Seite 2: „Immer langsam“

Sie sind eher der zwei­felnde Typ?
Was auch daran liegt, dass ich stark darauf ange­wiesen bin, wie mich meine Team­kol­legen ein­setzen. Als ich beim VfL Bochum in der Saison 2014/15 plötz­lich 16 Tore erzielte, sagten viele: Simon, nächstes Jahr machste 25.“ Ich dachte nur: Mal langsam, wär’ schön, wenn ich das Niveau halte. 

Dann machten Sie aber doch 25 Tore. 
Ja, hat geklappt. (Lacht.)

Wie erklären Sie sich, dass Sie nach den schwie­rigen Anfangs­jahren nun schon im dritten Jahr der ver­läss­lichste Tor­jäger der zweiten Liga sind?
Erst einmal muss das Zusam­men­spiel passen. Wenn ich gefüt­tert werde, mache ich auch meine Dinger. Aber ich habe inzwi­schen auch die Über­zeu­gung, dass meine Chance irgend­wann kommt. Als ich mir im Februar im Spiel gegen den FCK die Nase brach, wollte mich der Trainer aus­wech­seln, aber ich sagte: Gib mir noch ein paar Minuten.“

In der 58. Minute erzielten Sie den ent­schei­denden Treffer und wurden aus­ge­wech­selt.
Ich habe das Ver­trauen zurück­ge­zahlt.

Was sicher schmerz­haft war.
Es ging. Ich hatte in der Halb­zeit eine Schmerz­ta­blette genommen. Ich wusste ja, dass es sich lohnt.

Ihre Kar­riere kam erst richtig in Fahrt, als Sie zur Saison 2014/15 nach Bochum wech­selten. VfL-Trainer Gertjan Ver­beek bevor­zugt einen offen­siven Stil. War sein tak­ti­scher Zuschnitt der Schlüssel für Ihren Erfolg?
Na ja, ich habe auch unter Peter Neururer Tore gemacht. Aber Gertjan Ver­beek hat mir gesagt, dass unter ihm schon Bas Dost und Klaas-Jan Hun­telaar zu Tor­schüt­zen­kö­nigen geworden waren. Viel­leicht hat er sich ins­ge­heim vor­ge­nommen, mich auch dahin zu bringen.

Zumin­dest erzählt man sich in Bochum, dass Ver­beek Sie wie­der­holt bei der Ehre packen musste.
Sie meinen die Geschichte, als ich gegen den SC Pader­born einen Elf­meter ver­schossen hatte und im Spiel gegen 1860 den Ball lie­gen­ließ?

Zum Bei­spiel.
Ja, das stimmt. Ich dachte, wenn Arvydas (Novi­kovas, d. Red.) sich sicher fühlt, soll er das machen. Als er vergab, gab es Dis­kus­sionen. Gertjan Ver­beek war der Ansicht, dass ich als Kapitän die Ver­ant­wor­tung hätte über­nehmen müssen. Ich war ihm zu zag­haft. Aus der Geschichte habe ich viel gelernt.

Näm­lich?
Dass ein Füh­rungs­spieler in ent­schei­denden Momenten den Mut haben muss, auch wenn die Mög­lich­keit besteht, dass er die Chance ver­gibt.

Das bewiesen Sie am vor­letzten Spieltag der Saison 2015/16, als Sie als erster Profi in die Zweit­li­ga­ge­schichte ein­gingen, der in einem Spiel zwei Tore erzielt und zwei Elf­meter ver­gibt.
Ich hatte den VfL nach einem 0:1‑Rückstand gegen Braun­schweig in Füh­rung geschossen, dann hielt der Keeper den ersten Elfer und ich schoss den zweiten übers Tor.

Am Ende ver­loren Sie das Match mit 2:3.
Da war was los. (Lächelt.) Aber ich hatte zumin­dest die Über­zeu­gung erlangt, mir den Ball auch zu nehmen, wenn er da lag. Und im nächsten Spiel gegen Hei­den­heim machte ich drei Tore – eins per Elf­meter.

Ihr Ver­hältnis zu Gertjan Ver­beek 
galt als durchaus kon­tro­vers. Ihre lus­tigste Geschichte mit dem nie­der­län­di­schen Trainer? Ich fand es bemer­kens­wert, dass er bei jeder Ein­heit im Kraft­raum mit­trai­nierte. Als er im März mit 54 Jahren Vater wurde, habe ich ihm gra­tu­liert. Hätte ich ihm gar nicht zuge­traut. (Lacht.) Viel­leicht tut es ihm in seinem Alter ganz gut, noch mal etwas Abstand zum Fuß­ball zu bekommen.

Ist er mit­unter zu lei­den­schaft­lich?
Was den Fuß­ball anbe­trifft, ist er sehr ver­bissen, was ich aber nicht negativ meine. Aber seine kleine Tochter bringt ihn bestimmt auf andere Gedanken.