Karl-Heinz Mödrath war die große Kar­riere nicht ver­gönnt. In vier Bun­des­li­ga­spielen traf er zweimal, eine starke Quote, doch es kamen eben keine wei­teren Ein­sätze hinzu. In Liga zwei aber, da wurde Mödrath zur ganz großen Nummer: 272 Spiele, 150 Tore, Platz zwei in der ewigen Unter­haus-Tor­jä­ger­liste, Jupp Heynckes‘ Pen­dant sozu­sagen. Doch hat das gereicht, um in Erin­ne­rung zu bleiben?

Radamel Falcao spielt heute Abend mit Atle­tico Madrid im Halb­final-Rück­spiel der Europa League beim FC Valencia. 4:2 haben Madri­lenen das Hin­spiel gewonnen, und Falcao tat das, wofür er vor der Saison vom FC Porto geholt worden war: Er schoss zwei Tore. Das zweite, ein ful­mi­nanter Kra­cher unter die Latte, hätten Didier Drogba oder Mario Gomez auch nicht schöner erzielen können. Und doch haben beiden dem Kolum­bianer etwas voraus: Sie jubeln regel­mäßig in der Cham­pions League. Falcao nicht. Er gilt als einer der besten Stürmer, die der­zeit in Europa spielen. Doch wird das rei­chen, um in Erin­ne­rung zu bleiben?

40 Mil­lionen blät­terte Atle­tico im August des Vor­jahres für Falcao hin. Eine fürst­liche Ablö­se­summe, die not­wendig wurde, nachdem der heute 26-Jäh­rige seinen Ver­trag beim FC Porto kurz zuvor bis 2015 ver­län­gert hatte. Das hatte den FC Chelsea und Real Madrid abge­schreckt, sie stiegen aus dem Poker um Falcao aus – und kamen ins Halb­fi­nale der Cham­pions League.

Kopf­ball­trai­ning mit dem Vater

Falcao spielt Europa League und ist dort über jeden Zweifel erhaben. Kein Spieler schoss in diesem Wett­be­werb jemals mehr Treffer in einer Saison (17). Seine Tore sind unglaub­lich“, jubelt Ex-Porto-Trainer André-Villas Boas, wenn er an Falcao denkt. Beid­fü­ßig­keit und Durch­set­zungs­ver­mögen zeichnen den Kolum­bianer aus. Doch am auf­fäl­ligsten ist seine Kopf­ball­stärke. Trotz beschei­denem Gar­demaß (1,77 Meter) ist er in der Luft kaum zu stoppen. Eine Spe­zia­lität, die ihm der Vater mit auf den Weg gegeben hat. Er war ein toller Abwehr­spieler und hat mir gezeigt, wie man es anstellt, um in der Luft zu schweben“, sagt Falcao über Radamel Senior, einen ehe­ma­ligen kolum­bia­ni­schen Pro­fi­fuß­baller, der ihm in der kolum­bia­ni­schen Küs­ten­stadt Santa Marta die ersten Kniffe zeigte.

Auch die spa­ni­sche Pri­mera Divi­sion hat Falcao erobert. 22 Treffer in 30 Spielen setzen ihn in der Tor­jä­ger­liste auf den dritten Platz, nur den Fabel­wesen Cris­tiano Ronaldo (42) und Lionel Messi (41) muss er sich beugen. Doch was ist die Freude über diese Treffer wert? Selbst die Europa-League-Qua­li­fi­ka­tion ist für den Tabel­len­siebten Atle­tico momentan in Gefahr. 40 Mil­lionen hat Falcao gekostet. Sein Ruf eilt ihm voraus. Der Ver­trag läuft bis 2015. Er scheint in der zweiten euro­päi­schen Liga gefangen zu bleiben.

Dabei lernte Falcao früh die Über­hol­spur kennen. Als 13-Jäh­riger machte er 1999 sein erstes Spiel in der zweiten Liga Kolum­biens. 2001 wech­selte er zu CA River Plate nach Argen­ti­nien – mit gerade einmal 15 Jahren. Vier Jahre später debü­tierte er im Pro­fi­team und schoss neun Tore in acht Spielen. Dann wurde er durch eine schwere Knie­ver­let­zung aus­ge­bremst. Das Ende der Pro­fi­kar­riere? Falcao grü­belte. Ich habe mich immer gefragt, warum Gott mir das angetan hatte“, gab er der Inter­net­seite unfpa​.org einmal Ein­blick in sein See­len­leben, doch ich erkannte, dass das alles einen Grund hatte. Diese Dinge sollten mir helfen zu wachsen und zu reifen. Ich sollte immer daran denken, dass Ruhm ver­gäng­lich sein kann.“ Schon als Jugend­li­cher war er in kirch­li­chen Orga­ni­sa­tionen aktiv gewesen, in dieser Zeit fand er in seinem Glauben noch mehr Zuflucht. Ebenso wie in seinem Jour­na­lis­tik­stu­dium, das er in dieser Zeit inten­si­vierte. Auf einen Hoch­schul­lab­schluss war er dann aller­dings doch nicht ange­wiesen. 2007 fei­erte er sein Come­back, mit 45 Toren in 109 Spielen schoss er sich nach Europa. Statt weiter in die Uni ging es 2009 zum FC Porto.

Die Cham­pions Leauge ist Pflicht für einen wie ihn

Zwei Jahre Por­tugal ließen ihn meh­rere Titel sam­meln: Pokal­sieger 2010 und 2011, Meister 2011, Europa-League-Sieger 2011. Das kleine Triple. Eine Kar­riere fast wie im Mär­chen. Nur mit der Cham­pions League wurde er nicht warm: Vier Tore in acht Spielen 2009/10 für den FC Porto. Keine schlechte Quote. Aber letzt­lich auch nicht besser als die Aus­beute Karl-Heinz Mödraths in der Bun­des­liga. 

Als Atle­tico Madrid die Kohle auf den Tisch legte, ging es schnell. Viel­leicht etwas zu schnell. Oder unüber­legt. Ein wei­teres Jahr in Porto, mehr Ein­sätze in der Cham­pions League, mehr Tore, und viel­leicht wäre es doch noch etwas geworden mit dem Transfer zu Chelsea oder Real. Jetzt muss er don­ners­tags ran, diens­tags und mitt­wochs glänzen andere.

Atle­tico Madrid wurde letzt­mals 1996 spa­ni­scher Meister, seit der Jahr­tau­send­wende sprangen zwei vierte Plätze als größte Erfolge heraus. Und inter­na­tional? 2010 gewannen die Madri­lenen die Europa League. Jetzt könnte es wieder klappen. Doch reicht das Falcao? Ich stehe noch am Anfang, ich lerne noch„, sagte der Angreifer, als er mit dem FC Porto vor dem Gewinn der Europa League stand. Das war vor einem Jahr. Nun kann sich Geschichte wie­der­holen. Falcao hätte aus­ge­lernt. Der Mann, den sie den Tiger nennen, blieb stets bescheiden. Doch die Cham­pions League ist für einen wie ihn eigent­lich Pflicht. Wenn nicht bei Atle­tico, dann woan­ders. Ins­ge­heim wird er das auch selbst wissen.