Der 23. Juni 1973 ist ein heißer, schwüler Som­mertag. Auf dem Rasen des Düs­sel­dorfer Rhein­sta­dions liegen die Spieler, sie japsen nach Luft, ihre Baum­woll­tri­kots können den Schweiß kaum noch fassen. Das Finale um den DFB-Pokal, von dem es heißt, es sei das beste aller Zeiten, geht in die Ver­län­ge­rung. 1:1 steht es zwi­schen Borussia Mön­chen­glad­bach und dem 1. FC Köln.



So muss Fuß­ball sein“, hat Ernst Huberty in seiner Fern­seh­re­por­tage gesagt. Offen­sive auf beiden Seiten. Herz­er­fri­schend.“ Und doch gibt es einen Men­schen im Rhein­sta­dion, den das auf­re­gende Spiel bisher ziem­lich kalt gelassen hat: Günter Netzer. Der Kapitän der Glad­ba­cher hat die 90 Minuten auf der Ersatz­bank ver­bracht, weit weg von Hennes Weis­weiler. Der Trainer der Glad­ba­cher sitzt acht Plätze weiter links und raucht eine Ziga­rette nach der anderen. An diesem Tag haben beide gerade fünf Wörter mit­ein­ander gewech­selt. In der Halb­zeit­pause hat Weis­weiler gesagt: Günter, mach dich fertig!“ Netzer ant­wortet: Nein.“ Später wird er einmal erzählen, er habe Weis­wei­lers Auf­for­de­rung als ganz üble Attacke“ emp­funden: Er wollte mich da opfern.“

Ich spiele jetzt.“


Die Zuschauer ahnen davon nichts. Nach 70 Minuten fangen sie an zu rufen: NÄTT­ZÄRR! NÄTT-ZÄRR!! Weis­weiler reagiert: Er schickt Uli Stie­like zum Warm­laufen. Der Trainer der Glad­ba­cher hat gute Gründe, seinen Kapitän nicht von Anfang an spielen zu lassen: Er ist nicht fit“, sagt er. Außerdem hat Netzer gerade einen Ver­trag bei Real Madrid unter­schrieben, er hat einen Auto­un­fall gehabt, und seine Mutter ist vor einer Woche gestorben. Und wenn sie mich morgen stei­nigen: Ich stell ihn nicht auf“, sagt Weis­weiler. Muss er auch nicht. Netzer stellt sich selbst auf. Vor der Ver­län­ge­rung fragt er Chris­tian Kulik. Kannst du noch?“ Kulik ant­wortet: Ich bin völlig am Ende.“ Netzer geht zu Weis­weiler: Ich spiele jetzt.“

Seine Trai­nings­jacke hat er bereits aus­ge­zogen. Auf den Rängen bricht der Sturm los. Netzer führt den Anstoß zur Ver­län­ge­rung aus. Zwei Minuten später kommt er zum zweiten Mal an den Ball. Eine Dre­hung, ein kurzer Sprint, dann spielt er weiter zu Rainer Bonhof. Der läuft ein paar Schritte und gibt den Ball zurück. Kurz hinter der Straf­raum­linie kommt Netzer zum Schuss, mit dem linken Fuß schau­felt er den Ball ins linke Toreck. Alle Glücks­zu­stände dieser Erde auf eine Sekunde zusam­men­ge­fasst“, wird Netzer später über dieses Tor sagen, das Borussia Mön­chen­glad­bach zum zweiten Mal zum Pokal­sieger macht.

Ein Rausch, der nicht mehr zu stoppen war“

Günter Netzer kann es sich inzwi­schen erlauben, für die Öffent­lich­keit den uneitlen Men­schen zu geben; doch es gibt Themen, die an seinem Selbst­ver­ständnis rühren. Wenn man ihn zum Bei­spiel fragt, ob Borussia Mön­chen­glad­bach ohne ihn nicht den bes­seren und schö­neren Fuß­ball gespielt habe. Mit Netzer war Glad­bach zweimal Meister (1970, 71) und einmal Pokal­sieger, ohne ihn stand die Mann­schaft 1977 im End­spiel um den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister, sie gewann drei Meis­ter­titel (1974 bis 76) und zweimal den UEFA-Cup (1975 und 79). Erfolg­rei­cher, ja“, sagt Netzer. Aber besser? Um Gottes Willen! Diese rau­schenden Fuß­ball­feste wie beim 7:1 gegen Inter Mai­land, die hat es nicht mehr gegeben.“ Ver­mut­lich hat Netzer nie besser gespielt als an jenem Abend im Oktober 1971, als die Glad­ba­cher Inter Mai­land im Ach­tel­fi­nale des Euro­pa­po­kals regel­recht über­rannten. Plötz­lich kamen wir in einen Rausch hinein, der nicht mehr zu stoppen war“, berichtet Netzer.


Es gibt wohl kein Spiel, das den Mythos Borussia Mön­chen­glad­bach besser erklärt: Das 7:1 war nicht nur ein großer Sieg, son­dern zugleich die größte Nie­der­lage der Glad­ba­cher. Das Spiel näm­lich findet sich in keiner offi­zi­el­len­Sta­tistik. Es wurde annu­liert, weil nach einer halben Stunde eine leere Cola­dose auf das Spiel­feld flog und Inters Stürmer Roberto Bon­in­segna traf wie der Schlag.

Für die Feuil­le­to­nisten atmeten Netzers weite Pässe den Geist der Utopie


Spä­tes­tens seit diesem Abend gehört das Schei­tern zur Glad­ba­cher Ver­eins­ge­schichte. So wie die Ver­pflich­tung zum schönen und offen­siven Spiel, das zumin­dest als Erin­ne­rung die Zeiten über­dauert hat. Viel­leicht hat Netzer Recht, dass sich 1973 mit ihm die Schön­heit aus dem Spiel der Glad­ba­cher ver­ab­schiedet hat. Wahr­schein­lich aber ist die eigent­liche Zäsur der Abschied von Hennes Weis­weiler, der im Sommer 1975 zum FC Bar­ce­lona ging. Ohne den eigen­wil­ligen Trainer ist der Auf­stieg des Pro­vinz­klubs zu einem der belieb­testen Ver­eine in ganz Europa nicht vor­stellbar. Weis­wei­lers Denken kannte nur eine Rich­tung: immer nach vorne. Glad­bach stürmte, manchmal auch ins eigene Ver­derben. Sehr viel später wird das wage­mu­tige Spiel auch poli­tisch über­höht und als Symbol für den gesell­schaft­li­chen Auf­bruch der ver­knö­cherten Bun­des­re­pu­blik gedeutet. Für die Feuil­le­to­nisten atmeten Netzers weite Pässe den Geist der Utopie. Borussia Mön­chen­glad­bach wäre dem­nach die Fort­set­zung der 68er Stu­den­ten­be­we­gung mit fuß­bal­le­ri­schen Mit­teln gewesen.

In Wirk­lich­keit aber waren die Münchner Paul Breitner und Uli Hoeneß von den angeb­lich rechten Bayern sehr viel linker, als es Berti Vogts und Jupp Heynckes je gewesen sind. Und auch der 1919 gebo­rene Weis­weiler taugt nicht als Sym­bol­figur für den anti­au­to­ri­tären Geist der späten 60er. Als Weis­weiler 1964 nach Mön­chen­glad­bach kam, spielten die Borussen noch in der Regio­nal­liga. Ein Jahr später schafft er mit einer Mann­schaft den Auf­stieg, deren Alters­schnitt bei nicht einmal 22 Jahren liegt. Die Fohlen“ werden die Glad­ba­cher fortan genannt, weil die jungen Spieler Netzer, Heynckes, Laumen und Rupp so unge­stüm über den Platz stürmen. An diesem Stil ändert sich bis 1975 wenig. Immer wieder ent­deckt Weis­weiler neue junge Talente und baut sie in die Mann­schaft ein.

Und obwohl der Verein die besten Spieler ver­kaufen muss, leidet der Erfolg nicht. Auch unter Udo Lattek nicht, der 1975 Weis­wei­lers Nach­folger wird. Aber Lattek ver­waltet das Erbe nur noch, und als er vier Jahre später den Verein ver­lässt, ist es end­gültig auf­ge­braucht. Die geal­terte Mann­schaft stürmt nicht mehr, sie spielt kon­trol­liert, effi­zient – und gerade dadurch erfolg­reich. Aber sie rührt die Fan­tasie nicht mehr an. 1975, im Finale des UEFA-Cups, hatten die Borussen 5:1 in Enschede gewonnen. 1979 gewinnen sie den glei­chen Wett­be­werb durch ein dürf­tiges 1:0 gegen Bel­grad nur dank eines umstrit­tenen Elf­me­ters. Noch am selben Abend wird Berti Vogts sagen: Schaut euch diesen Pokal gut an: Es wird für lange Zeit der letzte sein.“