Linda Röttig, Sie sind im Vor­stand des neu­ge­grün­deten Dach­ver­bands der Fan­hilfen e.V.. Was hat es damit auf sich?
Bereits seit vielen Jahren gab es eine Zusam­men­ar­beit der Fan­hilfen in Deutsch­land. Bei regel­mä­ßigen gemein­samen Treffen wurden sich über grund­sätz­liche Themen aus­ge­tauscht und Erfah­rungen aus der eignen Arbeit wei­ter­ge­geben. Daraus ist die Idee einer fes­teren Struktur ent­standen, um die Kräfte zu bün­deln und nach Außen eine ver­nehm­bare Stimme zu haben. 19 Fan­hilfen aus ganz Deutsch­land haben sich dazu zur Grün­dung des Dach­ver­bands zusam­men­ge­funden und wir sind zuver­sicht­lich, dass sich uns zeitnah noch wei­tere Stand­orte anschlie­ßend werden.

Was genau macht eine Fan­hilfe?
Ganz all­ge­mein gespro­chen unter­stützen Fan­hilfen Fans, die in Kon­flikt mit der Polizei oder der Justiz gekommen sind. Dies kann bei­spiels­weise durch die Ver­mitt­lung eines Rechts­bei­stands geschehen oder durch Bera­tung. Jedoch unter­scheidet sich die Arbeit der ein­zelnen Fan­hilfen im Detail. Grund­sätz­lich lässt sich aber fest­halten, dass Fan­hilfen durch ihre ehren­amt­liche Arbeit andere Fans bei der Wah­rung ihrer Rechte unter­stützen.

Die Polizei han­delt nicht so, wie es ihre gesetz­liche Auf­gabe eigent­lich vor­sieht“

Warum braucht es denn über­haupt Fan­hilfen? Wenn sich Fuß­ball­fans an die Gesetze halten würden, wären sie ver­mut­lich über­flüssig.
Dies würde vor­aus­setzen, dass die Polizei stets geset­zes­kon­form agiert. Jedoch ist dies nicht der Fall, denn die Polizei ist durch ihr Auf­treten oft­mals selbst für die schwie­rigen Situa­tionen in und um die Sta­dien ver­ant­wort­lich. Ganz ein­fach gesagt han­delt die Polizei nicht so, wie es ihre gesetz­liche Auf­gabe eigent­lich vor­sieht. Solche Ver­hal­tens­muster der Ein­satz­kräfte sind ja auch nicht nur im Rahmen von Fuß­ball­spielen zu beob­achten, son­dern auch am Rande von Demons­tra­tionen oder wie in jüngster Ver­gan­gen­heit bei eigent­lich ganz banalen Per­so­na­li­en­kon­trollen. Fuß­ball­fans besitzen genauso wie alle anderen Men­schen in diesem Land Rechte und sind kein Frei­wild für die Sicher­heits­be­hörden. Fan­hilfen weisen immer wieder darauf hin und ver­helfen Fans zu ihren Rechten. Genau des­wegen ist ihre Arbeit so wichtig.

Welche Ziele ver­folgt der Dach­ver­band?
Wir werden uns zukünftig um Themen küm­mern, die eine bun­des­weite Bedeu­tung haben, wie zum Bei­spiel die völlig aus dem Ruder gelau­fene und undurch­sich­tige Spei­cher­praxis bei der Datei Gewalt­täter Sport“. Eben­falls unter­stützen wir die ein­zelnen Stand­orte dabei, ihre wich­tige ehren­amt­liche Arbeit weiter zu ver­bes­sern und sie mit­ein­ander zu ver­netzen. Dar­über hinaus werden wir mit Ver­öf­fent­li­chungen auf die zahl­rei­chen wich­tigen Details zu den Themen Repres­sion, Poli­zei­ge­walt und Über­wa­chung auf­merksam machen.

Sie sind in der Schwarz-Gelben-Hilfe in Dresden tätig. Ist der Spiel­alltag als Anwältin nicht anstren­gend, wenn man dau­er­haft unter Strom steht?
In erster Linie fahre ich ja als Fan zu den Heim- und Aus­wärts­spielen und bin nicht im Dau­er­ein­satz. Es ist ja auch nicht so, dass an allen Spiel­tagen mas­sen­weise Leute ver­haftet werden, daher kann ich den Groß­teil der Spiele kom­plett ent­spannt ver­bringen. Beson­ders wachsam bin ich natür­lich bei Spielen, die viele Zuschauer und eine hohe Poli­zei­prä­senz mit sich bringen. Dort kann es häu­figer zu Pro­blemen kommen. Wenn aller­dings bei einem Spiel eine grö­ßere poli­zei­liche Maß­nahme vor­fällt, bei der es viele Beschul­digte gibt, kann ich sicher sein, dass der Schreib­tisch bald wieder etwas voller sein wird. (Lacht.)

Ganz wichtig: Sprecht nicht mit der Polizei und unter­schreibt nichts“

Merkt man einen Unter­schied zwi­schen Risi­ko­spielen und nor­malen Begeg­nungen ohne Riva­lität?
Bei den von den Sicher­heits­be­hörden so bezeich­neten Risi­ko­spielen ver­hält sich die ein­ge­setzte Polizei oft­mals noch kopf­loser und aggres­siver als eh schon. Viel­fach ent­steht dadurch der Ein­druck, dass der immense per­so­nelle und mate­ri­elle Auf­wand an diesem Tag eine Recht­fer­ti­gung braucht, die dann kurzum ein­fach selbst geschaffen wird.

Was raten sie Fans, die mit dem Gesetz in Kon­flikt gekommen sind?
Nehmt Kon­takt zu eurer ört­li­chen Fan­hilfe auf und schil­dert dort euren Fall. Fer­tigt dar­über hinaus ein Gedächt­nis­pro­to­koll an, damit viel­leicht wich­tige Details nicht ver­loren gehen. Und ganz wichtig: Sprecht nicht mit der Polizei und unter­schreibt nichts. Falls über­haupt nötig, kann dies auch alles noch zu einem spä­teren Zeit­punkt nach Rück­sprache mit der Fan­hilfe oder einem Rechts­bei­stand geschehen.

Was muss sich ver­än­dern, damit Fuß­ball­fans und Ord­nungs­kräfte zu einem ent­spann­teren Ver­hältnis kommen?
Fakt ist, dass Fuß­ball­fans unter Dau­er­be­ob­ach­tung der Sicher­heits­be­hörden stehen. Ver­stärkt natür­lich am Spieltag, aber mitt­ler­weile auch regel­mäßig abseits davon. Die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit dieser Repres­si­ons­me­cha­nismen ist dabei schon längst nicht mehr vor­handen. Gleich­zeitig fehlt es bisher an allen Ecken und Enden an einer effek­tiven Kon­trolle der Polizei, die somit völlig frei agieren und Fans schi­ka­nieren kann. Es ist anzu­nehmen, dass die Polizei ihr Han­deln gegen­über Fans und anderen mar­gi­na­li­sierten Gruppen zukünftig auf die gesamte Gesell­schaft über­trägt, sofern sie kei­nerlei Kon­trolle erfährt. Dafür sind die flä­chen­de­ckende Ein­füh­rung einer leicht erkenn­baren Kenn­zeich­nungs­pflicht, unab­hän­gige Stellen zur Auf­klä­rung von Poli­zei­ge­walt und poli­zei­li­chem Fehl­ver­halten sowie die Besei­ti­gung des Feind­bilds Fan“ bei den Sicher­heits­be­hörden, die ersten not­wen­digen Schritte.