Seite 2: „Das Maradona-System gibt es nicht“

Ein schönes Tor braucht also einen unbe­zwing­baren Helden?
Ein Tiki-Taka-Tor zum Bei­spiel kann nicht die gleiche Fas­zi­na­tion her­vor­rufen wie ein Solo­lauf, da es statt des ein­zelnen Helden die Kon­stel­la­tion System-gegen-System ent­hält. Das System Guar­diola“ gibt es, das System Mara­dona“ aber eben nicht. Damit kommen wir zu einem Begriff wie Frei­heit, natür­lich im meta­pho­ri­schen Sinne. Denn es geht nicht tat­säch­lich um Frei­heit, genau wie es beim Spiel Eng­land gegen Argen­ti­nien nicht tat­säch­lich um die Falk­land­in­seln geht. Mara­dona nimmt sich nur sprich­wört­lich die Frei­heit, ein­fach durch­zu­laufen und nie­mandem den Ball abzu­geben. Der Lauf sti­mu­liert uns, und zwar so sehr, dass wir inner­lich mit­laufen, inmitten durch das System zer­stö­re­ri­scher Ver­tei­di­gung.
 
Der Dichter Chris­tian Mor­gen­stern hat gesagt, dass schön alles sei, was man mit Liebe betrachte. Heißt das im Umkehr­schluss: Wer den Fuß­ball nicht liebt, kann Tore nicht schön finden?
Nein, das halte ich für falsch. Der Begriff des Schönen hat eben dieses Über­schüs­sige, was ohne Erklä­rung sichtbar wird. Selbst wenn Sie nur wenige Male Fuß­ball geschaut haben und einen Solo­lauf wie den von Lionel Messi gegen Getafe sehen, reißt Sie das mit. Wech­seln wir nur Mal die Per­spek­tive: Wenn Sie keine Ahnung von Ame­rican Foot­ball haben, bei einer Live-Über­tra­gung aber einen 100-Yard-Lauf in Rich­tung End­zone sehen, ergeht es Ihnen eben­falls so. Denn Sie erkennen – natür­lich auch an den Reak­tionen der anderen –, dass sich hier etwas Beson­deres ereignet. Des­halb würde ich noch eine Stufe weiter gehen: Man muss das Spiel nicht lieben, um ein Tor als schön zu emp­finden – man muss es noch nicht einmal kennen.


 
Herr Kran­ken­hagen, Sie aber lieben und kennen das Spiel.
Des­halb neigt man auch schnell dazu, die Frage nach schönen Toren eupho­risch mit Thomas Riedl zu beant­worten. (Lacht.) All­ge­mein aber gilt: Ein schönes Tor ist der über­ra­schende Moment, in dem sich sehr viele Men­schen darauf einigen, soeben eines gesehen zu haben.
 
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