Matteo Cam­podo­nico, Sie bieten Scouts auf der ganzen Welt die Wyscout“-Plattform an. Um was für einen Ser­vice han­delt es sich genau?
Wir stellen Kon­takte zwi­schen Agenten, Scouts und Ver­einen her und helfen den Scouts, Talente auf der ganzen Welt zu ent­de­cken. Dazu bieten wir das not­wen­dige Video­ma­te­rial, damit sie sich ein Bild von deren Spiel­weise machen können. So ermög­li­chen wir inter­na­tio­nale Trans­fers unter der Ober­fläche.

Was heißt unter der Ober­fläche“?
Top­spieler kennt man natür­lich und bringen unserer Daten­bank keinen großen Mehr­wert. Für uns macht es vor allem Sinn unbe­kannte, auf­stre­bende Jung­ta­lente aus aller Welt auf­zu­nehmen, die Scouts sonst nicht zu Gesicht bekommen. Wir haben alle Daten, Infos und vor allem Videos aus den wich­tigsten Nach­wuchs­tur­nieren in Süd­ame­rika, aber bei­spiels­weise auch aus der Staats­meis­ter­schaft von São Paulo und der Uru­gua­ya­ni­schen Meis­ter­schaft. Wir sind eine Infor­ma­ti­ons­fa­brik.

Wie findet man sich da zurecht?
Unsere Daten­bank umfasst 200.000 Spieler und man kann sie nach Kate­go­rien durch­su­chen. Die Scouts geben zum Bei­spiel ein: Argen­ti­nien“, Tor­schnitt von 1.2“, geboren ab 1992“ und letzter Ein­satz für die Natio­nal­aus­wahl: ver­gan­gene Saison“. Dann spuckt die Daten­bank die Namen von zirka fünf Spie­lern aus und lie­fert zu jedem die Angaben und Videos. Es ist auch mög­lich alle Kopf­ball­tore eines Stür­mers anzu­schauen – was einem eben gerade beliebt.

Und das ist alles online. Kann ich mich auch anmelden?
Nein, das System ist reser­viert für Ver­eine, Fifa, Uefa und Natio­nal­ver­bände.

Wer zählt zu Ihren Kunden?
Mehr als 300 Klubs, 15 Natio­nal­teams und alle wich­tigen Spie­leragen­turen greifen zur­zeit auf uns zurück. Dar­unter: Bar­ce­lona, Boca Juniors, Man­chester City, Arsenal, Liver­pool und alle Serie-A-Klubs.

Welche deut­schen Klubs ver­wenden Ihre Daten­bank?
Borussia Dort­mund, Werder Bremen, Bayer Lever­kusen, Ein­tracht Frank­furt, Greu­ther Fürth, 1. FC Kai­sers­lau­tern, Karls­ruher SC, 1. FC Köln, Mainz 05, Union Berlin – ich kann sie gar nicht alle auf­zählen. Neu­er­dings übri­gens auch der DFB.

Was macht der DFB mit Ihren Daten, er kann doch keine Spieler ver­pflichten?
Um sich auf die geg­ne­ri­schen Natio­nal­mann­schaften vor­zu­be­reiten. Der DFB kann so zum Bei­spiel statt nur die Län­der­spiele von Bra­si­lien zu ana­ly­sieren, deren Natio­nal­spieler auch bei ihren Ver­eins­spielen betrachten. Bra­si­liens Stars sind schließ­lich über die ganze Welt ver­teilt.

Mit wem in Deutsch­land haben Sie Kon­takt?
Meis­tens mit den Chef­scouts der Ver­eine, zum Bei­spiel Jonas Boldt von Bayer Lever­kusen. Er war einer der ersten in Deutsch­land, der uns unter­stützt hat.

Wys­cout wurde 2004 gegründet, wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Ich habe früher selbst gespielt und mochte die Video­ana­lysen meines dama­ligen Coachs. Es war zuerst nur ein Hobby von mir und Simone Fal­zetti, einem Freund von mir. Wir gingen an Par­tien und filmten. Unser erster Kunde war Genua CFC. Richtig Schub bekam unser Unter­nehmen 2008, als wir Walter Saba­tini, den dama­ligen Sport­di­rektor von Lazio Rom trafen.

Wes­halb?
Er hatte gerade die Chance ver­passt, einen Spieler vor Trans­fer­schluss zu ver­pflichten, weil er seinen Film unter den 300 Spieler-DVDs nicht finden konnte. Da wurde unsere Idee für eine digi­tale Daten­bank geboren. Als das erste iPad erschien, haben wir eine Appli­ka­tion gene­riert und jedem Kunden ein Tablet mit unserer App geschickt. Sie waren absolut begeis­tert. Mit nur einer Berüh­rung auf das Foto eines Spie­lers, konnten sie gleich seine Aktionen anschauen.

Inwie­fern ver­än­dern Ange­bote wie Wys­cout den Trans­fer­markt?
Früher war der Transfer ein langer Pro­zess: Da riefen Agenten bei den Sport­di­rek­toren an und schwärmten von einem phä­no­me­nalen Nach­wuchs­spieler, etwa aus Chile. Zwi­schen der Ankunft des DVDs und dem Ent­schluss, nach Chile zu fliegen, konnten Wochen ver­gehen. Aber viel­leicht war die Reise auch umsonst, denn wenn der Berater die Videos schickte, konnte das Bild des Spie­lers auch ver­zerrt sein. Jeder Fuß­baller macht in seiner Kar­riere sicher 20 geile Spiel­züge. Wir zeigen – im Gegen­satz zum Berater – alle seine Aktionen. Heut­zu­tage kann man diesen ganzen Pro­zess in Real­zeit abspielen lassen. Noch wäh­rend des Tele­fo­nats schauen sich die Scouts die Filme an. Dank des umfang­rei­chen Video­ma­te­rials und der genauen Recherche können Ver­eine hohe Rei­se­kosten ein­sparen.

Vor zwei Wochen schloss der Trans­fer­markt. Wie stressig sind die letzten Tage des Trans­fer­fens­ters für Sie?
Gegen Ende müssen wir Scouts teils schnell unter die Arme greifen. Es kommt vor, dass Ver­eine Spieler ein­kaufen, die sie nie per­sön­lich getroffen haben. In dieser Phase greifen die Sport­di­rek­toren schnell zum Telefon, um die Spieler abzu­rufen.

Zweimal jähr­lich orga­ni­sieren Sie das Wys­cout-Forum“. Was pas­siert da?
Im Winter und im Sommer zu Beginn des Trans­fer­fens­ters gibt es eine Art Speed-Dating“ für den Fuß­ball­markt. Jeder Verein hat seinen eigenen Tisch, wo die Manager sitzen und die Agenten vor­bei­schauen. In unserem Forum können Klubs auf andere Klubs zugehen. Da ist jeder mit dabei: Boca Juniors, aber auch kleine tsche­chi­sche Klubs.

Führen Sie nebst dem Forum und der Fuß­bal­ler­da­ten­bank noch wei­tere Pro­dukte?
Unsere neuste Platt­form heißt Trans­fer­zone“. Es ist ein vir­tu­eller Markt­platz, wo Spieler zum Ver­kauf ange­boten werden können. Wir haben Kli­enten in China, Aser­bai­dschan, Russ­land, Katar, Mexiko, Geor­gien, Ame­rika und den Ver­ei­nigten Ara­bi­schen Emi­rate. Sie haben das Budget eines Bun­des­li­ga­klubs oder mehr, sind also alle beson­ders kauf­kräftig, und wollen vor allem Spieler aus Europa ver­pflichten. Sie tun sich aller­dings sehr schwer damit.
 
Was kann Trans­fer­zone“ daran ändern?
Sie gibt den Klubs die Mög­lich­keit, Inse­rate zu schalten. Sagen wir ein deut­scher Verein schreibt aus: Wir haben der­zeit zwei Spieler, die am Ende ihrer Kar­riere stehen und für eine bestimmte Summe bereit wären, in den Mitt­leren Osten zu wech­seln.“ Dann können die Ver­eine von dort reagieren. Es ist ein Portal wie autoscout24.

Klingt wie ein Schwarzes Brett“ für Fuß­ball-Rentner. Stehen tat­säch­lich Spieler aus Deutsch­land auf diesem Brett aus­ge­schrieben?
Diese Platt­form ist natür­lich geheim. Das würden wir nie ver­raten. Wir sagen aber soviel: Die Klubs stellen der­zeit ihre Spieler online und im Sommer können die anderen dann auf die Inse­rate zugreifen. 

Bei wel­chem bekannten Spieler kam der Transfer dank Wys­cout zustande?
Bei vielen wissen wir es gar nicht, aber der berühm­teste uns bekannte Fall ist Paolo Guer­rero, der 2012 vom HSV zu den SC Corin­thians gewech­selt ist. In Bra­si­lien hatte man ihn noch nicht so oft gesehen und der Verein hat sich nach eigenen Angaben über unsere Daten­bank ein kom­plettes Bild von ihm gemacht.

Wissen Sie unge­fähr, wie viele Trans­fers Sie beein­flussen?
Fast alle grö­ßeren Klubs der Welt ver­wenden unsere Platt­form. Wir gehen also davon aus, dass 60 bis 70 Pro­zent der Spie­ler­trans­fers über unsere Daten­bank laufen.

Ver­dient Wys­cout eigent­lich an den Trans­fers?
Nein, wir ver­langen nur eine Gebühr für die Nut­zung unserer Dienst­leis­tungen.