Sie hatten sich nichts mit­ge­bracht. Die Anhänger Rapids und die Abge­sandten der Aus­tria kamen mit leeren Bli­cken, leeren Köpfen. Ihr Gepäck, die Ruck­säcke der Riva­lität, sonst, wenn sie sich begegnen, zum Bersten ange­füllt mit Anti­pa­thie, hatten sie, auf auto­ri­täre Anord­nung, daheim lassen müssen. Des­halb: Kein Hass, nir­gends. Eine Spur Häme viel­leicht noch in den Zügen der Stadt­bahn, auf den Park­plätzen, vorher in den Kneipen, doch auch diese wurde ihnen schließ­lich an den Sta­di­on­toren abge­nommen, von Tor­wäch­tern, deren Gesichter ver­rieten, dass ihnen Humor so fremd ist wie ihren Uni­formen die Farbe. Um das Wiener Ernst-Happel-Sta­dion war am Sonntag ein Bann­kreis der Emo­tionen gezogen worden, in dessen Innern den Män­nern, die einen in vio­letter, die anderen in grün-weißer Tracht, gleichsam still, bewe­gungsarm wie sedierte Schafe, ihre Plätze zuge­wiesen wurden, als wäre das hier kein Derby-Nach­mittag, son­dern ein Abend in der Wiener Oper. Nun saßen sie da. Schlach­ten­bummler, denen in Erman­ge­lung der Schlacht, unter den Augen bewaff­neter Grenz­posten, nur das Bum­meln blieb. Die Hitze des Gefechts, die ihnen sonst den Schweiß in die Augen rinnen lässt, run­ter­ge­kühlt auf Zim­mer­tem­pe­ratur, lau­warm in der Affen­hitze des Pra­tero­vals.

Das 298. Wiener Derby, nach dem Old Firm in Glasgow immerhin das älteste inner­städ­ti­sche Kräf­te­messen des Welt­fuß­balls, war ein faules Spek­takel. Weil die Hart­ker­nigen unter den Rapid­lern das letzte Duell mit dem Ver­hassten Nach­barn, 22. Mai 2011, Zwi­schen­stand 0:2, auf ihre Art beendet, im Auge der Schmach den Platz­sturm als Aus­drucks­tanz ihrer Frus­tra­tion gewählt hatten. Ihrem Verein wurde des­halb für den Ver­such der Revanche das Heim­recht ent­zogen. Ein Heim­spiel als Aus­wärts­fahrt. Eine Bestra­fung, die der Idee des Derbys jede Essenz ent­zieht.

Stand your ground? Please be seated!

Denn es sind gerade diese Spiele, in denen der Fuß­ball, mar­tia­lisch aber doch wahr, sein Wesen als Stell­ver­tre­ter­krieg offen­bart, als Sub­stitut für den Schwert­strich auf offenem Feld. Wenn auch nicht mehr zwin­gend auf dem Rasen, dafür aber doch umso mehr auf den Rängen, vor dem Sta­dion, in den Köpfen der Hart­ge­sot­tenen, der Kut­ten­träger und Schal­men­schen, der Fah­nen­träger und Flüs­ter­tü­ten­schreier, die hier ihre Schlacht schlagen. Die das anders­far­bige Heer in der gegen­über­lie­genden Kurve nie­der­brüllen, ihnen eine Wand aus ent­blößten Ärschen ent­gegen halten, die Galle spu­cken, mit der sie ihr Revier mar­kieren. Ihren Grund und Boden, ihr Aller­hei­ligstes.

Doch auf neu­tralem Boden wächst kein Stolz. Es gibt kein Hoheits­ge­biet, das durch eine Mauer aus Schall und Kör­pern geschützt, keine geg­ne­ri­sche Fes­tung, die ein­ge­nommen werden muss. Stand Your Ground? Von wegen. Please be seated. Und wenn beide Lager reisen müssen, ver­gessen sie in der Eile das Gift auf dem Nacht­tisch.

Harmlos wie ein Fami­li­en­aus­flug

Unter dem Dach des Happel-Sta­dions also, auch lange nach dem Anpfiff noch, die Gruppen säu­ber­lich getrennt, in zwei ent­gegen gesetzte Ecken geschickt wie unbe­lehr­bare Boxer, eine Stim­mung ohne Echo. Kein Derby, ein Sonn­tags­aus­flug mit der Familie eher. Selbst die ben­ga­li­schen Lichter wirken wie ein­stu­diert, wie die durch­cho­reo­gra­phierte Insze­nie­rung eines Derby-Gefühls, das sich nicht so recht ein­stellen möchte. Das Pri­ckeln auf der Haut fehlt. Da nutzt auch das Schreien auf den Rängen nichts, wenn das Spiel am Knebel der Neu­tra­lität erstickt.

Mir wurde an diesem Nach­mittag klar: der Fuß­ball muss die Neu­tra­lität meiden, sich unbe­dingt von ihr abgrenzen, das Weite suchen, wenn sie, im weißen Gewand und mit Schweizer Akzent vor seiner Tür steht und lächelnd winkt. Sie sind nicht für­ein­ander bestimmt.

Denn auch meine Taschen waren leer, hatte ich mich doch nur unter das Dach des Ernst-Happel-Sta­dions geflüchtet, um der glei­ßenden Hitze Wiens zu ent­gehen, einem plötz­li­chen Sommer, der mit dem Furor eines zu lange ange­ket­teten Hundes über die Stadt gekommen war und scheinbar einiges nach­zu­holen hatte. So war es schließ­lich nicht nur die ange­ord­nete Gefühl­slo­sig­keit des Ortes, die sich über diesen Nach­mittag gelegt hatte, son­dern auch meine eigene. Ich selbst war die Schweiz an diesem Tag, war neu­tral bis zur Gleich­gül­tig­keit. Das älteste Derby der Welt. Was geht mich das an? Ich kannte da unten auf dem grellen Rasen­rechteck nur einen Spieler. Rapids Steffen Hof­mann. Doch mein deut­scher Ori­en­tie­rungs­punkt ver­sank, unge­sehen, unsichtbar fast, in der Belang­lo­sig­keit und dem Unver­mögen seiner Neben­leute. Was dort unten pas­sierte, es war mir, spä­tes­tens nach dem ersten Tor der Aus­tria, sie sollte dieses Spiel mit 3:0 gewinnen, herz­lich egal.

Ein Derby wie ein Klitschko-Kampf

Und dann pas­siert es schnell, dass sich dieses Gefühl neu­traler Objek­ti­vität in dieses gäh­nende Des­in­ter­esse ver­wan­delt, das ich von anderen Sport­groß­ver­an­stal­tungen kenne. Etwa wenn Wla­dimir Klitschko irgendwo irgend­einen Fall­obstler aus Bri­tan­nien ver­mö­belt. Klitschko ist ein guter Boxer, das gebe ich zu, aber er ist nie­mand, an den ich mein Herz heften würde. Da waren mir Henry Maske oder selbst Axel Schulz immer näher, auch wenn sie weniger talen­tiert waren, zu wenig tanzten, nicht den Punch des Ukrai­ners hatten. Aber sie waren Pro­jek­ti­ons­flä­chen für einen Gefühls­pa­trio­tismus. Lokale Helden.

Die brauche ich, damit das Fieber aus­bricht. Dieser Schüt­tel­frost der Anspan­nung, der aus einem Zuschauer einen Wilden macht. Doch das Spiel in Wien, und es war kein schlechtes, beob­ach­tete ich spä­tes­tens zu Beginn der zweiten Halb­zeit, durch die Lamellen split­ter­ar­tiger Tag­träume. Meine Wahr­neh­mung drif­tete, zeich­nete rück­wärts­ge­wandte Szenen auf den Wiener Rasen. Ich sah Fer­nando Torres, der Philipp Lahm über­läuft, Leh­manns Wim­pern­schlag des Geschla­genen. Auch das war ja genau hier pas­siert, im Happel-Sta­dion. Bal­lack, die Ver­zweif­lung des­je­nigen, der spürt, das ihm der nächste große Titel ent­gleitet.

Wien meldet: Keine beson­deren Vor­komm­nisse

Der Klatsch­takt der Rapid-Vier­tel­stunde riss mich aus meinen End­spiel­fan­ta­sien. Dann Abpfiff, lange vorher hatten viele Wiener, sofern sie grüne Trachten trugen, das Sta­dion ver­lassen. Selbst den Pfiffen fehlte der Punch. Draußen vor dem Sta­dion: Keine beson­deren Vor­komm­nisse. Nur Schafe in der Stadt­bahn. Ich ergab mich dem Wiener Glut­ofen, der künst­li­chen, der trü­ge­ri­schen Stille einer ver­hin­derten Kon­fron­ta­tion. Das war alles so falsch, dachte ich noch. Dann doch lieber Hertha gegen Union. Mei­net­wegen in der Alten Förs­terei und, wenn es sein muss, auch mit Nina Hagen. Nie­mals ver­gessen. Die ganze Ost­folk­lore, der ganze Wessi-Hass. Das ist häss­lich. Und ich ertrage das nicht immer. Aber immerhin ist es eines ganz bestimmt nicht: Neu­tral.

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Jeden Dienstag macht sich Lucas Vogel­sang auf 11freunde​.de Gedanken über den Fuß­ball, die Bun­des­liga und was sonst noch so pas­siert. Ansonsten schreibt er für den Tages­spiegel, recher­chiert für Thea­ter­stücke oder fla­niert durch Berlin.