Am Ende weint Gazza“ bit­tere Tränen. Ein gewisser Andy Möller hat Deutsch­land an Eng­land vorbei ins Finale der EM 1996 geschossen. Mit dem zwölften und letzten Elf­meter in einem ner­ven­zer­rei­ßenden Shoot-Out. Möller imi­tiert die Jubel­pose, die Gas­coigne zuvor nach seinem ver­wan­delten Schuss zum Besten gegeben hat. Und die deut­schen Schlach­ten­bummler singen höh­nisch: Foot­ball’s coming home!“ Es ist das Aus für Eng­lands Titel­träume – und das Ende einer gut fünf­wö­chigen Paul-Gas­coigne-Party, die auf einem Zahn­arzt-Stuhl in Hong­kong begonnen hat.

Kein Gerin­gerer als Gas­coigne per­sön­lich erin­nert nun an diese Zeit, in der ganz Eng­land, vor allem aber Gazza“ völlig frei­drehte. Der heute 54-Jäh­rige gab seinem dama­ligen Team­ka­me­raden Jamie Red­knapp vor einigen Tagen ein langes Inter­view für die Daily Mail, das einem die Gän­se­haut nur so den Rücken hoch­treibt: Dieser Spaß, den wir damals hatten, das Ver­trauen zuein­ander, das Gemein­schafts­ge­fühl“, schwärmt Gas­coigne im Talk mit dem eins­tigen Kol­legen. Wir saßen im Bus auf dem Weg zu den Spielen und sangen dieses Lied: It’s coming home …‘ Als ihr alle aus dem Bus gestiegen wart, blieb ich immer noch eine Weile drinnen. Ich spielte dieses Lied nochmal ab. Dann sagte ich mir: Okay, ich bin fucking bereit.‘“

Die Sache mit dem Zahn­arzt-Stuhl

Eng­lands Vor­be­rei­tung auf das Tur­nier ver­läuft eher tur­bu­lent. Das Team tritt zu einer Asi­en­reise an, besiegt die Test­gegner China (3:0) und Hong­kong (1:0) und genießt unge­wöhn­liche Frei­heiten, wie Red­knapp reka­pi­tu­liert: Der Trainer (Terry Ven­ables; die Redak­tion) sagte uns nach dem Hong­kong-Spiel, dass wir tun könnten, was wir wol­letn, um zu relaxen. Oh, Junge. Was sind deine Erin­ne­rungen an diese Nacht, Gaz?“ Gas­coi­gnes Ant­wort kommt wie aus der Pis­tole geschossen: Es war mein 29. Geburtstag, also dachte ich: Okay, ver­dammt noch mal, ich gehe aus.‘ Ich erin­nere mich, dass ich loszog, um ein Paar Doc Mar­tens, eine große Zigarre und eine Fla­sche Cham­pa­gner zu kaufen. Anschlie­ßend kam ich in das Restau­rant, in dem ihr alle wart.“

Der Rest ist Geschichte, zu bestaunen im Archiv der Bou­le­vard­zei­tung The Sun: DIS­GRACEF­FOOL“, lautet die rie­sige Schlag­zeile zwei Tage später – ein Wort­spiel, das so viel bedeuten soll wie: Schänd­liche Idioten. Dar­unter: Ein Foto, auf dem Gas­coigne, Steve McMa­naman und Teddy She­ringham bier­selig in total zer­ris­senen Shirts her­um­tanzen. Eng­lands Natio­nal­spieler hatten in einer Bar einen aus­ran­gierten Zahn­arzt-Stuhl ent­deckt, auf dem sie sich (Schnaps trin­kend) foto­gra­fieren ließen. Auch dieses kom­pro­mit­tie­rende Bild­ma­te­rial wird der Presse zuge­spielt. Eigent­lich wollte ich mich ein­fach nur voll­laufen lassen“, erin­nert sich Paul Gas­coigne. Aber es wurde eine Klas­siker-Nacht!“ Und das nicht mal zwei Wochen vor dem Start der Heim-EM.

Die Medien schlach­teten uns für all das, doch das hat uns nur noch näher zusam­men­rü­cken lassen“

Paul Gascoigne über das englische Erfolgsgeheimnis

Die Hong­kong-Sause bleibt nicht der letzte Streich des Paul Gas­coigne. Auf dem Heim­flug demo­liert er auf dem Ober­deck des Flug­zeugs zwei TV-Bild­schirme. Kannst du dich erin­nern, warum du so aus­ge­rastet bist, Gaz?“, will Red­knapp wissen. Hat Alan Shearer mir ins Gesicht geboxt?“, fragt Gas­coigne zurück. Die rich­tige Ant­wort lie­fert Red­knapp selbst: Du warst ein­ge­schlafen, also holten ich und Robbie Fowler den Rasierer raus, und rasierten dir die Augen­brauen ab. Du bist auf­ge­wacht, weil du uns lachen hör­test. Dann hast du her­aus­ge­funden, warum. Und dar­aufhin sind einige Bild­schirme zu Bruch gegangen! Um ehr­lich zu sein: Weil du damals so hell­blond warst, konnte man nicht einmal sehen, dass deine Augen­brauen weg waren.“

Nicht nur Gas­coi­gnes Augen­brauen sind ver­schwunden – auch der Glaube der eng­li­schen Öffent­lich­keit an den ersten Titel seit 1966. Wie sollte diese Sauf-Truppe auch nur über die Vor­runde hin­aus­kommen? Zumal das mit den Augen­brauen und den kaputten Bild­schirmen nicht der ein­zige Vor­fall wäh­rend des Rück­flugs ist: Ich weiß noch, wie Dennis Wise in eines der Gepäck­fä­cher über den Sitzen gesperrt wurde“, erzählt Gazza“ amü­siert. Die Medien schlach­teten uns für all das, doch das hat uns nur noch näher zusam­men­rü­cken lassen.“