Seite 5: „Ich wäre kein Mensch, wenn ich da nicht geheult hätte“

Sie ist auch Ita­lie­nerin. Als Ita­liens Natio­nal­trainer Roberto Man­cini im November bekannt gab, dass Sie im Kader der Squadra Azzurra stehen, sollen Sie beide geheult haben.
Da muss ich ein biss­chen aus­holen. Ita­lien ist alles für mich. Zu Hause in Pforz­heim wurde Ita­lie­nisch geredet. Es gibt für mich nicht Grö­ßeres als Orec­chi­ette von Mama. Immer lief der Fern­seher, Serie A. Ich liebe Inter Mai­land. Und wenn ein Län­der­spiel war, standen Fran­cesco, Pino und ich in einer Reihe. Mit der Hand auf der Brust haben wir die Hymne gebrüllt wie Geis­tes­kranke. Auf dem Bolz­platz war ich Pirlo und habe Frei­stöße rein­ge­schweißt. Wenn im Sommer die Ferien los­gingen, packten wir gleich am ersten Tag das Auto und fuhren nach Naro oder Lecce, da kommen meine Eltern her.

Sind das schöne Erin­ne­rungen?
Welt­klasse! Da war Full House im Sommer. Oma hat Früh­stück gemacht, Crois­sant mit Nutella. Von 10 bis 12 Uhr waren wir am Meer, mit­tags haben wir dann alle Tische zusam­men­ge­schoben und Oma hat Can­nel­loni auf­ge­tragen. Zwanzig Leute haben zusammen gegessen, dann wurde ein kleines Mit­tags­schläf­chen gehalten. Danach ging es zurück an den Strand, natür­lich mit Ball. Um sechs zurück nach Hause, denn da wurde gegrillt. Abends hieß es natür­lich: raus auf die Piazza, schlen­dern. Oder aufs Tram­polin oder ein Besuch bei Ver­wandten, da gab es dann nochmal Pizza. So kann man sechs Wochen ver­bringen. Das Schönste aber war, über den Markt zu gehen.

Wegen der fri­schen Tomaten?
Wegen der Tri­kots! Gefälscht, bil­ligster Stoff, aber Totti oder Del Piero hinten drauf. 

Bei Ihrem ersten Län­der­spiel, im November gegen die USA, durften Sie dann Ihr eigenes Trikot tragen. Sie bekamen die 10, weil Lorenzo Insigne krank wurde.
Mein Opa hat mir mal einen Pulli geschenkt. Vorne drauf war das Gesicht von Roberto Baggio, für mich die größte Nummer 10 aller Zeiten. Wie ele­gant der sich bewegt hat! Wie er das Sta­dion inspi­riert hat mit seinen Toren und Dribb­lings! Den Pulli trug ich damals jeden Tag. Und jetzt sollte ich die 10 selbst tragen. Ich wäre kein Mensch, wenn ich da nicht geheult hätte.