Gün­ther Koch, der Jour­na­list Helmut Boet­tiger hat in der Frank­furter Rund­schau mal fol­genden schönen Satz über Sie geschrieben: Er hat die Fuß­ball-Radio­re­por­tage zu einer neuen künst­le­ri­schen Gat­tung gemacht, in der auf bisher unge­ahnte Weise Exis­ten­ti­elles ver­han­delt wird.“ Wenn einer die Dra­matik des Abstiegs­kampfes in Worten zusam­men­fassen kann, dann doch offenbar Sie.
Du hast nur Angst. Und Hoff­nung! Dann hast du Hoff­nung und Angst, und schließ­lich ein Gemisch aus beiden. Du ver­zwei­felst! Du suchst den Stroh­halm. Du fei­erst! Du brichst inner­lich zusammen. Und plötz­lich siehst du die Ret­tung als helles Licht am Hori­zont – und dann wird es stock­finster. Und dein Verein ist abge­stiegen.

Ihre Repor­tage vom Abgrund“ hat sich in die Köpfe deut­scher Fuß­ball-Fans als herz­zer­rei­ßenden Abge­sang auf den geliebten, aber letzt­lich geschei­terten Verein ein­ge­brannt. Denken Sie häufig an das Sai­son­fi­nale 1998/99 zurück?
Ja. Es kommt immer mal wieder alles hoch. Und ich fühle mich immer noch mit­schuldig.

Das müssen Sie erklären.
Ich war ja schon immer beides: par­tei­isch und objektiv. Par­tei­isch in der Stimme, objektiv in der Sprache. Und damals in Nürn­berg haben die Ver­ant­wort­li­chen die furcht­bare Ent­schei­dung getroffen, die Zwi­schen­stände aus den anderen Sta­dien nicht durch­zu­sagen. Die armen Kerle auf dem Platz wussten also nicht, wie es in Bochum, Frank­furt oder Stutt­gart steht, nie­mand wusste das. Nur ich, der ich natür­lich mit den Kol­legen der Bun­des­liga-Kon­fe­renz ver­bunden war. Als ich panisch begann, vom dro­henden Abstieg zu spre­chen, schauten mich auch die Kol­legen auf der Pres­se­tri­büne an und sagten: Der Koch spinnt mal wieder.

Nur: Wie hätten Sie denn von der Tri­büne aus die Spieler warnen können?
Indem ich mich in der Halb­zeit­pause ein­fach von meiner Ver­ka­be­lung gelöst, mir Headset und Mikro­port geschnappt und die zweite Hälfte vom Spiel­feld­rand aus kom­men­tiert hätte. Wenn dann der Koch wie blöde durch die Gegend springt, hätten die Jungs doch trotz der Infor­ma­ti­ons­sperre gemerkt, dass da etwas ganz schief läuft an diesem letzten Spieltag!

Hat denn in Nürn­berg nie­mand gemerkt, dass in Frank­furt plötz­lich die Tore für die Ein­tracht fallen, dass Hansa Ros­tock dabei ist, den VfL Bochum zu schlagen?
Nein! Die armen Kerle waren doch total ahnungslos. Die dachten noch Minuten nach dem Abpfiff, dass sie trotz der 1:2‑Niederlage gegen den SC Frei­burg die Klasse gehalten hätten. Die wollten schon anfangen Sekt zu trinken! Meine Güte, das regt mich immer noch auf…

Ihr Blut­druck…
Alles kommt mir wieder hoch, wenn wir dar­über spre­chen. Drei Tage vorher war ich noch in Bar­ce­lona und sah die grau­same Nie­der­lage der Bayern gegen Man­chester United im Cham­pions-League-Finale. Ich hatte also schon so eine schlimme Vor­ah­nung, als ich am Wochen­ende danach ins Fran­ken­sta­dion gefahren bin. Und der Dirk Schmitt (kom­men­tierte in der Radio-Kon­fe­renz aus Frank­furt, d. Red.) sagt noch in der Pause: Gell, es gibt ja noch eine zweite Halb­zeit.“ Und ich Hor­nochse bleibe ver­ka­belt auf der Tri­büne sitzen und kann nichts machen.

Die tra­gi­sche Figur beim Club war an jenem 29. Mai 1999 der junge Frank Bau­mann:Kurz vor dem Schluss­pfiff setzte er den Ball frei­ste­hend vor dem Tor nur an den Pfosten, in der Som­mer­pause wech­selte er zu Werder Bremen. Sind Sie ihm heute noch böse?
Über­haupt nicht und das war ich auch damals nicht. Der arme Junge! Eigent­lich war ja Pavel Kuka besser pos­tiert, aber der Frank wollte ein­fach alles richtig machen und dann trifft er er den Richard Golz… Wir haben uns später häufig dar­über unter­halten, ihn hat das wahr­schein­lich am meisten mit­ge­nommen. Nein, ihm gegen­über hege ich nun wirk­lich keinen Groll.

Ganz anders scheint das beim dama­ligen Trainer Friedel Rausch gewesen zu sein. Den bezeich­neten sie 1999 als einen faselnden Blender“.
Kor­rekt, aber das war ja schon lange vor dem Sai­son­fi­nale. Ich war ja häufig beim Trai­ning und schon da konnte man erkennen: Irgend­etwas stimmt hier nicht! Und dann lässt der als Krö­nung auch noch die Durch­sagen der Ergeb­nisse ver­bieten. Das war nicht nur däm­lich, das war dubios!

Was meinen Sie damit?
Mehr sage ich dazu nicht!

Durch das 1:2 gegen Frei­burg stieg der Club 1999 ab – obwohl man vor dem Spieltag drei Punkte und fünf Tore vor Ein­tracht Frank­furt gestanden hatte. Wie ging es Ihnen, als die Spiele schließ­lich abge­pfiffen worden waren?
Ganz schlecht. Ich bekam Anrufe von Kol­legen, die mir Bei­leid wün­schen wollten. Ich schaffte es sogar, dem WDR direkt nach dem Spiel noch ein kurzes Inter­view zu geben, dann durfte ich end­lich aus dem Sta­dion und rein in meinen Mer­cedes. Erst dort fing ich an zu heulen. Auf der Tri­büne wollte ich mir keine Blöße geben, schließ­lich hatte ich ein paar meiner Schü­le­rinnen dabei, die sich das Spiel anschauen wollten (Koch arbei­tete zusätz­lich als Real­schul­lehrer, d. Red.) Ich war fix und fertig.

Konnte Ihre Frau Sie denn trösten?
Das ging leider nicht: Die war zu diesem Zeit­punkt mit Freunden im Urlaub in Rom. Und weil ich mir nach dem vor­letzten Spieltag eigent­lich sicher war, dass Nürn­berg gar nicht mehr absteigen konnte, ließ ich sie fahren. Das war ganz furchtbar: Ich kam nach Hause und da war nie­mand. Später rief mich meine Frau an und fragte, ob sie nach Hause kommen solle. Sie hatte die Ergeb­nisse von einem Freund erfahren und wusste ja, wie es mir geht. Aber ich ließ ihr den Urlaub.

Das Spiel war am Samstag, am Montag danach war wieder Schule: Haben Sie sich krank­ge­meldet?
Nein, das habe ich nie gemacht! Aber meine Schüler mussten nach solch trau­rigen Ergeb­nissen für den Club immer damit rechnen, dass am nächsten Tag ein unan­ge­kün­digter Voka­bel­test auf dem Plan stand…

Sie sollen sogar mona­te­lang nicht mehr ins Fran­ken­sta­dion gegangen sein.
Das konnte ich nicht. Erst im Herbst 1999 habe ich es mal wieder gewagt, einmal war ich sogar zu einer Leicht­ath­le­tik­ver­an­stal­tung ein­ge­laden, bin aber auf dem Weg zum Sta­dion umge­kehrt. Die Zeit war dafür noch nicht reif. Und dass, obwohl ich nur fünf Minuten vom Sta­dion ent­fernt wohne. Wer schon einmal so für seinen Verein gelitten hat, der weiß, wovon ich spreche.

Das Inter­view erschien erst­mals 2011. Heute feiert Gün­ther Koch seinen 80. Geburtstag.