Irgend­wann kommt die Ent­täu­schung. Das ist bei jedem Fuß­ballfan so. Er wird ent­täuscht von seiner Mann­schaft, die absteigt oder ein wich­tiges Finale ver­liert. Oder von diesem ver­rückten Funk­tionär, der den Verein an den Rande des Ruins führt. Und natür­lich wird er auch ent­täuscht von vielen Helden der Jugend, die sich im Alter als Nar­zissten, Ego­isten und manchmal sogar als Quer­denker ent­puppen.

Gary Lineker ist einer der wenigen Akteure aus dem Fuß­ball­ge­schäft, der wür­de­voll von seiner aktiven Profi-Kar­riere in seine Ex-Profi-Kar­riere geglitten ist.

Er hat in seinen über 600 Pflicht­spielen nie eine Gelbe oder Rote Karte gesehen. Er hat vier Söhne, er ist ein freund­li­cher und enga­gierter Mann, der als Bot­schafter für Show Racism the Red Card“ auf­tritt. Er hat die Bun­des­liga 2017 vor RB Leipzig gewarnt („Wenn ihr nicht auf­passt, wird Leipzig euer Chelsea!“). Er hat ange­kün­digt, Geflüch­tete bei sich auf­zu­nehmen („Mein Kinder sind alle aus dem Haus, ich habe einige freie Räume“). Er kri­ti­siert den Brexit. Er ist der Urheber eines der meist zitierten Fuß­ball-Bon­mots („Fuß­ball ist ein ein­fa­ches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deut­schen“). Er hat Lei­cester City vor der finan­zi­ellen Pleite bewahrt, in der aktu­ellen Corona-Pan­demie hat er 140.000 Pfund an das Rote Kreuz gespendet. Keine Skan­dale, keine Sauf­ge­schichten, keine Prü­ge­leien. Mr. Nice Guy“ nennen sie ihn in Eng­land, und er ist so nice und per­fekt, dass einige ihn sehr gerne hassen wollen.

Das Pro­blem mit Lineker: Er ist immer ein wenig besser, als du es eigent­lich ver­mutet hast“

Lynn Barber

Im Guar­dian pro­bierten sie das immer wieder mal. 2001 etwa schrieb die Jour­na­listin Lynn Barber: Ich habe wirk­lich ver­sucht, ihn zu hassen, aber das ist das Pro­blem mit Lineker: Er ist immer ein wenig besser, als du es eigent­lich ver­mutet hast.“

2005 ver­suchte es der Guar­dian-Autor Simon Hat­ten­stone erneut mit einem Rant: Bei seinem letzten Län­der­spiel, 1992, nahm ihn Trainer Graham Taylor vor dem Abpfiff vom Feld und ver­hin­derte, dass er Bobby Charl­tons Tor­re­kord ein­stellt. Es gab einen großen Auf­schrei. Aber viel­leicht wollte Taylor ein­fach nicht, dass Charl­tons Rekord an einen selbst­ge­fäl­ligen Dieb wie Lineker ging.“ Lineker, so resü­mierte Hat­ten­stone, rede zu viel und sei auch gar nicht so lustig, wie man denke.

Na gut. Geschmack­sache. Neu­lich aber ant­wor­tete Lineker auf Donald Trumps Tweet I won the elec­tion“ mit diesem Satz: I won the World Cup“. Und das kann man drehen und wenden, wie man will: Das war ziem­lich lustig.

1986 war Lineker war nah dran, eine WM und eine Meis­ter­schaft zu gewinnen. Aber am Ende zer­störten Liver­pool und Diego Mara­dona seine Hoff­nungen.

In jenem Sommer sah ich Gary Lineker zum ersten Mal. Jeden Tag nahm mich ZDF-Reporter Rolf Kramer mit auf eine Traum­reise nach Mexiko. Es war das Tur­nier, das die Stars zurück­brachte: Scifo, Pla­tini, Mara­dona, Socrates – und Lineker. Kurz vor Tur­nier­be­ginn hatte er sich in einem Test­spiel eine Hand­ge­lenks­ver­let­zung zuge­zogen. In Mexiko spielte er mit einem weißen Ver­band am linken Unterarm. Ich kannte die Gründe damals nicht, aber es machte aus ihm, der eigent­lich aussah wie ein braver Geo­gra­fie­stu­dent, einen wage­mu­tigen Aben­teurer. Er kämpfte gegen die bein­harten Ver­tei­diger aus Marokko und die 1000 Sonnen Mon­ter­reys. Wenn ich heute an die WM 1986 denke, sehe ich Bur­ruchagas Lauf­duell mit Briegel, Negretes Seit­fall­zieher an der Straf­raum­grenze und Linekers Jubel nach seinen drei Toren gegen Polen, nach denen er vor Freude die Arme hoch­wirft und darauf achtet, dass seine lädierte Hand nicht gegen den Pfosten oder seine Mit­spieler stößt.

Eng­land hatte in den ersten zwei Grup­pen­spielen gegen Por­tugal (0:1) und Marokko (0:0) kein Tor geschossen. Vor dem ent­schei­denden Spiel gegen Polen war klar, dass Trainer Bobby Robson einen Stürmer wech­seln würde: Gary Lineker oder Mark Hateley.

Es sei großes Glück gewesen, dass Robson ihn auch im dritten Spiel von Anfang an spielen ließ, sagte Lineker später. Es war das Spiel, das mein Leben ver­än­dert hat.“ Denn ab da lief es, im Ach­tel­fi­nale gegen Para­guay traf Lineker dop­pelt, und im Vier­tel­fi­nale gegen Argen­ti­nien machte er ein wei­teres Tor. Was wäre noch mög­lich gewesen, wenn Mara­dona nicht die Hand zu Hilfe genommen hätte?

Lineker wurde bei der WM mit sechs Tref­fern Tor­schüt­zen­könig. Und er blieb kein One-Hit-Wonder wie Toto Schil­laci oder Oleg Salenko, zwei andere WM-Tor­schüt­zen­kö­nige, die nach den Tur­nieren nie mehr so gut waren. Lineker bril­lierte auch in seinen Ver­einen. Er machte keine Traum­tore, er machte Straf­raum­stür­mer­tore. Er stand sehr oft zur rich­tigen Zeit am rich­tigen Ort.

Aller­dings spielte er oft zur fal­schen Zeit beim fal­schen Verein. Für Lei­cester City, damals eine Fahr­stuhl­mann­schaft zwi­schen der First und Second Divi­sion, machte er 216 Par­tien und traf 103 Mal. Er wech­selte vor der Saison 1985/86 zum Meister FC Everton und wurde mit 30 Tref­fern Tor­schüt­zen­könig. Den Titel aber holte Liver­pool. Zur Saison 1986/87 ging Lineker zum FC Bar­ce­lona. In der Saison wurde Everton wieder Meister.

Auch bei den Kata­lanen spielte er oft über­ra­gend, in seiner ersten Saison traf er 22 Mal, gegen Real Madrid gelang ihm ein Hat­trick. Aber es war nicht die beste Zeit des großen Klubs. In den drei Lineker-Jahren wurde Barca zweimal Vize­meister und einmal Sechster. Im Uefa-Cup schied das Team gegen Dundee United aus. Immerhin gewann Barca die Copa del Rey und den Euro­pa­pokal der Pokal­sieger. Lineker ging 1989 zurück nach Eng­land und holte mit Tot­tenham immerhin den FA Cup. Und klar, für Bar­ce­lona begann nach Linekers Weg­gang eine gol­dene Ära mit vier Meis­ter­schaften in Folge und dem Lan­des­meister-Cup.

Ich wollte dem geg­ne­ri­schen Team für das Tor applau­dieren“

Gary Lineker

Die Bilanz von Lineker sieht also so aus: drei Pokal­titel, keine Meis­ter­schaft, keine WM, keine EM. Eine eher mit­tel­mä­ßige Aus­beute für einen der besten Stürmer der Welt. Ver­gleichbar mit Socrates, dem besten bra­si­lia­ni­schen Mit­tel­feld­spieler der Acht­ziger, der nie große Titel gewinnen konnte. Oder Stanley Mat­thews, Legende des Black­pool FC, der eben­falls nie Meister wurde.

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Ashley Cole und Gary Lineker unter­wegs als Experten von Match of the Day“

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Heute wird Lineker 60 Jahre alt. Er sieht blen­dend aus, wie eine Mischung aus Talk­show-Mode­rator und Schau­spieler, der sowohl in fran­zö­si­schen Autoren­filmen als auch in Hol­ly­wood-Block­bus­tern mit­spielen könnte. 

Ver­bit­tert war er übri­gens nie. Seine wenigen Pokale kom­men­tierte er stets non­cha­lant und mit der lineker­schen Selbst­ironie. Und ver­gan­gene Woche, als Mara­dona starb, schwärmte er von dessen Liebe und Hin­gabe zum Fuß­ball. Auch von dem Jahr­hun­derttor, das Mara­dona im WM-Vier­tel­fi­nale 1986 gegen Linekers Eng­länder erzielt hatte. Es war keine Mr-Nice-Guy-Freund­lich­keit, es waren keine Über-die-Toten-soll-man-nur-gut-spre­chen-Flos­keln. Lineker war immer schon ein großer Bewun­derer Mara­donas gewesen. Er hatte diesen Treffer immer schon in seinem Herzen gehabt, obwohl sein Team dadurch aus­ge­schieden war. Klar, die Hand Gottes, das war eine Lüge. Aber dieses zweite Tor, das war der Wahn­sinn. Nie war ich so knapp davor, einer geg­ne­ri­schen Mann­schaft für ein Tor zu applau­dieren.“