Seite 3: „Ganz ehrlich: Es reicht!“

Nach etli­chen Ups and Downs wech­selten Sie im Sommer als frisch­ge­ba­ckener Zweit­liga-Tor­schüt­zen­könig nach Stutt­gart.
Jos Luhukay ent­fachte im ersten Gespräch eine totale Auf­stiegs­eu­phorie in mir. Ich rief meinen Berater an und sagte: Sagt allen anderen Ver­einen ab, hier stimmt gefühls­mäßig alles.“

Und kaum waren Sie ange­kommen, haute Trainer Jos Luhukay in den Sack und vor­über­ge­hend brach das Chaos los.
Es konnte keiner wissen, dass der Trainer nach vier Spiel­tagen weg ist. Aber als Spieler nimmt man die Situa­tion ein­fach an. Man trai­niert, ver­sucht umzu­setzen, was der Coach von einem ver­langt, und eines Tages über­nimmt ein neuer Coach, man schaltet um und richtet sich fortan danach, was der plant. In der Hin­sicht ist Fuß­ball schon ver­rückt.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie sich plötz­lich im Mit­tel­feld der zweiten Liga wie­der­fanden?
Natür­lich habe ich nach der Heim­nie­der­lage gegen Hei­den­heim gedacht: Puh, wie soll das wei­ter­gehen?“ Zwei Jahre zuvor wurde der VfB noch zum Freund­schafts­spiel nach Hei­den­heim ein­ge­laden und jetzt ver­loren wir gegen sie ein Heim­spiel. Und auch die Erwar­tungen an mich waren enorm. Die Fans am Trai­nings­platz sagten: Simon, du schießt uns hoch.“ Das ist schon ein Ruck­sack, den man rum­trägt.

Wie müssen wir uns diesen Ruck­sack vor­stellen?
Ohne jetzt die Begeis­te­rung beim VfL oder bei Union klein­zu­reden, aber beim VfB ist das eine andere Nummer. Sie können sich nicht vor­stellen, wie oft ich auf der Straße ange­spro­chen werde. Wenn es bei so einem Klub nicht läuft, hat man ordent­lich zu knab­bern.

Auch ein Mann mit Ihrer Vita tut sich also schwer im Umgang mit Krisen
Wenn es nicht läuft, lässt das auch mich nicht kalt.

Unter Coach Hannes Wolf kam der VfB bald zurück in die Spur. Wie sehr hat der Skandal und die anschlie­ßende Ver­trags­auf­lö­sung von Kevin Groß­kreutz den Kader belastet?
Das pas­sierte drei Tage vor dem Aus­wärts­spiel gegen Ein­tracht Braun­schweig. Diese Bilder von ihm zu sehen …

… mit blut­un­ter­lau­fenen Augen, nachdem er nachts in eine Schlä­gerei geraten war …
… war erschre­ckend. Aber wie gesagt, Fuß­ball ist ein schnell-lebiges Geschäft. Wir wollen auf­steigen, da hat man als Spieler genug mit sich zu tun und denkt nicht lang über so einen Vor­fall nach. 

Fuß­ball ist auch ein durch­ge­knalltes Geschäft, oder?
Man braucht schon gute Nerven. Das fällt mir aber nicht nur in sol­chen Momenten auf, son­dern auch wenn wir gegen Dynamo Dresden mit 0:3 hinten liegen und das Spiel noch drehen oder wenn Alex­ander Nouri in Bremen fast ent­lassen ist und kurz darauf mit Werder plötz­lich an den Europa-League-Plätzen kratzt.

Der VfB Stutt­gart hat viele große Stürmer her­vor­ge­bracht. Gibt es einen, der für Sie Vor­bild­funk­tion genießt?
Ich war immer ein großer Fan von Gio­vane Elber. Und die Ent­wick­lung von Mario Gomez ver­folge ich sehr genau – nicht nur, weil ich ihn seit Jahren beim Mana­ger­spiel in meiner Mann­schaft habe. Selbst als Gomez bei den Bayern spielte, habe ich an ihn geglaubt – obwohl sich meine Freunde manchmal dar­über lustig gemacht haben.

Was gefällt Ihnen an Gomez?
Wir sind ähn­liche Spie­ler­typen, und er beweist, dass echte Mit­tel­stürmer nach wie vor sehr wichtig für Mann­schaften sind. Des­wegen freut es mich auch, dass es Stefan Kieß­ling oder Nils Petersen immer wieder schaffen, sich zu behaupten, obwohl die Kon­kur­renz stetig wächst.

Sie wollen zu diesem Zeit­punkt nicht über den Auf­stieg reden. Das ver­stehen wir. Aber wie wichtig wäre es für Sie per­sön­lich, nach etli­chen Zweit­li­ga­jahren den Sprung ins Ober­haus zu schaffen?
Ich bin stolz darauf, mehr als 200 Zweit­li­ga­spiele gemacht zu haben, mehr als 150 von Beginn an. Ist ja nicht irgend­eine Liga. Aber ganz ehr­lich: Es reicht! Egal, ob es in dieser Saison schon mit dem Auf­stieg klappt oder später. Ich kenne mitt­ler­weile alle Sta­dien und weiß gut genug, wie schwer es ist, sich hier durch­zu­setzen. Aber ich traue es mir zu, in der Allianz Arena auch mal vor aus­ver­kauften Rängen zu spielen.

Sind Sie von Hause aus Bayern-Fan?
(Lacht.)

Ver­raten Sie nicht?
Ach, seit ich Profi wurde, bin ich eher neu­tral.