In Ham­burg hat sich etwas ver­än­dert. Dietmar Bei­ers­dorfer hat sich ver­än­dert. Oder viel­mehr: Ent­puppt. Denn fast wirkt es so, als säße der Mann mit dem wirren Haar und dieser Augen­partie, die in all ihrer natür­li­chen Skepsis an den Kin­der­fern­seh­ni­hi­listen »Bernd das Brot« erin­nert, nahezu unbe­weg­lich und über­legen lächelnd in der Mitte des Ham­burger Wahn­sinns. Und alles scheint um ihn zu kreisen. Ein unge­wohntes Bild. Seit fünf Jahren ist der 44-Jäh­rige Sport­di­rektor beim HSV. Doch richtig ernst genommen haben ihn bisher nur wenige. Doch nun, ganz plötz­lich gilt Bei­ers­dorfer auch in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung jen­seits der Elbe als das neue Macht­zen­trum des HSV.



Er war es eigent­lich schon länger. Doch bisher war es ihm durch die geschickte Camou­flage eines oft­mals harm­losen und zer­streut wir­kenden Schwei­gers noch immer gelungen, diesen Umstand nach­haltig zu ver­schleiern. Er hat nie viel gespro­chen, und wenn er doch spre­chen musste, schien es ihm kör­per­liche Schmerzen zu bereiten. Gerade in Kri­sen­zeiten, wenn er den großen Plan der Ham­burger erklären wollte, wirkte es, als über­holten die Worte seine Gedan­ken­gänge und Bei­ers­dorfer schlug unge­wollt ver­bale Pur­zel­bäume. Wes­halb Bei­ers­dofer die großen Arien gerne Bernd Hof­mann über­lässt. Und sich gerne hinter einem Schild kul­ti­vierter Ruhe ver­steckt. Sie ist Bei­ers­dor­fers große Stärke.

Ein Teil ging immer ver­loren

Nun musste er seinen Tar­num­hang jedoch not­ge­drungen abwerfen, um den schlin­gernden Verein auf Kurs zu halten. Und Bei­ers­dorfer musste das machen, was er am besten kann: Puz­zlen. Eigent­lich hat er in fünf Jahren Ham­burg nichts anderes gemacht, als immer wieder das selbe Puzzle zu beginnen, ohne die befrie­di­gende Aus­sicht einer mög­li­chen Voll­endung. Ein Teil ging immer ver­loren oder wurde ein­fach weg gekauft. In diesem Jahr jedoch hat der stu­dierte Betriebs­wirt sein Meis­ter­stück in Sachen Teil­chen­be­schleu­ni­gung abge­lie­fert.

Erst hat er mit Martin Jol einen Ersatz für Huub Ste­vens prä­sen­tiert, der dem Verein einen inter­na­tio­nalen Anstrich ver­leiht und dessen Tak­tik­blau­pausen für oran­ge­far­benes Spek­takel stehen. Und auch die Wie­der­auf­füh­rung dem ibe­ri­schen Wechsel-Dra­mo­lett um Rafael van der Vaart, das ihn lange wie einen Ver­lierer aus­sehen ließ, brachte unbe­schadet und eher gestärkt als geprü­gelt zu Ende. Bei­ers­dorfer hatte zwar seinen eins­tigen Königs­transfer und damit das Herz­stück des HSV der letzten drei Jahre ver­loren. Das aber für ein kaum noch zu erwar­tendes Schmer­zens­geld. Bei­ers­dorfer hatte den Geld­kof­fer­schwen­kern aus Madrid gegen­über gesessen und nicht mit der Wimper gezuckt. Dabei wird er, wie immer, ganz ruhig geblieben sein, bis die Stille die Madri­lenen in den Wahn­sinn getrieben hat.

So gelang es ihm, den König­li­chen mehr als fünf­zehn Mil­lionen Euro aus der Schatz­kammer zu leiern. Und das für einen Spieler, der nur noch ein Jahr Ver­trag besaß. Ein ver­we­gener Genie­streich, wie man ihn bisher sonst nur von Uli Hoeneß kannte. Danach umrun­dete er auf der Suche nach Ersatz und Ver­stär­kung gefühlte neun Mal den Globus. Immer rastlos, schlaflos. Zwi­schen­zeit­lich hatte Bei­ers­dorfer mehr Ränder als Augen. Doch es hat sich gelohnt.

Von dieser Hand­lungs­reise brachte er neben Natio­nal­spieler Mar­cell Jansen und Dort­munds Star Mladen Petric auch noch zwei hoch­ta­len­tierte bra­si­lia­ni­sche Olym­pia­teil­nehmer mit. Und ganz nebenbei gelang es ihm, die Abgänge der leis­tungs­armen Mie­se­peter Zidan und Kom­pany gewinn­brin­gend in dieses Trans­fer­ge­bilde ein­zu­weben. Dieser Höl­len­ritt auf dem Wech­sel­ka­rus­sell hat die ganze Schlitz­oh­rig­keit und Ver­hand­lungs­härte Bei­ers­dor­fers offen­bart. Und die Kon­kur­renz horcht plötz­lich auf: Der Schweiger hat Laut gegeben.