Seite 2: „Körperlich hatte ich keine Chance“

Am gefähr­lichsten ist der Sport­club, wenn Sie zur Ecke oder zum Frei­stoß anlaufen. Einen haben Sie direkt ver­wan­delt. Wie schießt man den per­fekten Frei­stoß?
Viel pas­siert im Kopf. Wenn ich mir den Ball nehme, denke ich: Den knall ich rein. Ich funk­tio­niere dann wie ein Bal­ler­spiel an der Kon­sole. Mein Kopf färbt die Mauer rot und die Bereiche, wo der Ball hin könnte, grün. Dorthin steuere ich das Faden­kreuz. Meist spüre ich dann, ob was gehen könnte.

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Früher jeden Tag. Jun­inho, Ronald­inho, Pirlo, Hakan.

Calha­noglu?
Ja. Aber der schießt zum Bei­spiel ganz anders als ich, das musste ich lernen. Ich kann nicht ein­fach Hakan kopieren, mir liegt eine andere Technik besser. Der schießt mit dem oberen Spann, der Ball flat­tert und hat kaum Rota­tion. Ich schieße mit dem Innen­spann und mit Zug. Zwei­ein­halb Schritte Anlauf, recht direkt zum Tor, nicht abge­win­kelt wie Beckham. Eher Messi-Style, nur fester. Ich übe das, seit ich denken kann. Nach jedem Trai­ning min­des­tens eine Vier­tel­stunde, oft länger.

In Ihrer Heimat Pforz­heim erzählt man sich, Sie hätten das früher schon trai­niert. Als kleiner Junge auf dem Bolz­platz.
Wenn wir Ferien hatten, sind wir um 8 Uhr auf­ge­standen. Mama hat für mich und meine zwei Brüder, Pino und Fran­cesco, Früh­stück gemacht, dann sind wir los. Bis 21 Uhr waren wir auf dem Bolz­platz, ohne zu essen. Wir haben uns einen Sech­ser­pack Eistee geholt, jeder musste 50 Cent geben. Die Fla­schen haben wir neben das Tor gestellt. Der Platz war knall­voll: 30 Leute, sechs Fün­fer­teams. Alles, was in Pforz­heim Rang und Namen hatte, war da. 

Haben Sie da gemerkt, dass Sie besser sind als die anderen?
Mein Bruder hat das gemerkt, Fran­cesco. Er hat mich immer bei den Großen kicken lassen. Das war krass: als 13-Jäh­riger gegen die 18-Jäh­rigen. Kör­per­lich hatte ich keine Chance, ich musste mir anders helfen. Beim Trai­ning im Verein habe ich mich dann gewun­dert, warum die anderen schwä­cher waren. Ich habe Fran­cesco viel zu ver­danken.

Ihr Team war stadt­be­kannt: die Grifos und andere ita­lie­ni­sche Hoch­ka­räter, zum Bei­spiel Mar­celo Cam­pisi. Der soll ebenso begabt gewesen sein. Was hatten Sie, was den anderen fehlte?
Ich war wahn­sinnig. Keiner kann sich vor­stellen, was für eine Gier ich hatte. Nach so einem Bolz­platztag sind meine Brüder am nächsten Tag auf­ge­standen und haben gestöhnt, wie sehr alles weh tut. Ich bin joggen gegangen.