In schlechten Zeiten schwelgt man gerne in schönen Erin­ne­rungen. Anders aus­ge­drückt: Als Fan von Werder Bremen lebt man der­zeit in der Ver­gan­gen­heit. Vor dem inneren Auge: Johan Micoud, Diego, Mesut Özil. Und noch früher: Wynton Rufer, Dieter Eilts, Rune Bratseth. Ja, wenn man wie zuletzt zuhause gegen Augs­burg ver­liert, roman­ti­siert man sogar die tech­ni­sche Beschla­gen­heit eines Andree Wie­dener und die Treff­si­cher­heit eines Wla­dimir Best­chast­nykh.

Augs­burg! Pffff!“

Noch schlimmer ist es, wenn man einen kleinen Bruder hat, der für den HSV schwärmt. Der obli­ga­to­ri­sche Anruf nach dem Augs­burg-Spiel ließ nicht lange auf sich warten. Warum nehme ich eigent­lich ab?“, dachte ich noch, aber wer weiß, es könnte ja etwas Wich­tiges sein. Mein Bruder sagte: Haha, Werder hat ver­loren! Wie scheiße sind die denn? Augs­burg! Pffff!“ Ich legte auf. Pfff.

Erneut schloss ich die Augen, sah Mario Basler beim Eck­stoß, Uli Borowka beim Grät­schen und auch: den Mai 2009. Ich nahm mir vor, mich bei der nächsten Gele­gen­heit zu rächen. Mein Bruder würde Bekannt­schaft mit meiner Geheim­waffe machen: Einem Instru­ment, das Anhänger des HSV schlag­artig zum Schweigen bringt. Die Big Bertha“ der Werder-Fans.

Der große Show­down der Nord­ri­valen

Die Bau­an­lei­tung der Super­waffe ist schlicht: großes Stück Papier (weiß) nehmen, knüllen, geknüllte Papier­kugel in Rich­tung des spot­tenden HSV-Fans werfen, laut den Namen GRAV­GAARD!“ schreien oder Nur ein kleines Stück Papier“ von Wolf­gang Petry singen. Fertig.

Warum das so gut funk­tio­niert? Ein kleines Stück Zell­stoff ent­schied das Rück­spiel des Uefa-Cup-Halb­fi­nales 2009. Es war der Höhe­punkt der Klub­ri­va­lität zwi­schen Werder Bremen und dem HSV. Das Schicksal hatte per Los bestimmt, dass es 2009 zwi­schen dem 22. April und dem 10. Mai zum großen Show­down der Nord­ri­valen kommen sollte. Wie durch Vor­se­hung standen inner­halb kür­zester Zeit Duelle im DFB-Pokal-Halb­fi­nale, im Halb­fi­nale des Uefa-Cups und in der Bun­des­liga an. Im Vor­feld der Play­offs legte sich eine selt­same Ruhe über den Norden. Werder gegen den HSV, viermal in 19 Tagen.

Alles ange­richtet für einen Festakt in Rot­hosen

Beim Pri­vat­fern­sehen leckten sich die Pro­gramm­di­rek­toren die Finger flut­schig: Gegen den 19-Tage-Wahn­sinn konnte selbst Die Wan­der­hure“ ein­pa­cken. In den Haupt­rollen: ein sin­gender Wiese („Scheiße, Scheiße, Haaa Esss Vaaaauu!“), Piotr Tro­chowski, der das Hin­spiel des Uefa-Cup-Halb­fi­nales mit einem Kopf­ball ent­schied – und eine kleine Papier­kugel.

Die HSV-Fans waren trotz des DFB-Pokal-Aus gegen Werder zwei Wochen zuvor nach dem Hin­spiel-Sieg opti­mis­tisch: Ham­burg war zu diesem Zeit­punkt die Nummer eins im Norden, peilte in der Bun­des­liga die Cham­pions-League-Plätze an und schielte mit einem Auge auf das Uefa-Cup-Finale in Istanbul. Voller Zuver­sicht erstrahlte der Volks­park in schwarz-blau-weißem Glanz einer rie­sigen Fan-Cho­reo­grafie. Alles war ange­richtet für einen Festakt in Rot­hosen. Was die HSV-Fans da noch nicht ahnten: Die Choreo würde zur Ur-Kata­strophe der Saison werden.

Das Rück­spiel war ein offener Schlag­ab­tausch. Der HSV ging durch Ivica Olic früh in Füh­rung, der Volks­park stand Kopf. Kurz danach glich Diego aus, in der 66. Minute traf Claudio Pizarro zum 2:1. Ham­burg brauchte min­des­tens ein Unent­schieden. Die Luft ließ sich in Scheiben schneiden. Ein emo­tional über­for­derter HSV-Fan knüllte einen der 45.000 Dekor­bögen der Choreo zusammen und schmiss ihn aufs Feld. Warum, blieb sein Geheimnis.

Fest steht: Es war einer der weit­rei­chendsten Papier­kugel-Würfe der Fuß­ball-Geschichte. Unscheinbar und unbe­achtet fris­tete sie ein Rand­da­sein etwa drei Meter vor der Grund­linie. Vor einem Diego-Frei­stoß in der 78. Minute war der Zel­lu­lo­se­batzen bereits am Rand der TV-Bilder zu erkennen.

Der Fuß­ball­gott ist ein Werder-Fan

Immer noch fehlte dem HSV ein Tor. Inzwi­schen hatten die Ham­burger die Brech­stange aus­ge­packt und spielten bereits Kick and Rush“. Zer­kaute Nagel­betten bei Fans beider Seiten. Das Pri­vat­fern­sehen hatte den her­bei­ge­sehnten Mexican Stand-Off. Dann die 80. Minute: HSV-Ver­tei­diger Michael Grav­gaard wollte einen Rou­tine-Quer­pass zu Frank Rost spielen, damit dieser die Pille nach vorne prü­geln konnte. Auf­tritt Papier­kugel. Der Ball rollte über das unschein­bare Hin­dernis und hüpfte unglück­lich an Grav­gaards Schien­bein. Der fuhr­werkte den Pass ins Toraus – Ecke. Sat1“ zeigte eine Zeit­lupe von dem Miss­ge­schick. Pech.

Voller Ver­zweif­lung trat der Däne das Corpus Delicti vom Platz. Diego war es egal: Er führte die Ecke aus. Almeida köpfte Rost an, der wehrte seit­lich ab. Bau­mann schmiss sich in den Ball und brachte ihn allein durch seine Wil­lens­stärke über die Linie. 3:1! Das Spiel war ent­schieden. Durch einen Klumpen Karton. Bremer Jubel­schreie klangen bis nach Del­men­horst. Das Papp­teil erhielt Einzug in die Bremer Stadt­folk­lore und hat sogar einen klang­vollen Namen: Papier­kugel Gottes“.

Der Unter­gang des HSV

Der HSV war geschockt. Die Ham­burger schafften kurz vor Schluss zwar noch den Anschluss­treffer durch Olic, aber es war zu spät. Bremen stand im Finale, der HSV war aus­ge­schieden. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: Nach dem Spiel lan­dete das Beweis­ma­te­rial in pro­mi­nenter Posi­tion auf dem Mode­ra­ti­ons­tisch zwi­schen Oliver Welke und dem Sat1-Experten“ Mirko Slomka. Klaus Allofs bewun­derte den Glücks­bringer im Field-Inter­view. Kurz darauf wurde die Papier­kugel für 4510 Euro ver­stei­gert und lan­dete schließ­lich als Denk­zettel in einer Ple­xi­glas­vi­trine im Ver­eins­mu­seum von Werder Bremen.

Beim vierten Auf­ein­an­der­treffen eine halbe Woche später ging der HSV end­gültig unter. Für Werder, gefangen im grau­mäu­sigen Nie­mands­land der Bun­des­liga, ging es eigent­lich um nichts mehr. Der Sieg im letzten Akt des drei­wö­chigen Dramas hätte dem HSV eigent­lich geschenkt werden können. Aber Pus­te­ku­chen: Bremen war erbar­mungslos. Zwei HSV-Ver­tei­diger rannten sich im eigenen Straf­raum über den Haufen, Hugo Almeida nutzte das aus. 1:0. Die Fans kannten noch weniger Gnade und ließen eine über­di­men­sio­nale Papier­kugel durchs Sta­dion rollen. Die HSV-Profis waren am Ende ihrer Kräfte. Sie hatten die 19 schlimmsten Tage ihrer Fuß­ball­kar­riere hinter sich. Das Spiel endete 2:0. Inner­halb von kür­zester Zeit hatte Ham­burg alles ver­loren. Am Ende der Saison warf Trainer Martin Jol („Ich kann Bremen nicht mehr sehen!“) hin.
Heute ist die werf­bare Devo­tio­nalie das belieb­teste Motiv in Bre­mens Wuseum“. Auch ich besuchte sie einst, um ihr Tribut zu zollen. Auf dem Foto, das ich schoss, grinse ich breit. Ich pos­tete es an die Face­book-Pinn­wand meines Bru­ders. 24 Per­sonen gefiel das. Meinem Bruder nicht.