Es läuft die 92. Minute in Frank­furt, als der Vierte Offi­zi­elle end­lich seine ver­dammte Tafel in den Abend­himmel streckt. Darauf steht: 4. Eine schlichte Zahl, mag man meinen, doch für Marco Russ ist es ein Signal. Das Licht am Ende eines scheinbar endlos langen Tun­nels.

Eine halbe Ewig­keit

Nach 285 Tagen ohne Ein­satz im Pro­fi­kader, nach der Hor­ror­dia­gnose Hoden­krebs, nach Monaten der The­rapie, des Ban­gens und Schuf­tens, des Zwei­felns und Hof­fens darf er end­lich wieder mit­spielen bei seiner Ein­tracht. 285 Tage. Eine halbe Ewig­keit im Leben eines Profis. Ein Wim­pern­schlag in einem Men­schen­leben, in dem Fuß­ball zur Neben­sache wurde. Aber eben auch zum Teil der The­rapie.

Aymen Barkok, Frank­furts Zukunft, schleicht in Zeit­lupe vom Rasen, fast so also wolle er dem Kol­legen Russ das Bad in der Menge noch ein paar Sekunden länger schenken. Die Fans erheben sich von ihren Plätzen. Russ leckt sich die Lippen, fragt den Offi­zi­ellen, ob er end­lich auf den Rasen dürfe. Ein paar Sekunden noch. Eine halbe Ewig­keit.

Ergeb­nisse sind zweit­rangig

Marco Russ wird auf dem Platz keinen sport­li­chen Bei­trag dazu leisten, dass Ein­tracht Frank­furt in diesen Minuten ins Halb­fi­nale des DFB Pokals ein­zieht. Aber was spielt das für eine Rolle? Wer mit dem Leben gerungen hat, wer in den Abgrund geblickt hat, wer die Dia­gnose Krebs weg­ge­steckt und sich wieder in den Pro­fi­fuß­ball hoch­ge­ar­beitet hat, für den sind schnöde Ergeb­nisse eine Rand­notiz auf dem großen Wunsch­zettel des Lebens. 

Still­stand im Zirkus

Nach dem Abpfiff liegt er sich mit seiner Frau in den Armen. Seine Tochter klam­mert sich an sein Knie, also wolle sie nie wieder los­lassen. Und für einen kurzen Moment steht der große Zirkus Pro­fi­fuß­ball end­lich mal still da und wischt sich eine Träne der Rüh­rung aus den Augen. 

Die Ein­wechs­lung von Marco Russ im Video »>

Es sind genau diese Momente, die beweisen, dass Fuß­ball groß ist. Ein Sport der Massen bewegt, der Gemüter erhitzt, der nicht selten über das Ziel hin­aus­schießt. Aber es sind eben auch jene Moment, die uns beweisen, dass Fuß­ball nichts ist.

Will­kommen zurück, Marco Russ!