Im Früh­jahr 2011 schau­kelt sich die Sache hoch. Inner­halb von 18 Tagen duel­lieren sich Real Madrids José Mour­inho und Bar­ce­lonas Pep Guar­diola ganze viermal: Zu einem Liga­duell kommen zwei Par­tien im Cham­pions-League-Halb­fi­nale und das End­spiel in der Copa del Rey. Es sind Zeiten, in denen die ganze Fuß­ball­welt nach Spa­nien schaut – und sich die beiden Trainer auf großer Bühne an die Gurgel gehen. Ich hoffe, der Tag kommt“, kann sich Mour­inho nach dem 0:2 im Halb­final-Hin­spiel eine üble Spitze nicht ver­kneifen, an dem Josep Guar­diola diesen Wett­be­werb auf ehr­bare Weise gewinnt.“ Das passt. Denn Mour­inho mimt in dem ganzen Schau­spiel stets den cha­ris­ma­ti­schen Böse­wicht mit Hang zum Defen­siv­fuß­ball, der Ästhe­tiker Guar­diola nichts Gutes gönnt. Zusammen sind sie im April 2011 die größten Fuß­ball­trainer Europas.

Eine unend­liche Schande“

Und heut­zu­tage? Pep Guar­diola jagt mit Man­chester City erfolglos nach der Cham­pions-League-Tro­phäe, spielt aber weiter ganz oben mit. Mour­inho hin­gegen erlebte jüngst die viel­leicht größte Schmach seiner Trai­ner­kar­riere. In der Con­fe­rence League-Grup­pen­phase ging es für den 58-Jäh­rigen und seine Roma nach Nor­wegen zur F.K. Bodø/​Glimt. Der No-Name-Klub ver­passte den Gästen eine his­to­ri­sche Klat­sche – 1:6 hieß es am Ende aus Sicht der Römer. Bei Sky Sport Italia“ über­nahm Mour­inho anschlie­ßend die Ver­ant­wor­tung – um sie dann auf gewohnt dras­ti­sche Weise an die Mann­schaft wei­ter­zu­rei­chen. Ich habe nie bestritten, dass wir einen limi­tierten Kader haben. Wir haben 13 Spieler, die ein Team reprä­sen­tieren, die anderen sind auf einem anderen Level“, sagte der Por­tu­giese. Tat­säch­lich hatte Mour­inho eine klas­si­sche B‑Elf auf den Platz geschickt. Sein Ruf erhielt trotzdem einen tiefen Kratzer.

Ist der eins­tige FIFA-Trainer des Jahres also auf dem abstei­genden Ast oder darf die Pleite in Nor­wegen als böser Aus­rut­scher gewertet werden? Ein Blick auf die Resul­tate aus über 1000 Spielen, die Mour­inho mitt­ler­weile als Trainer begleitet hat, gibt einen ersten Hin­weis: Nie kas­sierte eine seiner Mann­schaften sechs oder mehr Gegen­tore in einer Partie. Mour­inho galt eben als Kenner des Defen­siv­spiels. Nun muss er sich ver­nich­tende Kri­tiken anhören. Die Gazzetta dello Sport“ schrieb sogar von einer ver­gogna senza fine“, einer unend­li­chen Schande“. Trotzdem genügt eine def­tige Pleite natür­lich nicht, um den zwei­fa­chen Cham­pions-League-Sieger Mour­inho auf das ima­gi­näre Abstell­gleis zu ver­frachten.

Gar nicht mehr so spe­cial

Doch es gibt wei­tere Indi­zien, die nicht gerade dafür spre­chen, dass es für den Trainer bergauf geht. Zum einen wäre da die Liste seiner Ver­eine. Zwei­fellos ist die Roma ein großer Name, genau wie Tot­tenham, seine vor­he­rige Sta­tion. Doch stehen beide nicht im Ver­dacht, regel­mäßig um den Hen­kel­pott – früher so etwas wie Mour­inhos natür­li­cher Anspruch – mit­zu­spielen. Bei Man­chester United, dem FC Chelsea oder eben Real Madrid hatte zwar auch nicht immer alles geglänzt, doch gehörten die Klubs unter Mour­inhos Füh­rung stets zum erwei­terten Favo­ri­ten­kreis in der Königs­klasse. Zum anderen, und deut­lich schwer­wie­gender, fehlt Mour­inhos Mann­schaften seit Län­gerem eine ein­deu­tige Spiel­idee. Früher wurde er für das Talent bewun­dert, seine Teams so ein­stellen zu können, dass sie trotz defen­sivster Grund­aus­rich­tung unbe­irrbar an den eigenen Erfolg glaubten. Davon scheint wenig übrig. Bei Tot­tenham fruch­tete Mour­inhos prag­ma­ti­scher Spiel­stil nur anfangs und wurde ihm zum Ver­hängnis, als die Ergeb­nisse nicht mehr stimmten.

In Rom, wo der Por­tu­giese seit Sommer am Werke ist, war der Start wieder ein viel­ver­spre­chender – nach drei Siegen grüßten die Gial­lo­rossi“ von der Spitze. Auch seinen tak­ti­schen Ansatz schien Mour­inho ver­än­dert zu haben, denn die Roma trat erfri­schend offensiv auf. So ging es aller­dings nicht weiter: Von den fol­genden fünf Liga­spielen verlor die AS drei. Dann kam die Schmach von Bodø.

Alles in allem ist das Niveau, auf dem sich Mour­inho bewegt, trotzdem noch ein hohes. Nur mehren sich eben auch die Zweifel an seiner Arbeit – und das nicht ohne Grund. Ges­tern haben sich Mour­inhos Worte und die bis­he­rigen Ent­schei­dungen wieder einmal als furchtbar bestä­tigt“, schrieb die Gazzetta dello Sport“. Wenn die eigen­wil­lige, um nicht zu sagen arro­gante Art von The Spe­cial One“ früher also eine Aura des Unnah­baren erzeugte, dann wirkt sie heute, in Zeiten der Rück­schläge, manchmal eher bemit­lei­dens­wert – und damit gar nicht mehr so spe­cial.