Seite 2: Karaoke mit Rod Stewart

Eng­lands Start ins Tur­nier ver­läuft erwar­tungs­gemäß: schwach. Gegen die Schweiz reicht es nur zu einem 1:1. Zwei Tage später sind Red­knapp, She­ringham und Sol Camp­bell auf der Titel­seite einer Zei­tung, trin­kend in einem Disco-Club. Weißt du noch, wo du an jenem Abend warst?“, fragt Red­knapp den Kol­legen Gas­coigne. Und wie er das weiß! Ich habe Rod Ste­wart besucht! Als wir so die Straße lang gingen, sagte ich: Komm, Rod, lass uns in den Pub gehen, ich brauche einen ver­dammten Drink.‘ Rod öff­nete seine Jacke und holte eine Fla­sche Wodka heraus. Ich sagte: Prost, Kumpel!‘ Anschlie­ßend gingen wir in den Pub und er sang Karaoke!“ Dass die Presse davon keinen Wind bekommen hat, darf bis heute als Wunder gelten.

Vor dem dar­auf­fol­genden Spiel gegen Schott­land kün­digt Gas­coigne in der Kabine an: Ich werde morgen treffen! Und dann mach ich den Zahn­arzt-Stuhl.“ Gesagt, getan. Die 79. Minute, ein Moment für die Ewig­keit: Gazza“ hebt den Ball gefühl­voll mit links über Schott­lands Ver­tei­diger Colin Hendry hinweg und schießt volley mit rechts ein. Der 2:0‑Endstand. Anschlie­ßend legt sich der Tor­schütze rück­lings auf den Boden, schließt beide Augen und öffnet den Mund, als würde jemand mit einer Fla­sche Schnaps über ihm stehen – so wie in Hong­kong … Als ich getroffen hatte, sprin­tete ich ein­fach los, ließ mich hin­fallen, hob den Kopf und war­tete“, erzählt Gas­coigne. Genauso hatte ich es mir die ganze Zeit über aus­ge­malt.“

Spie­le­ri­sche Bril­lanz in fal­schen Schuhe

Gazza“ ist längst in einem Rausch. Als nächstes knöpft er sich die Hol­länder vor. Ich habe sie ver­nichtet“, erin­nert er sich an seine 90-minü­tige Gala gegen Oranje. Ich habe hart gear­beitet, ein paar Tricks gezeigt, ein Tor für Alan Shearer vor­be­reitet und dann … 80.000 sangen meinen Namen. Ich erin­nere mich genau daran. Das war das beste Gefühl, das ich je hatte. Danach dachte ich: Right, wir werden dieses Tur­nier gewinnen.‘“ Als die Eng­länder im Vier­tel­fi­nale auch noch Spa­nien raus­ki­cken (im Elf­me­ter­schießen!) sind sie scheinbar nicht mehr auf­zu­halten.

Am Tag des Halb­fi­nales gegen Deutsch­land aber pas­siert Paul Gas­coigne ein Mal­heur: Er ver­gisst seine Fuß­ball­schuhe im Mann­schafts­hotel. Kol­lege She­ringham leiht ihm ein altes Paar. Aller­dings in Größe 10,5 – Gazza“ trägt eigent­lich Größe 9. Zudem hat der linke Treter von She­ringham einen zwei­ein­halb Zen­ti­meter langen Riss auf der Innen­seite, direkt ober­halb der Sohle, auf Höhe des Bal­lens. Egal. Gas­coigne lie­fert trotzdem eine famose Leis­tung ab und ver­passt das ent­schei­dende Tor mehr­mals nur um Haa­res­breite. Im Elfer­schießen trifft er trotz seiner viel zu großen Schlappen. Wobei: Den Ball hatte ich total falsch erwischt, ich hab ihn mir quasi selbst an die Hacke geschossen, des­halb ging er hoch oben ins Tor.“ Doch auch das Glück des Tüch­tigen hilft Gas­coigne am Ende wenig, weil ein gewisser Gareth Sou­th­gate vom Punkt schei­tert. An Andy Köpke.

Ich habe alles gegeben“, sagt Paul Gas­coigne noch. Ich habe es immer geliebt, für Eng­land zu spielen. Jede ein­zelne Minute hab ich geliebt.“ Und wir – das darf man auch als Deut­scher mal zum Aus­druck bringen – haben dich geliebt, Gazza!

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