Toni Schu­ma­cher, wer war der größte Rivale in Ihrer Fuß­ball­kar­riere?
Jeder.

Wie bitte?
So war es, alle wollten gegen mich ein Tor schießen.

Keiner, zu dem Sie ein beson­deres Ver­hältnis hatten?
Karl-Heinz Rum­me­nigge war inso­fern ein stän­diger Rivale, weil wir gewettet haben. Wenn er ein Tor machte, bekam er Geld, wenn er keins machte, gewann ich. Wir brachten die Scheine im Stutzen mit auf den Platz, so dass der Sieger noch auf dem Rasen aus­be­zahlt wurde.

Sie haben mal gesagt: Wenn wir ver­lieren, ist das, als würde man mir zu Hause das Essen vom Tisch nehmen.“ Das klingt fast nach einem Exis­tenz­kampf.
Das war damals eben meine Art von Ehr­geiz. Das hatte aber nichts mit Hass auf Gegner zu tun. Wenn ich einen Treffer bekam, sah ich es am Ende sport­lich. Denn wer mich bezwang, musste ver­dammt gut gewesen sein.

Sie stammen aus kleinen Ver­hält­nissen. Waren Sie als Profi von der Angst vor dem sozialen Abstieg getrieben?
Nein. Als ich mir schon einen Status erspielt hatte, war der Ehr­geiz noch stärker. Ich war ein­fach so. Mein Trainer Rolf Herings hat gesagt: Der Toni hatte nicht das meiste Talent, der hat sich alles erar­beitet.“ Nur zwei Tage nach dem WM-Finale 1986 habe ich ange­fangen, für die neue Saison zu trai­nieren.

Inso­fern war nicht irgendein Gegner Ihr größter Rivale, son­dern Sie selbst.
Mag sein. Doch sich selbst als Moti­va­tion wahr­zu­nehmen, ist schwierig. Also pro­ji­zierte ich alles auf den Gegner: Das ist der­je­nige, der mir was weg­nehmen will!“ Oder ich habe Theater mit dem Publikum ange­fangen.

Aus tak­ti­schen Erwä­gungen?
Ja, ich brauchte das manchmal. Wenn ich die Tri­büne pro­vo­zierte und die Pfiffe kamen, dachte ich: Jetzt wartet ihr alle darauf, dass ich einen Fehler mache. Aber den Gefallen tue ich euch nicht.“

Wie sehr haben Sie andere Keeper als Rivalen ver­standen? KSC-Tor­wart Alex­ander Famulla hatte Angst, als er mit dem jungen Oliver Kahn das Zimmer teilte, dass der ihm nachts das Kissen ins Gesicht drückt. Hatten Sie jemals Mord­fan­ta­sien?
Nein, nie. Ich weiß nicht, ob das auch daran lag, dass ich überall zur Nummer Eins wurde und es dann lange blieb. In Köln ver­letzte sich Stamm­keeper Gerd Welz, im Natio­naltor wurde ich Nach­folger von Sepp Maier, weil der einen Unfall hatte. So ist das im Leben: Wir stehen alle neben­ein­ander, der liebe Gott schickt eine Chance auf den Weg – und wer sie fest­hält, kann daraus Profit schlagen.

Jetzt unter­schlagen Sie aber den Kon­kur­renz­kampf mit Slo­bodan Topal­ovic zu Zeiten von Hennes Weis­weiler in Köln.
Zuge­geben, das war eine sehr unan­ge­nehme Phase für uns beide. Damals wussten wir noch im Bus auf dem Weg zum Sta­dion nicht, wer spielen würde. Es gibt ja Trainer, die auf so etwas stehen. Ich teile diese Mei­nung nicht. Denn es hat uns beide damals total ver­un­si­chert.

Weis­weiler soll gesagt haben: Ich weiß gar nicht, ob ich den Schu­ma­cher im Tor brauche.“
Den Schu­ma­cher ver­schenken wir“, hat er gesagt. Danach habe ich ihn in gewisser Weise auch als Rivalen gesehen. Es waren zu diesem Zeit­punkt noch fünf Spiele und ein Pokal­fi­nale zu absol­vieren. Am Ende wurden wir Pokal­sieger und was sagte Weis­weiler? Toni, du bist und bleibst meine Nummer Eins.“

Nach Topal­ovic war Gerry Ehr­mann hinter Ihnen der zweite Mann im Tor des FC.
Auch so ein total Beses­sener, aber wir hatten ein gutes Ver­hältnis. Wir haben ständig zusammen im Kraft­raum trai­niert und geschaut, wer mehr Klimm­züge schafft.

Hatten Sie nie Angst, dass einer an Ihnen vor­bei­zieht?
Nein, weil mir meine Trainer aller­meis­tens deut­lich signa­li­siert haben, dass ich die klare Nummer Eins bin.

Bei der WM 1986 soll Franz Becken­bauer angeb­lich Uli Stein den Platz im Tor ver­spro­chen haben.
Gegen­frage: Wenn es so war, warum gab es dann diese Suppenkasper“-Affäre?

Aus Ihrer Sicht gab es keine Riva­lität zu Uli Stein im Natio­naltor?
Nein, bei allem Respekt, er war einer von vielen zweiten Tor­hü­tern, die hinter mir gespielt haben. Aber die Situa­tion hat damals manchmal etwas genervt. Er war sehr offensiv mit den Medien und der Öffent­lich­keit.