gegeben hat. Schon am Spiel­feld­rand hat er einen ver­dutzten ita­lie­ni­schen Ball­jungen stink­sauer gefragt, ob er nicht mit­spielen wolle. Bei dem Grot­ten­kick habe er keine Sorgen, den Buben aufs Feld zu schi­cken. In der zweiten Hälfte hat dem Team befohlen, Jürgen Klins­mann nicht mehr anzu­spielen. Nun nimmt er sich den blonden Schwaben richtig zur Brust: Was glaubst Du, wer Du bist? Du bist der Klins­mann, nicht der Péle!“ Auch Andy Brehme kriegt sein Fett weg. Doch der Han­seat wagt es, Gegen­fragen zu stellen: Sorry, Trainer, aber haben Sie nie ein schlechtes Spiel gemacht?“ Das bringt den Kaiser erst so richtig in Fahrt. Einige sind vor­sichts­halber ins Ent­mü­dungs­be­cken geflüchtet, doch nun mischt der Team­chef auch den Bereich auf. Zum Glück war es im Bad so heiß,“ so Klaus Augen­thaler, der dort im Wasser planscht, dass er es nicht lange aus­hielt.“ Auf der Rück­fahrt setzt sich PR-Mann Niers­bach zum geschol­tenen Klins­mann. Jürgen, keine Ahnung, was mit dem Franz los war, soll ich da eine Aus­sprache anregen?“ Doch der blonde Stürmer lächelt den Frust weg: Quatsch, das hat der doch inzwi­schen längst ver­gessen.“

Andy, Rai­mond, wer mag? Macht’s das unter euch aus!“

4. Juli 1990, 18:22 Uhr, Stadio delle Alpi, Turin, Medi­en­park­platz
Pierre Litt­barski ist außer sich. Becken­bauer hat ihm beim Abschluss­trai­ning auf dem unebenen Geläuf eines Turiner Ama­teur­klubs bei­läufig mit­ge­teilt, dass nicht er, son­dern Olaf Thon im Halb­fi­nale gegen Eng­land auf­laufen wird. In Beglei­tung von Uwe Bein trabt Litti“ auf einen Über­tra­gungs­wagen des ZDF zu. Der Frust muss raus. Reporter Rolf Töp­per­wien erkennt sofort, was Sache ist, und gibt dem Kol­legen Axel Mewes ein Zei­chen, seine Kamera in Anschlag zu bringen. Als der Dreh beginnt, pol­tert Litt­barski los. Alles muss raus: Ver­trau­ens­ver­lust. Mensch­liche Ent­täu­schung. Nein, er sei nicht ange­schlagen, im Gegen­teil. Von wegen, Kaiser. Töp­per­wien muss gar nicht nach­fragen, da hat sich in der ver­meint­li­chen Har­monie von Erba offenbar doch einiges ange­staut. Der Reporter weiß: Dieses Inter­view ist ein Scoop.

4. Juli 1990, 20:16 Uhr, Stadio delle Alpi, DFB-Kabine
Als Franz Becken­bauer seine Spieler zum Auf­wärmen auf den Rasen schickt, fragt ein Mit­ar­beiter der Dele­ga­tion, wen er gegen Eng­land als zweiten Tor­hüter in den Spiel­be­richts­bogen ein­tragen soll. Für den Team­chef eine läs­tige For­malie. In seinem Kader sind schließ­lich alle Spieler gleich viel wert. Er ruft seinen Kee­pern Aumann und Köpke hin­terher: Andy, Rai­mond, wer mag? Macht’s das unter euch aus!“

Brat­wurst vs. Loser

4. Juli 1990, 21:48 Uhr, Stadio delle Alpi
Frank Mill und Günter Her­mann haben es im WM-Halb­fi­nale nicht in den 16er-Kader geschafft. Heute gehören sie zu den Brat­würsten“. Paul Steiner hat zu dieser Klas­si­fi­ka­tion gefunden: Wer im Kader ist und auf der Bank sitzt, ist ein Loser“. Wer auf die Tri­büne muss, eine Brat­wurst“. In der Halb­zeit haben es sich die beiden also auf dem Klo der deut­schen Umkleide gemüt­lich gemacht und sich eine Ziga­rette ange­steckt. In der Kabine herrscht geschäf­tiges Treiben, doch plötz­lich geht die Klotür auf und Becken­bauer fragt: Sagt mal, brennt hier was?“.

4. Juli 1990, 23:36 Uhr, Stadio delle Alpi
Lothar Mat­thäus kann sich das Schmun­zeln nicht ver­kneifen. Eben hat er seinen Elf­meter im Shoot-Out gegen Eng­land ver­wan­delt und ver­folgt nun ent­spannt das Geschehen. Da fällt ihm auf: Der bri­ti­sche Keeper Peter Shilton fällt wie eine Bahn­schranke. Meist reagiert der Schluss­mann erst, wenn der Ball schon vom Netz wieder auf den Rasen tippt. Was soll da noch schief­gehen? Litt­barski auf der Ersatz­bank ist sich da nicht so sicher: Er weiß, wenn sein Kölner Kol­lege Bodo Ill­gner eine Schwäche hat, dann Straf­stöße. Der Bodo hatte ja ordent­lich Spann­weite, viel­leicht schießt ihn einer an,“ hofft er. Psycho“ Pearce tut ihm den Gefallen. Ill­gner ent­scheidet sich für die linke Ecke, da rauscht der Ball heran und der deut­sche Keeper fällt drauf.

4. Juli 1990, 0:31 Uhr, Stadio delle Alpi, Turin. ZDF-Ü-Wagen
Rolf Töp­per­wien ver­steht die Welt nicht mehr: Seine Cut­terin startet bereits zum wie­der­holten Mal das Video­band mit dem Litt­barski-Inter­view. Doch auf der Kas­sette ist – nichts. Axel Mewes druckst herum: Könnte sein,“ so der erfah­rene Kame­ra­mann, dass ich ver­gessen habe, die Auf­nahme zu starten.“ Wie bitte? Töppi ist aus­nahms­weise sprachlos. Mewes, diesem Repor­terschlacht­ross, unter­läuft aus­ge­rechnet bei dieser Stern­stunde ein Anfän­ger­fehler? Was er nicht weiß: DFB-Pres­se­spre­cher Niers­bach hat auf ver­ant­wort­li­cher Ebene beim ZDF insis­tiert und gebeten, Littis“ Wut­an­fall nicht aus­zu­strahlen. Mewes hat die Schuld auf sich geladen, sich die tech­ni­sche Panne aus­ge­dacht und den Mit­schnitt ver­schwinden lassen. Er wird das Geheimnis viele Jahre für sich behalten. Erst Niers­bach lüftet bei Töp­per­wiens Abschied vom ZDF im Sep­tember 2010 das Rätsel.

7. Juli 1990, 16 Uhr, Bus­fahrt zur Villa Borg­he­siana, Rom
Jürgen Klins­mann reicht eine Musik­kas­sette zum Bus­fahrer nach vorn. Aus den Boxen schallt die Stimme von Phil Col­lins. Doch kaum sind die ersten Takte von Ano­ther day in para­dise“ erklungen, regt sich laut­starker Wider­stand – nament­lich von Mat­thäus und Brehme. Phil Col­lins ver­stummt und wird durch Gianna Nan­nini ersetzt: Un’estate Ita­liana“, der Song, der auf immer den Sound­track des spä­teren Titel­ge­winns defi­nieren soll. Für die Musik im Mann­schaft­kreis ist eigent­lich Pierre Litt­barski zuständig, er rezen­siert für einen Kölner Plat­ten­laden Neu­erschei­nungen, ist ständig up to date und stellt Mix­tapes für die Team­a­bende zusammen. Er weiß: War klar, dass die Kas­sette vom Jürgen nicht lang läuft. Der hätte auch die größten Hits der Beatles ein­legen können und die anderen hätten sich auf­ge­regt…“

Herz­li­chen Dank, Rudi! Kannst gern über­nehmen“

7. Juli 1990, 19:28 Uhr, Villa Borg­he­siana 
Es klopft an der Zim­mertür von Paul Steiner und Thomas Häßler. Becken­bauer fragt: Paul, was mach ma? Willst im Finale auf die Bank? Ich könnt da auch einen Mit­tel­feld­spieler gebrau­chen.“ Steiner weiß, was das bedeutet: Für ihn geht die WM 4:3 aus – vier Mal Brat­wurst“, drei Mal Loser“. Der Kaiser hat sich ent­schieden, im Finale auf die inter­na­tio­nale Erfah­rung von Litt­barski zu setzen – und auf Thomas Häßler, weil er das Team in der Quali mit seinem Tor gegen Wales erlöst hat. Steiner und Uwe Bein erleben das Finale auf der Tri­büne.

8. Juli 1990, 21:40 Uhr, Stadio Olim­pico, Rom
Andreas Brehme steht am Elf­me­ter­punkt und wartet. Seit Ewig­keiten dis­ku­tieren die argen­ti­ni­schen Spieler mit Schieds­richter Mendéz. Er hat sich den Ball schon mehr­mals zurecht­ge­legt, doch immer wieder kickt ein Gegner die Kugel vom Punkt. Mat­thäus hat in der Halb­zeit seine Schuhe gewech­selt. Das alte Paar hat er acht Jahre lang in jedem Län­der­spiel getragen, die neuen Töppen sitzen noch nicht. Er über­trägt die Straf­stoß-Ver­ant­wor­tung fünf Minuten vor Ende des Finals an seinen Kumpel Andy. Brehme ver­sucht die Ruhe zu behalten, als in dem Tohu­wa­bohu Rudi Völler auf ihn zukommt und flüs­tert: Wenn Du den rein­machst, sind wir Welt­meister!“ Da wird selbst dem Barm­beker Jung für einen Moment mulmig: Herz­li­chen Dank, Rudi! Kannst gern über­nehmen.“

8. Juli 1990, 22:59 Uhr, Stadio Olim­pico
Frank Mill klopft an die Kabi­nentür der Argen­ti­nier. Zur Halb­zeit ging er hinter Diego Mara­dona auf der Treppe in den Kata­komben und hat ihn spontan gefragt, ob er nach dem Match dessen Trikot haben könne. Der Gold­junge hat zuge­sagt. Ob er sich nach dem ver­lo­renen Finale, dem trä­nen­rei­chen Ende, nun noch erin­nert? Die Tür geht einen Spalt auf, ein Zwei-Meter-Mann öffnet und fragt Mill, was er wolle. Der erklärt unter Zuhil­fe­nahme von Händen und Füßen sein Begehr. Die Tür geht wieder zu, kurz darauf öffnet Mara­dona und bittet Mill herein. In der Mitte der Kabine beglück­wünscht er den Deut­schen, die beiden umarmen sich. Mill drückt gerade behelfs­mäßig sein Bedauern aus, als der Argen­ti­nier in seine gepackte Tasche greift, das Jersey her­aus­fischt und es ihm in die Hand drückt. Als Mill in die DFB-Kabine zurück­kommt, wird neben ihm gerade Bun­des­kanzler Helmut Kohl von zwei Natio­nal­spie­lern mit Schampus nass­ge­spritzt.

Berti, ich glaube, ich habe grad Schmarrn erzählt“

1990 DJV Bildportal 1 0500061004 High Res WEB

Was vom WM-Tri­umph übrig blieb: Zig Fla­schen Cham­pa­gner und ein Flip­chart mit elf Argen­ti­niern in der DFB-Kabine nach dem Finale.

Baader

8. Juli 1990, 23:48 Uhr, Stadio Olim­pico
Der Kaiser betritt als einer der letzten den Mann­schaftsbus. Er ist ganz eupho­risch, der Cham­pa­gner wirkt. Als er Berti Vogts, seinen Co-Trainer und desi­gnierten Nach­folger sieht, fällt es ihm wieder ein. Berti, ich glaube, ich habe grad Schmarrn erzählt.“ Ein Jour­na­list aus Ost­eu­ropa hat bei der Pres­se­kon­fe­renz gesagt, dass Deutsch­land zurecht Welt­meister sei und gefragt, was pas­siere, wenn nun auch noch die Top-Spieler aus dem Osten den Kader berei­cherten. Wer die Deut­schen über­haupt noch schlagen solle? Und Becken­bauer ist ihm im Über­schwang auf den Leim gegangen: Deutsch­land sei nun wohl auf Jahre hin unschlagbar. Als Becken­bauer Vogts seinen Faux-Pas beichtet, sagt dieser kalt lächelnd: Danke, Franz.“ Und denkt sich ins­ge­heim: Dieser Typ, man kann ihm ein­fach nicht böse sein.“

9. Juli 1990, 0:48 Uhr, Stadio Olim­pico
Klaus Augen­thaler sitzt neben einem knapp 70-jäh­rigen FIFA-Arzt im Doping­raum und lässt sich warmes Wasser über die Hände laufen. Seit mehr als zwei Stunden hofft der Libero darauf, end­lich seine Doping­probe abzu­geben. Doch egal, was er auch in sich hin­ein­kippt, unten tröp­felt es nur. Schließ­lich unter­nimmt Auge“ einen kleinen Bestechungs­ver­such: Er bietet dem FIFA-Medi­ziner seinen DFB-Sweater an, falls der sich mit der kargen Menge Urin zufrieden gäbe. Das Flut­licht im Sta­di­on­in­neren ist längst erlo­schen. Der Doping­arzt nimmt den Pulli – und lässt Augen­thaler gehen.

Ab sofort bin ich für alle der Franz. Doch ich biete euch nicht nur das Du an, son­dern auch meine Freund­schaft!“

Franz Beckenbauer zu seinen Spielern

9. Juli 1990, 0:56 Uhr, Villa Borg­he­siana
Bei der letzten Team­sit­zung vor Eröff­nung des WM-Ban­ketts sagt Becken­bauer seinen Spie­lern: Ab sofort bin ich für alle der Franz. Doch ich biete euch nicht nur das Du an, son­dern auch meine Freund­schaft!“ Mat­thäus über­reicht dem Team­chef zum Abschied im Namen des Kaders ein sil­bernes Kaffee-Ser­vice. Co-Trainer Osieck bekommt eine Standuhr.

9. Juli 1990, 6:42 Uhr, Rom, Villa Borg­he­siana
Augen­thaler ist von seiner zwei­mo­na­tigen Tochter geweckt worden. Nach der späten Rück­kunft im Hotel hat er sich bald Schlafen gelegt. Stock­nüch­tern blickt er aus dem Fenster und sieht, wie im Garten Thomas Häßler im nagel­neuen Kin­der­wagen der Augen­tha­lers sitzt und vom schwer ange­schi­ckerten Sepp Maier auf der Flucht vor der Fon­täne des Rasen­spren­gers im Kreis geschoben wird.

9. Juli 1990, 10:36 Uhr, Emp­fangs­halle Villa Borg­he­siana
Die DFB-Spieler tragen hell­blaue Hemden und Kra­watten, als sie den Bus zum Flug­hafen Rom-Ciam­pino besteigen. Einige haben schon ein Weiß­bier­früh­stück hinter sich. Nur Pierre Litt­barski hat ein WM-Touri-Shirt an, über das lässig der schwarze DFB-Schlips lappt. Kanzler Kohl hat ver­fügt, dass die Flug­be­reit­schaft der Bun­des­wehr die Welt­meister zurück nach Frank­furt bringt. Um kurz vor zwölf starten Oberst­leut­nant Hoyer und sein Adju­dant Major Wil­helms die Motoren der Boeing 707 August Euler“. Flug 1003 bringt das Team sicher zu den Fei­er­lich­keiten am Römer“.

16. April 2020, 11:12 Uhr, SMS von Wolf­gang Niers­bach an Pierre Litt­barski
Lieber Litti! Alles Gute zum 60sten Geburtstag! Bleib gesund!“

16. April 2020, 11:23 Uhr, SMS von Litt­barski
Lieber Wolf­gang! Danke für Deine Glück­wün­sche. Und danke, dass Du mich 1990 vor einer großen Dumm­heit bewahrt hast!“