Seite 2: Zur falschen Zeit beim falschen Verein

Lineker wurde bei der WM mit sechs Tref­fern Tor­schüt­zen­könig. Und er blieb kein One-Hit-Wonder wie Toto Schil­laci oder Oleg Salenko, zwei andere WM-Tor­schüt­zen­kö­nige, die nach den Tur­nieren nie mehr so gut waren. Lineker bril­lierte auch in seinen Ver­einen. Er machte keine Traum­tore, er machte Straf­raum­stür­mer­tore. Er stand sehr oft zur rich­tigen Zeit am rich­tigen Ort.

Aller­dings spielte er oft zur fal­schen Zeit beim fal­schen Verein. Für Lei­cester City, damals eine Fahr­stuhl­mann­schaft zwi­schen der First und Second Divi­sion, machte er 216 Par­tien und traf 103 Mal. Er wech­selte vor der Saison 1985/86 zum Meister FC Everton und wurde mit 30 Tref­fern Tor­schüt­zen­könig. Den Titel aber holte Liver­pool. Zur Saison 1986/87 ging Lineker zum FC Bar­ce­lona. In der Saison wurde Everton wieder Meister.

Auch bei den Kata­lanen spielte er oft über­ra­gend, in seiner ersten Saison traf er 22 Mal, gegen Real Madrid gelang ihm ein Hat­trick. Aber es war nicht die beste Zeit des großen Klubs. In den drei Lineker-Jahren wurde Barca zweimal Vize­meister und einmal Sechster. Im Uefa-Cup schied das Team gegen Dundee United aus. Immerhin gewann Barca die Copa del Rey und den Euro­pa­pokal der Pokal­sieger. Lineker ging 1989 zurück nach Eng­land und holte mit Tot­tenham immerhin den FA Cup. Und klar, für Bar­ce­lona begann nach Linekers Weg­gang eine gol­dene Ära mit vier Meis­ter­schaften in Folge und dem Lan­des­meister-Cup.

Ich wollte dem geg­ne­ri­schen Team für das Tor applau­dieren“

Gary Lineker

Die Bilanz von Lineker sieht also so aus: drei Pokal­titel, keine Meis­ter­schaft, keine WM, keine EM. Eine eher mit­tel­mä­ßige Aus­beute für einen der besten Stürmer der Welt. Ver­gleichbar mit Socrates, dem besten bra­si­lia­ni­schen Mit­tel­feld­spieler der Acht­ziger, der nie große Titel gewinnen konnte. Oder Stanley Mat­thews, Legende des Black­pool FC, der eben­falls nie Meister wurde.

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Ashley Cole und Gary Lineker unter­wegs als Experten von Match of the Day“

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Heute wird Lineker 60 Jahre alt. Er sieht blen­dend aus, wie eine Mischung aus Talk­show-Mode­rator und Schau­spieler, der sowohl in fran­zö­si­schen Autoren­filmen als auch in Hol­ly­wood-Block­bus­tern mit­spielen könnte. 

Ver­bit­tert war er übri­gens nie. Seine wenigen Pokale kom­men­tierte er stets non­cha­lant und mit der lineker­schen Selbst­ironie. Und ver­gan­gene Woche, als Mara­dona starb, schwärmte er von dessen Liebe und Hin­gabe zum Fuß­ball. Auch von dem Jahr­hun­derttor, das Mara­dona im WM-Vier­tel­fi­nale 1986 gegen Linekers Eng­länder erzielt hatte. Es war keine Mr-Nice-Guy-Freund­lich­keit, es waren keine Über-die-Toten-soll-man-nur-gut-spre­chen-Flos­keln. Lineker war immer schon ein großer Bewun­derer Mara­donas gewesen. Er hatte diesen Treffer immer schon in seinem Herzen gehabt, obwohl sein Team dadurch aus­ge­schieden war. Klar, die Hand Gottes, das war eine Lüge. Aber dieses zweite Tor, das war der Wahn­sinn. Nie war ich so knapp davor, einer geg­ne­ri­schen Mann­schaft für ein Tor zu applau­dieren.“