Prolog
Eine Fuß­ball­na­tion waren wir nicht. Die Euro­pa­meis­ter­schaft in Deutsch­land bedeu­tete die erste Tur­nier­teil­nahme Irlands, den­noch hielt sich das Inter­esse in Grenzen. Die Iren begeis­terten sich für Rugby und Hur­ling. Wer Fuß­ball schaute, galt vor jenem Sommer als Freak. Natür­lich hatte auch die Art und Weise der Qua­li­fi­ka­tion nicht gerade Anlass zu rie­siger Euphorie gegeben. Ein Sieg der Schotten gegen Bul­ga­rien hievte uns auf Platz eins. Typisch irisch: Geschichte geschrieben, aber nicht aus eigener Kraft. So wurde uns denn auch in Deutsch­land nichts zuge­traut. Da kamen die, die nicht Fuß­ball spielen konnten, und ver­traten ein Land, das sich nicht für Fuß­ball inter­es­sierte! Wir waren dabei, weil eine Gruppe den Regeln zufolge aus vier Teams bestehen musste. Irland war Füll­masse. Kano­nen­futter für die Favo­riten.
Uns belus­tigte die Gering­schät­zung. Offenbar war dem Fest­land die Kader­po­litik von Trainer Jack Charlton ver­borgen geblieben. Mit Jack kam 1986 die Revo­lu­tion. Bis in die Sieb­ziger waren iri­sche Teams noch mit dem Schiff zu Län­der­spielen getu­ckert. Charlton aber ließ Stamm­bäume erstellen, um sich die Granny Rule der FIFA zunutze zu machen: Ergo war es in Groß­bri­tan­nien gebo­renen Spie­lern erlaubt, für Irland auf­zu­laufen, wenn sie nach­weis­lich über iri­sche Wur­zeln ver­fügten. Charlton pinnte Zettel an die Schwarzen Bretter der eng­li­schen Top­klubs, um Talente für das grüne Jersey anzu­werben. Jour­na­listen, die sein Team als Plastic Pad­dies schmähten, bellte er ins Gesicht: Wenn ich mich mit den Besten der Welt messen soll, brauche ich auch die Besten der Welt. Und wenn ich die in Irland nicht finde, finde ich sie in Schott­land und Eng­land. Ihr wollt doch auch Erfolge, fuck off!“ Ich war in Glasgow zur Welt gekommen, mein Vater stammte aus Donegal. Als Jack mich fragte, habe ich nicht lange über­legen müssen. Nur wenige aus unserem Kader waren in Irland geboren, doch Iren waren wir alle.

8. Juni 1988
Wir mie­teten das Wald­hotel Stutt­gart-Deger­loch. Die Türme, Ball­säle und Kor­ri­dore ver­strömten den baro­cken Protz eines Schlosses. Wie Kinder erkun­deten wir die großen Gärten. Im Gegen­satz zu den anderen Teams, die inten­sive Trai­nings­lager absol­vierten, setzte Charlton auf Ent­span­nung. Unsere Celtic-Frak­tion um Pat Bonner, Chris Morris und Mick McCarthy hatte noch im Mai das schot­ti­sche Pokal­fi­nale gespielt, Ald­ridge und ich waren gegen Wim­bledon im FA-Cup-End­spiel auf­ge­laufen. Dass wir im Trai­ning lachend eine ruhige Kugel schoben, war Wasser auf die Mühlen der Medien. Die Buch­ma­cher führten uns als 50:1‑Außenseiter.

10. Juni 1988
In einem TV-Inter­view platzte Charlton schließ­lich der Kragen. An jeder Ecke malten die Reporter Unter­gangs­sze­na­rien. Wie viele Gegen­tore? Bleibt Ihr Team ein­stellig? Er wolle den Titel, posaunte Charlton in die Kamera. Der Mann im Sessel glotzte baff. Ab da wurde der Tanz mit der Presse zum Run­ning Gag. Mal erklärte der Coach, fünf Stürmer auf­zu­bieten, dann schwa­dro­nierte er über Ach­ter­ketten. Unter breitem Grinsen machten seine Auf­tritte auf dem Hotel­flur die Runde: Hast du schon gehört, was der Boss vorhin raus­ge­hauen hat?“

Am Tag vor dem ersten Spiel spa­zierten wir durch Stutt­gart. Die Leute staunten nicht schlecht. 22 Iren in der Fuß­gän­ger­zone, Trai­nings­hosen, breite Schul­tern, derber Humor, in der Hand eine kleine Tasse mit heißem Kaffee. Bei diesem Aus­flug gab Jack auch die Auf­stel­lung bekannt. Kein Flip­chart, Jack sagte nur: Männer, wir haben morgen ein Fuß­ball­spiel …“ Irlands erster Auf­tritt bei einem Tur­nier und dann gleich gegen Eng­land! Die Lon­doner Presse ver­lachte uns als eng­li­sche B‑Elf, beauf­sich­tigt von einem Trainer, der eng­li­schen Ansprü­chen nicht genügte. 1977 war Jack mal Kan­didat in Wem­bley gewesen, aber letzt­lich von der FA abge­lehnt worden.

12. Juni 1988: Eng­land vs. Irland 0:1
Das Lam­pen­fieber kam über Nacht. Ich fand kaum Schlaf, der ver­dammte Kaffee! Beim Früh­stück blickte ich in beklom­mene Gesichter, sah Bammel vor der großen Bühne. Es war ein heißer Tag in Stutt­gart, um die 30 Grad, keine Wolken. Am Neckar­sta­dion ver­brei­teten die iri­schen Fans eine Stim­mung wie auf dem Rummel. Das beru­higte ein biss­chen. Einen nor­malen Puls hatten wir spä­tes­tens nach dem Plausch mit unseren eng­li­schen Kol­legen: Die waren noch ner­vöser als wir! Jacks Ansprache fiel kurz und klar aus. Mit­spielen, nicht ein­igeln. Eigent­lich war es damals üblich, bei geg­ne­ri­schem Ball­be­sitz tief ste­hend auf Konter zu lauern. Jack ver­ord­nete uns Pres­sing.
Die Deut­schen hielten, ange­steckt vom Charme des Under­dogs, zu uns. Ohne Kenntnis der Texte grölten sie die iri­schen Gesänge nach, einem unge­fähren Rhythmus fol­gend. In der 6. Minute flankte Tony Galvin vom linken Flügel an den Elf­me­ter­punkt. Eng­lands Kenny Sansom köpfte eine Bogen­lampe, die Ald­ridge auf mich ablegte. Ich sah, dass Peter Shilton das lange Eck nicht abdeckte. Als mein Kopf­ball im Netz lag, gab es eine Sekunde unwirk­li­cher Ruhe. Dann explo­dierte die Kurve. Die Kamera hatte, das sah ich später, Ald­ridge ein­ge­fangen. Ich schien dem Kame­ra­mann als Tor­schütze wohl undenkbar – es war mein erster Treffer für Irland. Der Sender zeigte auch Jack, wie er sich an den Kopf fasst, dazu brüllt der Kom­men­tator: Unglaub- lich, auch Charlton kann es nicht fassen!“ In Wahr­heit war der Chef beim Jubel ans Dach der Bank gedon­nert.
In den ver­blei­benden 84 Minuten berannte Eng­land wütend unser Tor. Vor allem die zweite Halb­zeit kam mir vor wie eine Ewig­keit. Wir ver­tei­digten vehe­ment, und hinter uns erwischte Bonner einen Sahnetag. Irgend­wann war dann tat­säch­lich Schluss, ich schleppte mich erschöpft in die eng­li­sche Kabine, um John Barnes, meinen Kol­legen vom FC Liver­pool, zu trösten. Was für ein Anblick: Tony Adams fluchte quer durch den Raum, Lineker lehnte mit geschlos­senen Augen an der Wand. Wir fuhren im Bus zum Hotel, wo eine bei­spiel­lose Party star­tete. Noch heute werde ich auf das Tor ange­spro­chen: Ehen wurden des­halb geschlossen, Kinder gezeugt und Fern­seher zer­trüm­mert.

13. Juni 1988
Für die zweite Partie reisten wir nach Han­nover. Im Flug­zeug bekam ich eine Ahnung davon, was der Sieg daheim aus­ge­löst hatte. Die Zei­tungen berich­teten über Irland im Aus­nah­me­zu­stand. An den Flug­häfen kol­la­bierte der Ver­kehr, weil plötz­lich alle nach Deutsch­land wollten. Für ein Ticket nahmen die Leute Kre­dite auf. In Dublin parkten Taxi­fahrer ihre Wagen, um den nächsten Flieger zu kriegen. Ein nie dage­we­senes Inter­esse am Fuß­ball war erwacht. Es ging um eine Erfah­rung, von der man fühlte, dass sie das ganze Land ver­än­dern könnte.

15. Juni 1988: Irland vs. UdSSR 1:1
Gegen die UdSSR trauten viele Zuschauer ihren Augen nicht. War das wirk­lich Irland, der Neu­ling? Wir spielten den Mit­fa­vo­riten an die Wand. Angriff um Angriff rollte auf das Tor von Keeper Das­s­ajew. Der Auf­tritt belehrte Kri­tiker, die uns nur Kick-and-rush zuge­traut hatten, eines Bes­seren. Ein traum­hafter Volley von Ronnie Whelan besorgte die Füh­rung. Leider ver­säumten wir das zweite Tor. Als Oleg Protasov kurz vor dem Ende aus­glich, fühlten wir uns um den Sieg betrogen: Der Schieds­richter hatte zwei klare Elf­meter nicht gepfiffen. Statt der vor­zei­tigen Qua­li­fi­ka­tion fürs Halb­fi­nale war­tete nun ein End­spiel gegen Oranje.

Der iri­schen Party tat das Remis indes keinen Abbruch, wir waren nach wie vor Grup­pen­erster. Alle Zweifel an unserer EM-Taug­lich­keit waren spä­tes­tens jetzt aus­ge­räumt. Charlton war der Vater des Erfolges. Er behan­delte uns nicht wie Söhne, er behan­delte uns wie Männer. Der Chef war eine Respekts­person, aber er konnte auch mit uns bis in die Nacht Karten kloppen. Wir hätten alles für ihn getan. Jacks Armee“ nannte uns die Presse und lag damit gar nicht falsch. Es gab keine Cli­quen im Kader, keinen Neid. 20 Brüder hielten zusammen. McCarthy war der ehr­gei­zige Mut­ma­cher, Ald­ridge gab den Sprüche klop­fenden Spaß­vogel. Ich spornte als stän­diger Nörgler zu noch mehr Leis­tung an, Typen wie Paul McGrath wie­derum redeten gar nicht. Paul sprach mit den Füßen. Die Mischung war ein­fach ideal.

17. Juni 1988
Die Hol­länder waren schwach gestartet, hatten sich aber gegen Eng­land gestei­gert. Wegen der Nähe zur Grenze würde Gel­sen­kir­chen für sie zum Heim­spiel werden. Jack reagierte auf seine Art, also fast gar nicht. Er mochte keine Rota­tion, ver­traute seiner Stammelf. Gegen Aus­nah­me­könner wie Gullit, van Basten und Rij­kaard würden wir nicht viel vom Ball sehen, das schien klar. McCarthy und Moran sollten die Mitte zuma­chen, McGrath sich zurück­fallen lassen. Es galt, die Zau­berer zu ent­nerven. Men­tale Stärke gegen tech­ni­sche Stärke.

18. Juni: Irland vs. Nie­der­lande 0:1
Fuß­baller denken im Kon­junktiv: Was wäre gewesen, wenn …? Ich frage mich: Was wäre gewesen, wenn an jenem Samstag die Gesetze der Physik funk­tio­niert hätten? In guten Träumen stemme ich den Pokal in den deut­schen Nacht­himmel, in meinen Alb­träumen köpft Wim Kieft aufs Tor. 82 Minuten ver­tei­digten wir fan­tas­tisch, die Nie­der­länder ver­zwei­felten. In seiner Ver­zweif­lung schoss Ronald Koeman und der ein­ge­wech­selte Kieft hielt den Kopf hin. Die Flug­bahn spot­tete jeder Logik. Wir drehten uns ab, weil das Ding offen­sicht­lich um gute zwei Meter am langen Pfosten vor­bei­se­gelte. Aber auf halbem Weg wech­selte der Ball die Rich­tung und drehte sich um Bon­ners Hand­schuhe ins Netz. Es ist ein Trep­pen­witz, dass die Mann­schaft, die mit dem schönsten Treffer des Tur­niers Euro­pa­meister wurde, das absur­deste aller Tore benö­tigte, um die Gruppe zu über­leben. Wir waren raus.

19. Juni 1988
Die nackten Zahlen standen im krassen Kon­trast zum gefühlten Ergebnis. Die Heim­kehr offen­barte das ganz beson­ders. In Irland emp­fing uns der Pre­mier­mi­nister. 250 000 Fans säumten die Straßen, als uns der Bus durch Dublin fuhr. Wir hatten dem Fuß­ball in Irland zu neuer Größe ver­holfen, und der Fuß­ball hat Irland zu ganz neuer Größe ver­holfen. Viele Iren ver­knüpfen den Wirt­schafts­boom der frühen Neun­ziger mit den elf Tagen in Deutsch­land. Ohne Euro­pa­meis­ter­schaft kein stei­gendes Brut­to­in­lands­pro­dukt und keine sin­kende Staats­ver­schul­dung, sagen sie: Der Kel­ti­sche Tiger wurde im Sommer 1988 geboren.“ Ich glaube, sie haben recht. Deutsch­land war ein Wagnis, ein Aben­teuer. In seiner Dan­kes­rede in Dublin fragte Jack Charlton: Was wäre in Irland bloß los, wenn wir was gewonnen hätten?“ Für eine Ant­wort reicht meine Fan­tasie nicht aus.