Die Freuden der Dorf­ju­gend in den späten acht­ziger Jahren beschränkten sich im Grunde auf drei Dinge: stun­den­lang über Autos reden, stun­den­lang Fuß­ball spielen und stun­den­lang Bier trinken. Da ich im Sommer 1988 aber erst sechs Jahre alt war, und damit noch deut­lich zu jung für zumin­dest zwei dieser drei Akti­vi­täten, erwei­terte ich meinen Lebens­in­halt um einen wei­teren Sinn: stun­den­lang Fuß­ball gucken. Und da man als Kind aus dem süd­li­chen Osna­brü­cker Land­kreis ohnehin nicht allzu viele Tel­ler­ränder kannte, über die man hätte schauen können, ver­fiel ich schnell einem Irr­glauben: Ich hielt die Erste Herren meines Hei­mat­ver­eins SC Glandorf für die min­des­tens beste Mann­schaft der Welt! Ich ver­göt­terte sie, was sicher auch daran lag, dass mein Vater in der Blüte seiner fuß­bal­le­ri­schen Leis­tungs­fä­hig­keit stand und die Abwehr­reihen der Kreis­liga Süd rei­hen­weise an den Rand des Ner­ven­zu­sam­men­bruchs führte. Und dann war da noch Dieter, der sogro­ßewie­b­reite Mit­tel­feld­motor. Oder Hellu, die Katze zwi­schen den Pfosten. Und Louie, der Libero mit dem Patent auf Außen­ris­t­pässe ins Nir­wana. Sonntag für Sonntag saß ich am Dorf­sport­platz und träumte davon, eines Tages mal in die Fuß­stapfen dieser Welt­fuß­baller treten zu können.

Schwalben vor der Kas­sen­aus­lage

Das schien jedoch erst einmal mei­len­weit ent­fernt, denn im Sommer 1988 war­tete ja auch noch die Euro­pa­meis­ter­schaft im eigenen Land. Trotz meines Alters wusste ich bereits, dass so ein Tur­nier einer guten Vor­be­rei­tung bedurfte. Also warf mich im Super­markt bei jeder sich bie­tenden Gele­gen­heit thea­tra­lisch vor die Kas­sen­aus­lage, um meiner Mutter zu signa­li­sieren, wie drin­gend ich Panini-Sti­cker-Nach­schub brauchte. Meine Erfolgs­quote war durchaus beacht­lich und so füllte sich mein Album schneller als gedacht. Umso mehr freute ich mich über die geniale Mar­ke­ting-Idee der Firma Coca-Cola, die dem regu­lären Panini-Album noch ein Extraposter bei­legte, auf dessen Rück­seite Natio­nal­trainer Franz Becken­bauer flehte Sei mein Co-Trainer bei der EM“. Und da man dem Kaiser auch sei­ner­zeit keinen Wunsch aus­schlagen konnte, beschloss ich par­allel auch die soge­nannten Mini-Paninis für dieses Poster zu sam­meln. Aller­dings befanden sich diese Mini-Sti­cker ledig­lich auf den Hälsen von Ein-Liter-Glas­fla­schen des Her­stel­lers. Das Pro­blem ver­schärfte sich dadurch, dass Soft­drinks in unserem Haus­halt zu dieser Zeit in etwa so ver­pönt waren wie Vege­ta­rier oder die Zeugen Jehovas. Ich musste andere Wege finden, um Franz Becken­bauer als Co-Trainer zur Seite zu stehen. Laden­dieb­stahl war keine echte Option. Was sollte ich also tun?

Blut­werte aus der Hölle

Eines Sonn­tags fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen. Ich lüm­melte nach Spiel­schluss am Tresen der legen­dären Ver­eins­gast­stätte 14“ herum und beob­ach­tete, wie meine Helden aus der Ersten Herren ihren Erfolg beju­belten, als der Wirt plötz­lich eine Ein-Liter-Cola-Fla­sche auf den Tisch stellte. Darauf: ein Mini-Panini-Sti­cker. Ich riss ihn ab, blickte in die auf­for­dernden Augen von Olaf Thon und war infi­ziert. Von da an sah ich es als meine per­sön­liche Pflicht, den Absatz von Soft­drinks an Sonn­tag­nach­mit­tagen im Groß­raum Glandorf auf Rekord­höhen zu treiben. Nach den Spielen rannte ich wie besessen durch die Gast­stätte, fragte Tisch für Tisch, ob Inter­esse an Cola, Fanta, Sprite oder Mezzo-Mix bestünde und setzte das Gesicht eines Mus­ter­schü­lers auf. Und wäh­rend das halbe Dorf klein beigab und sich so die Blut­werte ver­saute, kas­sierte ich nach jeder leeren Fla­sche neue Sti­cker beim Wirt ein. Es funk­tio­nierte prächtig.

Und so konnte ich jeden Sonn­tag­abend mit glü­henden Augen mein Poster auf­füllen. Hansi Dorf­ners Igel­frisur, Thomas Bert­holds wis­sendes Grinsen, der strenge Blick von Mat­thias Herget, Franco Fodas Föhn­welle – sie alle strahlten mit einem gewissen Stolz von meiner Wand herab. Auch ich klopfte mir auf die Schulter. Ich hatte es geschafft, das per­fide Sam­mel­system eines Süß­wa­ren­riesen ohne finan­zi­elle und gesund­heit­liche Schäden zu über­listen. Ich war ein kleines Sam­mel­genie!

Doch wie jede geniale Idee, hatte auch meine ihre Schwach­stellen. So fand sich etwa auf jeder zweiten Fla­chen Dieter Eck­stein. Sein blonder Nacken­spoiler wurde für mich zum Aus­druck von Durch­schnitt­lich­keit. Aus Mangel an Lager­fläche ließ ich nach einer gewissen Zeit die Eck­stein-Bild­chen nur noch mit trau­riger Miene in den Aschen­be­cher gleiten, bis sich irgend­je­mand erbarmte und seine HB darauf aus­drückte. Noch viel fataler: Weil ich offenbar der Ein­zige im gesamten Dorf war, der sich auf das Sam­meln von Mini-Paninis spe­zia­li­siert hatten, fehlten mir Tausch­partner.

Und so kam, was kommen musste: Eines Tages waren die Mini-Paninis von den Glas­fla­schen ver­schwunden. Auf meinem Poster klaffte eine Lücke. Es fehlte: Chris­tian Hoch­stätter. Dass der Mit­tel­feld­mann am Ende gar nicht im Auf­gebot für die Euro­pa­meis­ter­schaft stand, machte es nicht viel besser. Mein Poster war nicht voll­kommen. Und damit wertlos. Sein Schnauz­bart. Seine Locken. Sein Bild. All das brannte sich in meine Syn­apsen und ich bis heute nicht ver­schwunden. Als die deut­sche Elf, dann auch noch ohne seinen recht­mä­ßigen Co-Trainer (mich) im Halb­fi­nale gegen die Nie­der­lande aus­schied, riss ich das Poster ent­täuscht von der Wand. Der stän­dige Anblick meines eigenen Ver­sa­gens hätte meine junge, unschul­dige Seele sicher zer­fressen.

Cola-Orgien als Aus­löser

Neu­lich war ich mal wieder in der Heimat. Im Super­markt fiel mir auf, dass die meisten Men­schen um mich herum – wenn man es freund­lich umschreiben möchte – irgendwie stämmig aus­sahen. Hatte ich etwa mit meinen Cola-Orgien aus dem Sommer 1988 nach­haltig die Gen­struktur meiner Heimat aus dem Gleich­ge­wicht gebracht? Und wel­chen Anteil hat Chris­tian Hoch­stätter an diesen zusätz­li­chen Belas­tungen des Gesund­heits­sys­tems? Panisch ver­ließ ich das Geschäft und rannte nach Hause. Ich fragte meine Eltern nach meiner Schuld. Sie blickten mich gelassen an und sagten: Junge, letzte Woche war Schüt­zen­fest. Da lassen sich die Leute hier noch immer ein biss­chen gehen.“ Es war also noch alles beim Alten. Ich war beru­higt. Und Chris­tian Hoch­stätter ist es sicher auch.

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