Marcel Schäfer, mit Real Madrid hat der VfL ein echtes Traumlos gezogen. Wie haben Sie davon erfahren?
Gemeinsam mit Chris­tian Träsch besuche ich den VfL-Campus. Der VfL koope­riert mit der Stein­beis-Hoch­schule Berlin, und Chris­tian und ich nehmen an der Fort­bil­dung Sport­ma­nage­ment“ teil. Oft geht es vom Trai­nings­platz unter die Dusche und dann in den Hör­saal. Am Tag der Aus­lo­sung hatten wir pas­sen­der­weise eine Vor­le­sung zum Thema Social Media“, daher haben wir die Aus­lo­sung zum Teil der Ver­an­stal­tung gemacht und live in den Sozialen Netz­werken ver­folgt.

Sie sägen also schon an Klaus Allofs Stuhl?
(Lacht.) Natür­lich nicht. Aber ich bereite mich auf die Zeit nach der Kar­riere vor. Beim VfL habe ich einen Anschluss­ver­trag unter­schrieben, wir werden sehen, wel­cher Posten dann für mich vor­ge­sehen ist. Vorher will ich mir aber noch meinen Traum erfüllen und zwei Jahre in den USA spielen.

Was dachten Sie denn, als das Los auf Real fiel. Oh Gott, nicht Madrid“?
Quatsch, Chris­tian und ich haben uns riesig gefreut, genauso wie die anderen Kom­mi­li­tonen. Mit dem Einzug in das Vier­tel­fi­nale haben wir bereits Ver­eins­ge­schichte geschrieben, jetzt wartet ein abso­lutes High­light auf uns. Das Handy stand nach der Aus­lo­sung nicht mehr still, ich habe hun­derte Ticket-Anfragen bekommen. Wahr­schein­lich könnte ich einen eigenen Block füllen.

Sie sind seit 2003 Profi, sind Meister geworden, haben Län­der­spiele gemacht – kann Sie ein sol­ches Spiel über­haupt noch scho­cken?
Scho­cken würde ich es nicht nennen. Ich bin zwar schon 13 Jahre Profi, spiele aber erst meine zweite Cham­pions-League-Saison. Und gegen Real zu spielen, war schon als Kind ein Traum von mir. Wenn mir vor 25 Jahren jemand erzählt hätte, dass ich mal im Ber­nabeu spielen darf, wäre ich vor Freude im Dreieck gesprungen.

Also gab es für Sie als Kind diese magi­schen Euro­pacup-Abende im Fern­sehen?
Absolut. Es war für mich immer ein Erlebnis, wenn mein Papa mir erlaubte, unter der Woche länger auf­zu­bleiben, um ein Spiel im Euro­pacup zu gucken. Leider war das meis­tens nur in den Ferien der Fall, da waren meine Eltern ziem­lich strikt. Aber natür­lich konnte ich Real Madrid manchmal sehen, es ist mir also schon als Kind bewusst geworden, dass Real ein beson­derer Klub ist. Die König­li­chen, die Galak­ti­schen, mit Roberto Carlos, Luis Figo, Il Feno­meno, Iker Cas­illas und wie sie alle hießen. Real habe ich immer ver­folgt.

Und jetzt spielen Sie im glei­chen Wett­be­werb. Können Sie das beson­dere Cham­pions-League-Fee­ling beschreiben?
Man merkt, dass alles eine Nummer größer ist. Ein paar Tage vorher sind bereits die Offi­zi­ellen der Uefa vor Ort. Außerdem ist das Medi­en­in­ter­esse viel größer. Meis­tens wird auch im Sta­dion trai­niert und nicht auf dem Trai­nings­platz. In Madrid also im Ber­nabeu. Und sobald dann die Hymne erklingt, geht das Krib­beln los.

Bereiten Sie sich anders auf ein Cham­pions-League-Spiel vor als auf eine Partie in der Bun­des­liga?
Nein. Was die Abläufe angeht, bin ich sehr dis­zi­pli­niert und richte mich eher nach der Anstoß­zeit als nach dem Gegner.

Aber als Links­ver­tei­diger werden Sie es gegen Real mit Gareth Bale zu tun bekommen. Der ist eine andere Haus­nummer als ein mit­tel­mä­ßiger Rechts­außen in der Bun­des­liga.
Auch auf Gareth Bale werde ich mich ganz normal vor­be­reiten. Wir haben vor den Spielen eine Video­sit­zung, dort bekommen wir vom Trai­ner­team Zusam­men­schnitte von den ein­zelnen Spie­lern, in denen uns die Stärken der Gegner gezeigt werden. Und eben auch deren Schwä­chen, wobei das bei Bale natür­lich ein recht kurzer Zusam­men­schnitt ist (Lacht.) Aber so machen wir das auch, wenn der Gegner Darm­stadt oder Lever­kusen heißt.

Und auf dem Platz? Begegnen Sie einem Bale anders als bei­spiels­weise einem Marcel Heller?
Nein. Natür­lich ist es etwas Beson­deres, gegen einen Welt­klas­se­spieler wie Gareth Bale zu spielen, und ich werde ein wenig ner­vöser sein als sonst. Aber sobald der Schieds­richter das Spiel anpfeift, will ich ein­fach nur gewinnen. Dann ist es auch egal, ob ich gegen Bale in der Cham­pions League, gegen Heller in der Bun­des­liga oder gegen meinen Sohn Karten spiele.

Sie spielen also ähn­lich enga­giert Karten gegen Ihren Sohn wie Fuß­ball gegen Real Madrid?
Dieser Ehr­geiz ist bei mir so ver­an­kert. Und wenn ich mit meinem Sohn spiele und er schmeißt die Karten oder das Spiel­brett durch die Gegend, weil er ver­loren hat, dann finde ich das grund­sätz­lich gut. Denn das zeigt, dass er das Spiel unbe­dingt gewinnen will. Natür­lich muss man Kin­dern den Spaß am Spiel ver­mit­teln, aber sobald ich das Gefühl habe, dass mein Sohn ein Spiel ver­standen hat, lasse ich ihn nicht mehr extra gewinnen. So lernt er, einen gesunden Ehr­geiz zu ent­wi­ckeln. Das führt auch ab und an zu Kon­flikten mit meiner Frau, weil sie das nicht nach­voll­ziehen kann.

Auch beim VfL gibt es Inter­es­sens­kon­flikte: Auf­sichts­rats­boss Fran­cisco Garcia Sanz ist großer Madri­dista. Haben Sie keine Angst, dass er die Prä­mien ein­friert, wenn der VfL Real wirk­lich schlagen sollte?
Nein (Lacht). Ich weiß natür­lich, dass sein Herz auch für Real schlägt. Er ist also in der glück­li­chen Posi­tion, dass er auf jeden Fall ins Halb­fi­nale ein­zieht. Ich kann mir auch vor­stellen, dass er in Wolfs­burg ein VfL-Trikot und in Madrid ein Real-Trikot anhaben wird. Viel­leicht könnte ihm unser Fan­shop auch eines dieser Halb-Halb-Tri­kots schnei­dern.

Haben Sie die Stimmen aus Spa­nien nach der Aus­lo­sung eigent­lich mit­be­kommen? Da hieß es, der Wolf sei eher ein Lamm und das Los VfL sehr ein­fach.
Naja, wenn man sieht, welche anderen Teams noch in der Los­trommel waren, dann sind wir viel­leicht ein ver­meint­lich leich­teres Los als Barca oder Bayern Mün­chen. Aber das kann auch etwas Posi­tives sein. Wir können ohne Druck ins Spiel gehen und befreit drauf­los­spielen. Und es wäre nicht das erste Mal, dass im Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nale ein Underdog einen Top­fa­vo­riten raus­ke­gelt. Die spie­le­ri­schen Mög­lich­keiten dazu haben wir.

Obwohl es in der Bun­des­liga für den VfL in dieser Saison eher nicht so rund läuft. Fällt es dem Team schwer, sich nach Spielen gegen Man­chester auf die Liga zu kon­zen­trieren?
Die Saison ver­läuft pro­ble­ma­tisch, oft haben wir den Über­gang von Königs­klasse zu Bun­des­liga nicht gemeis­tert. Aber ich denke nicht, dass das ein Kopf­pro­blem ist. Letztes Jahr hatten wir mit Europa League und DFB-Pokal ja sogar eine Drei­fach­be­las­tung, am Ende haben wir den Pokal geholt. In der Liga finden wir der­zeit in der Offen­sive nicht die rich­tigen Lösungen und defensiv schlafen wir in den ent­schei­denden Momenten. Das hat aber nichts mit der Cham­pions League zu tun oder damit, dass wir alle schon an Real denken.

Stimmt es eigent­lich, dass Sie 2009 bei­nahe selber bei Real Madrid gelandet wären?
Per­sön­li­chen Kon­takt mit Real hatte ich nie, aber natür­lich habe ich die Gerüchte, die damals durch die Presse gingen, schon mit­be­kommen. Ich bin ein ver­eins­treuer Mensch und hatte nur zwei Klubs in meiner Kar­riere. Aber wenn Real wirk­lich ange­rufen hätte, hätte ich mir natür­lich Gedanken machen müssen. Schließ­lich wäre es etwas ganz Beson­deres, für einen Klub wie Real Madrid zu spielen. Aber ande­rer­seits ist es auch etwas Beson­deres, zehn Jahre für einen Klub zu spielen und 300 Pflicht­spiele zu machen. Meine Kinder sind hier geboren, ich kann nach der Kar­riere hier­bleiben. So etwas gibt es ja auch nicht mehr so oft.