Seite 2: Himmel und Gesetz

Diese Mischung aus nega­tiven und posi­tiven Emo­tionen könnte man als Rüh­rung zusam­men­fassen. Fried­rich Schiller beschrieb Ehr­furcht als das Ergebnis eines Gefühls der Ohn­macht“ und eines Gefühls der Über­macht“. Ist man gerührt, kommen auch oft diese beiden Kom­po­nenten zusammen. Ehr­furcht und Rüh­rung beschreiben nicht exakt das­selbe, hängen aber eng mit­ein­ander zusammen. Unter tau­senden von Men­schen im Sta­dion fühlt man sich klein, weil einem die eigene Bedeu­tungs­lo­sig­keit in der Masse bewusst wird. Gleich­zeitig fühlt man sich erhaben durch die gemein­same (Laut)stärke. Es sind die Momente, in denen einem die eigene End­lich­keit bewusst wird, man sich gleich­zeitig aber unend­lich fühlt. Herr Dr. Was­si­li­wizky sagt dazu: Wir haben Schil­lers Defi­ni­tion der Rüh­rung expe­ri­men­tell bestä­tigt.“

Mit­ten­drin im Geschehen

Schaut man Filme, ver­spürt man am ehesten Gän­se­haut, wenn die Kamera ganz nah dran ist an den Schauspieler:innen. Das haben Herr Dr. Was­si­li­wizky und sein Team her­aus­ge­funden. Werden uns Gedichte vor­ge­lesen, spüren wir am ehesten Gän­se­haut an den Enden von Zeilen oder Stro­phen. In Bal­laden löst wört­liche Rede am häu­figsten Gän­se­haut aus. Das bedeutet: Wir bekommen Gän­se­haut, wenn wir nah dran sind am Geschehen oder sogar mit­ten­drin, wenn wir dazu ein­ge­laden werden, mit­zu­fühlen.

Was aber die bio­lo­gi­sche Funk­tion der Gän­se­haut ist, wenn wir eigent­lich nicht frieren, ist noch nicht abschlie­ßend geklärt. Dr. Eugen Was­si­li­wizky ver­mutet im Gespräch mit dem SWR, dass auch die emo­tio­nale Gän­se­haut ein Schutz­me­cha­nismus dar­stellen könnte. Der Körper akti­viert ihn, auch wenn er sich emo­tional bedroht fühlt. Des­wegen auch unser Credo, dass bei der Gän­se­haut irgend­eine Art von nega­tiver Emo­tion ent­halten sein muss, damit sie in Gang gesetzt wird“, erklärt er. Imma­nuel Kant sagte mal Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zuneh­mender Bewun­de­rung und Ehr­furcht: der bestirnte Himmel über mir und das mora­li­sche Gesetz in mir.“ Und ist das Sta­dion nicht manchmal Himmel und Gesetz zugleich sein, der per­fekte Ort für Gän­se­h­aut­mo­mente?