Frank Wormuth, wann haben Sie mit Joa­chim Löw tele­fo­niert?

Gleich am Mon­tag­morgen. Es war ein ruhiges, kon­zen­triertes Tele­fonat, nicht anders als sonst. Joa­chim Löw ist wäh­rend eines Tur­nier positiv ange­spannt und völlig ins sich ruhend. Wir haben uns ganz fuß­ball­be­zogen aus­ge­tauscht. Pri­vates bleibt in so einem Gespräch außen vor.

Sie sind der Kenner und Beob­achter der Gruppe A. Der Bun­des­trainer schätzt und braucht Ihre Mei­nung. Wie oft haben Sie die Grie­chen live im Sta­dion gesichtet?

Ich habe nicht jedes Spiel der Grie­chen gesehen, denn ihr Wei­ter­kommen ist mit Ver­laub eine Über­ra­schung. Unser Augen­merk war eigent­lich auf andere Gegner gerichtet. Gegen Russ­land saß ich aber auf der Tri­büne.

Mit wel­chen Erkennt­nissen?

Die Grie­chen spielen auf ganz unor­tho­doxe Art und Weise. Bei seinem Amts­an­tritt ließ der Trainer Fer­nando Santos ja noch ver­lauten, er liebe Kom­bi­na­ti­ons­fuß­ball. Später musste der Mann ein­sehen, dass das nicht mög­lich ist. Und so knüpft der Stil mitt­ler­weile wieder an Otto Reh­hagel an, ist effektiv statt attraktiv. Allein, der Erfolg gibt dem Team Recht.

Effektiv statt attraktiv heißt im Klar­text: Grie­chen­land hat sich ins Vier­tel­fi­nale gemauert.

Grie­chen­land agiert wie fast alle Teams der Euro im 4−2−3−1 und hält diese Grund­ord­nung offensiv wie defensiv. Die eigent­lich übli­chen Posi­ti­ons­wechsel fallen aus, ergo mutet das System fast sta­tisch an. Die Defen­sive zehrt von ihrer Kom­pakt­heit und Zwei­kampf­stärke. Das beste Bei­spiel lie­fert Kyriakos Papado­poulos von Schalke 04, der unge­mein stark am Mann ist. Aber weil er und seine Kol­legen nicht immer nach­rü­cken, steht sogar bei Ball­ver­lust im eigenen Spiel­aufbau noch eine Vie­rer­kette gegen den Konter.

Wie ist es um die Offen­sive des ehe­ma­ligen Euro­pa­meis­ters bestellt?

Vorne machen indi­vi­du­elle Aktionen den Unter­schied. In diesem Bereich des Feldes funk­tio­nieren die Grie­chen nicht als Mann­schaft, son­dern allen­falls punk­tuell. Mal ein Zwei­kampf durch Gekas, dann wieder ein Dribb­ling von Samaras – im gemein­samen Mit­ein­ander pas­siert nicht viel. Daran wird sich im Vier­tel­fi­nale nichts ändern, zumal mit Kara­gounis die zen­trale Figur fehlt.

Kara­gounis glänzte bis jetzt als Tor­schütze und Pass­geber. Gegen Russ­land sah der Kapitän seine zweite gelbe Karte wegen einer Schwalbe, die keine war. Eine bit­tere Pause.

Und eine, die Deutsch­land immens gut tut. Kara­gounis bleibt auch im direkten Duell oft Sieger und zeichnet sich für alle grie­chi­schen Stan­dards ver­ant­wort­lich. Sein Ver­lust wiegt schwer, weil der ruhende Ball das größte Gefah­ren­po­ten­tial birgt. Aus dem Spiel heraus pro­du­ziert Grie­chen­land kaum Chancen. Schon unter Reh­hagel haben Stan­dards die Spiele ent­schieden, man denke nur an die Euro 2004! Damit ist auch das Fatale der Grie­chen beschrieben: Die Elf kann bis tief in die Nach­spiel­zeit über eine Ecke oder einen Frei­stoß zum Tor kommen, obgleich sie sonst viel­leicht gar nicht statt­ge­funden hat.

Die Russen galten als spiel­starke Mann­schaft, ein Tor wollte der Sbor­naja nicht gelingen gegen den grie­chi­schen Beton. Was hat Dick Advo­caat falsch gemacht?

Nicht viel. Bei der Nie­der­lage war auch Pech dabei. Die Russen haben sich diverse Male schnell und kon­se­quent in den Straf­raum kom­bi­niert, es fehlte einzig der finale Pass. Und kam der doch mal, hat sich irgendein Hel­lene mit Explo­si­vität in jeden Schuss geschmissen.

Das klingt böse. Schon im letzten Grup­pen­spiel lahmte das deut­sche Kom­bi­na­ti­ons­spiel, weil den Dänen offen­sive Ambi­tionen völlig abgingen. Machen Sie uns doch mal Hoff­nung.

Die Grie­chen sind zu kna­cken. Aber ich will Ihnen nicht ver­raten, mit wel­chen Mit­teln. (lacht)

Ich rate ein­fach mal: Über Schnel­lig­keit und stän­dige Sei­ten­wechsel.

Jede Mann­schaft bekommt gegen schnellen High-Speed-Fuß­ball im One-Touch-Modus Pro­bleme. Nur erwischt man eben nicht immer so einen Tag, wo dieser Motor rei­bungslos läuft. Hätte Deutsch­land in Lwiw seine Groß­chancen genutzt, müssten wir heute nicht über starke Dänen spre­chen. Man sollte auch mal die Kirche im Dorf lassen und mit durch­dachten, sich suk­zes­sive auf­bau­enden Angriffen zufrieden sein. Ein Lars Bender hätte sein Tor gegen Grie­chen­land als grie­chi­scher Natio­nal­spieler so jeden­falls nicht schießen können, weil deren Außen­ver­tei­diger gar nicht auf­ge­rückt wären.

Welche tak­ti­schen Ent­wick­lungen der letzten Jahre hat die Euro­pa­meis­ter­schaft bis jetzt bestä­tigt? Und welche neuen Trends hat sie gezei­tigt?

Es fällt auf, dass selbst extrem defen­sive Mann­schaften keine langen Bälle schlagen. Däne­mark hat dieses Credo gegen Deutsch­land bis zur Voll­endung vor­ge­lebt. Obwohl Gomez, Özil oder Podolski früh pressen, zir­ku­lierte das Leder durch die däni­schen Reihen, teil­weise sogar durch den eigenen Straf­raum. Das war span­nend.

Die Spiel­eröff­nung durch die Mitte zeich­nete sich schon bei ver­gan­genen Tur­nieren ab. Moderne Ver­tei­diger wie Hum­mels und Bad­stuber ver­fügen über enorme Pass­ge­nau­ig­keit.

Genau. Auch die Russen spielen nur so: steil, klatsch, steil, klatsch. Unter­schiede in der Phi­lo­so­phie offen­baren sich dann erst weiter vorne. Der­weil Deutsch­land seine Außen­po­si­tionen sehr gewis­sen­haft hält, rücken zum Bei­spiel Russ­land und Spa­nien sofort ein und ver­dichtet die Angriffs­be­mü­hungen auf die Mitte.

Spa­nien gilt wieder als der große Favorit auf den Titel. Seit der EM arbeitet sich Joa­chim Löw an der Frage ab, wie gegen den amtie­renden Welt- und Euro­pa­meister zu bestehen ist. Ita­lien hat es beim Auf­taktremis mit einer Drei­er­kette ver­sucht. Eine denk­bare Vari­ante?

Eine Drei­er­kette, die wahl­weise zur Fün­fer­kette wird, ist tat­säch­lich eine gute Lösung. Im 3−5−2 kann man gegen Iniesta und Xavi zen­tral Über­zahl her­stellen. Die Ita­liener haben das spa­ni­sche Pres­sing aus­ge­he­belt, auch weil sie ihr Spiel bei eigenem Ball­be­sitz schnell ver­la­gert und vor das Tor von Iker Cas­illas gebracht haben.

Frank Wormuth, Hand aufs Herz: Haben Sie im Gespräch mit Joa­chim Löw viel­leicht auch schon mög­liche Halb­fi­nal­gegner ana­ly­siert?

Nein. Thema war nur Grie­chen­land, war nur das Vier­tel­fi­nale. Das Trai­ner­team denkt, auch wenn es wie eine Phrase klingt, wirk­lich nur von Spiel zu Spiel.

Endet Ihr Job mit der Grup­pen­phase?

Ich werde in War­schau das Vier­tel­fi­nale zwi­schen Tsche­chien und Por­tugal sichten und danach das Halb­fi­nale in Donezk. Und im Finale sehe ich dann end­lich die deut­sche Mann­schaft wieder.