Mike Büs­kens ist kein Mann großer Worte. Lieber lässt der in Düs­sel­dorf gebo­rene und später zum Ur-Schalker kon­ver­tierte Blond­schopf Taten spre­chen. Als er noch spielte, war sein liebstes Aus­drucks­mittel die Grät­sche. Im Park­sta­dion liebte man ihn dafür.



Mitt­ler­weile ist Büs­kens auf die Trai­ner­bank gewech­selt, doch irgendwie ist der ehe­ma­lige Mit­tel­feld­ab­räumer immer noch mit­ten­drin im Spiel­ge­schehen. Kaum ein anderer Trainer im deut­schen Fuß­ball schwingt an der Sei­ten­linie aktiver die Becker­fäuste, tobt wie ein Brumm­kreisel umher, treibt seine Mann­schaft so ener­gisch an wie der 43-Jäh­rige. Seit Dezember 2009 der­wischt Büs­kens nun an der Außen­linie der SpVgg Greu­ther Fürth. Anfangs wun­derte man sich im Fran­ken­land noch über den Ex-Knappen, doch nun hat er sich selbst ein Denkmal gesetzt.

Wie ein alter Citroen

Sonntag, 22. August. 2010, 72. Minute, Fürth, Trolli-Arena: Mike Büs­kens ruft sich Neu­zu­gang Kingsley Onuegbu heran, denn das Spiel seiner Für­ther gegen den Karls­ruher SC droht zu kippen. Die Badener haben den 2:1‑Anschluss erzielt und drü­cken auf den Aus­gleich. Büs­kens redet auf Onuegbu ein, herzt und knufft den Nige­rianer, seinen Joker. 73. Minute: Onuegbu betritt den Rasen, trottet in die Spitze, Büs­kens geht in Posi­tion, tän­zelt am Rande der Coa­ching-Zone, pfeift, gibt ein paar wirre Hand­zei­chen, die wohl letzte Anwei­sungen dar­stellen sollen. 74. Minute: Der Für­ther Ver­tei­diger Ste­phan Schröck schnappt sich den Ball in der eigenen Hälfte, hängt die halbe Defen­sive des KSC ab, passt mil­li­me­ter­genau in den Fuß von Onuegbu.

Büs­kens hält die Luft an. Onuegbu nimmt den Ball mit und rennt alleine auf das KSC-Tor zu. Büs­kens pumpt sich nach oben wie ein alter Citroen, seine Wangen sind zum Bersten gespannt. Onuegbu schiebt den Ball zum 3:1 ein. Die Vor­ent­schei­dung in einem bedeu­tungs­losen Zweit­li­ga­spiel und doch so viel mehr.

Ist der ver­rückt?

Büs­kens explo­diert. Inner­halb einer Nano­se­kunde ver­gisst er sein Alter, seine schweren Knie­ver­let­zungen, das Regel­werk des DFB, ein­fach alles. Er tritt an wie in alten Tagen. Zehn, zwanzig, dreißig Meter im Voll­sprint, der nur ein Ziel kennt: Der Pulk jubelnder Fürth-Profis. Vierzig, fünfzig, sechzig Meter, dann ist er am Ziel, strahlt über das ganze Gesicht. Auf den Rängen schauen sich die ersten Zuschauer ver­duzt an: Was macht er da? Ist der ver­rückt? Viel­leicht ist er ver­rückt, viel­leicht hat er es aber auch ein­fach satt, dass sein Fuß­ball in eine Form gepresst werden soll, in die er nicht rein­passt. Alles ist mitt­ler­weile genormt: Der Ein­lauf, die Anstoß­zeit, der Ball und auch der Aus­lauf der Trainer. Wie Hunde tin­geln er und seine Kol­legen Wochen­ende für Wochen­ende durch ihren weißen Käfig ohne Gitter. Emo­tionen? Uner­wünscht. Und wer über die weiße Linie tritt, kriegt mächtig Ärger und muss auf die Tri­büne. Die stille Treppe des Pro­fi­fuß­balls.

Liebe mit gol­denen Wech­sel­händ­chen

Büs­kens ist das egal. Er ist mitt­ler­weile klitsch­nass geschwitzt, als hätte er zwi­schen­durch auch noch einen Wett­be­werb im Wett­sau­nieren gewonnen. Er drückt seinen Joker an sich, greift seinen Kopf, herzt ihn mit seinen gol­denen Wech­sel­händ­chen. Ein Pfiff durch­schneidet diesen kurzen Moment der Zwei­sam­keit. Schieds­richter Guido Wink­mann will wei­ter­ma­chen. Regeln sind nun mal da, um ein­ge­halten zu werden.

Es ist keine Zeit für große Gefühle, denn es ist Bun­des­liga-Alltag. Büs­kens dreht um, wür­digt den Schieds­richter keines Bli­ckes, joggt zu seiner Trai­ner­bank. Was jetzt kommt, weiß er: Ermah­nung durch den vierten Offi­zi­ellen, Wink­mann wird ihn auf die Tri­büne ver­bannen. Seinen Finger reckt der Spiel­leiter sowieso schon seit einer gefühlten Ewig­keit in die Luft. Aber Büs­kens hat keinen Bock auf Dis­kus­sionen, joggt ein­fach direkt durch zur Tri­büne und lässt sich von seinem Co-Trainer noch ein kleines Fläsch­chen rei­chen.

Er trabt auch die Trep­pen­stufen hoch als wäre nichts geschehen, steht am Zaun, schmiert sich sein ver­schwitztes Haar zurecht, nimmt einen Zug Asth­ma­spray aus der Fla­sche und grinst. Ein Grinsen das sagt: Ich habs Euch gezeigt.“ Viel­leicht auch: Lasst meinen Fuß­ball in Ruhe“. Ein Grinsen wie ein Mit­tel­finger. Es gehört in Beton gegossen und an der Otto-Fleck-Schneise in Frank­furt auf­ge­stellt. Ein Denkmal für Mike. Dar­unter eine Tafel, auf der steht: Fuck the System!“ Wenigs­tens ein biss­chen.