Manchmal sagt eine Täto­wie­rung weit mehr über einen Men­schen aus, als ein Pot­pourri seiner bun­testen Lebens­ge­schichten. Ein gesto­chenes Tribal knapp ober­halb des Steiß­beins heißt nicht umsonst Arsch­ge­weih und schreit laut nach Was­ser­stoff­per­oxid, Auto­scooter und Groß­raum­disco. David Beckham ließ sich einst Engels­flügel auf den Rücken seines ohnehin schon vollge­t­in­teten Kör­pers ritzen und allen war klar, dass er sich als zarten Heils­bringer des Fuß­balls sieht. Wayne Rooney hat auch eine Täto­wie­rung.



Auf seinem Unterarm prangen die Worte »Just enough edu­ca­tion to per­form«. Ein Album­titel seiner Lieb­lings­band Ste­reo­pho­nics, aber auch so etwas wie Rooneys Karma. Der Sohn eines Preis­bo­xers wuchs im Liver­pooler Vorort Cro­xeth auf, zog früh mit seinem Vater durch die ört­li­chen Pubs und schiss ganz gepflegt auf die Schule. Er wollte Fuß­ball­spielen, wollte raus auf den Rasen und grät­schen, schießen, laufen. Egal wie groß der Gegner war, egal wie schön sein neues Trikot glänzte. Er, der kleine, pum­me­lige, häss­liche Vorort-Rowdy wollte spielen, statt zu lernen. Mit zehn Jahren ging er zum FC Everton um Fuß­ball­profi zu werden, ganz wie sein Vor­bild Duncan Fer­guson. Schule? Fuck off!

Er walzt, schimpft und spruckt

Viel hat sich an der Rooneys kind­li­cher Art Fuß­ball zu spielen bis heute nicht geän­dert. Das war auch ges­tern Abend beim Cham­pions League-Spiel gegen den AC Mai­land zu sehen: Er walzte wie eine Loko­mo­tive durch die Milan Defen­sive, grätscht am eigenen Sech­zehner, schimpft, spuckt und sprin­tete nahezu 90 Minuten in einem Tempo über das Feld, dass Nesta und Co. sich nun wirk­lich wie alte Männer vor­kommen mussten. Rooney arbeitet Fuß­ball wie kaum ein zweiter. Nur ist er nicht mehr auf den mat­schigen Wiesen rund um Liver­pool unter­wegs, son­dern auf der ganz großen Bühne. Er der kleine, dicke, häss­liche Junge, der Sohn eines trin­kenden Tau­ge­nichts, ist oben ange­kommen. Fuck off!

Getrie­bene Walze

Des­wegen scheint jede Aktion Rooneys laut zu schreien: »Seht her aus mir ist was geworden.« Ein Rooney in dieser Form bringt sogar Eng­lands Natio­nal­trainer Fabio Capello dazu, Sir Alex Fer­guson anzu­bet­teln, seinen 24-jäh­rigen Angriffs­bullen auch mal zu schonen. Capello braucht genau diesen ener­gie­ge­lan­denen Rooney, der der­zeit auf die Fuß­ball­welt los­ge­lassen wird für die WM. Doch Rooney spielt jedes Spiel für United, weil er es will, weil er getrieben ist. Er will raus und walzen, sprinten und schießen. Das ist seine Welt. Rooney erzielte 21 von 62 Liga­tref­fern Uniteds und damit mehr als deren Lebens­ver­si­che­rung. »Er ist der beste Spieler der Welt«, sagt Carlo Ance­lotti, immerhin Trainer von Man­ches­ters ärgstem Rivalen Chelsea London.

Rooney ist der Gegen­ent­wurf zu den Gla­mour­ki­ckern vom Schlage Ronaldo, Beckham und Totti. Seine Knub­bel­ohren, seine Som­mer­sprossen und seine Arbeiter-Atti­tüde machen ihn nicht zum Lieb­lings­ob­jekt der Wer­be­kam­pa­gnen für Klei­dung, Parfum und Autos. Er ist kein Model, nie­mand für den roten Tep­pich, son­dern jemand für den Straf­raum. Er spielt als würde er in jeder Sekunde für den Ball sterben. Ein Tag ohne Fuß­ball? Fuck off!

Held der Arbeiter

Er weiß, dass er ohne den Sport nichts wäre. Und die Briten lieben ihn dafür. Er ist der Held der Arbeiter, der ein­fa­chen Leute, die täg­lich raus­gehen und sich dre­ckig machen, um ihr Geld zu ver­dienen. Sie glauben ihm, auch wenn er heut­zu­tage in einer Woche das ver­dient, was sie in einem Jahr nach Hause schaffen – wenn über­haupt. Solange er raus­geht und sich in jedem Spiel für United, für Eng­land, für sie in den Dreck wirft, werden sie ihn auf Händen tragen. Ihn, den kleinen, häss­li­chen Jungen aus Cro­xeth. Der Sohn eines Tau­ge­nichts, mit »Just enough edu­ca­tion to per­form.« Fuck off!