Im letzten Jahr ließ die Deut­sche Fuß­ball Liga ein Wer­be­video pro­du­zieren, das auf ein inter­na­tio­nales Publikum zielte. Es war zwei Minuten lang und die Macher, eine Ber­liner Agentur, ver­merkten dazu stolz: Eine Ode an den Fuß­ball, die ohne eine ein­zige Bun­des­li­ga­szene aus­kommt. Denn genauso wichtig wie das Spiel sind unsere Fans.“ Tat­säch­lich sah man kaum Spieler oder Trainer, son­dern vor allem Fans, im Sta­dion, auf dem Weg dahin oder in der Kneipe. Der Clip passte zum Slogan, mit dem die Bun­des­liga schon länger um aus­län­di­sche Fans wirbt: Foot­ball as it meant to be!“ Fuß­ball, wie er sein soll.

Nun ist eine beson­dere Pointe, dass die Bun­des­liga der­zeit die Welt erobert, obwohl sie nicht hält, was sie ver­spricht. Es gibt der­zeit näm­lich nichts von der Pas­sion, mit der geworben wird und mit der sich der deut­sche Fuß­ball von dem in anderen Ligen unter­scheidet. Trotzdem hängen die Leute rund um den Globus vor dem Fern­seher und schauen sich Bayern gegen Frank­furt und sogar Schalke gegen Augs­burg an. Der eng­li­sche Sport­jour­na­list Kevin Hat­chard, der seit Jahren Bun­des­li­ga­spiele im eng­li­schen Fern­sehen kom­men­tiert, sagte neu­lich: Ich komme mir vor, wie das Mit­glied einer Indie­band, die plötz­lich einen Rie­senhit hat.“

Fuß­ball ohne Fans ist nicht nichts, son­dern Fuß­ball ohne Fans. Also Was­ser­ball.“

Auch in Deutsch­land sind die Ein­schalt­quoten an den ersten beiden Wochen­enden gut gewesen, das Hygi­e­nekon­zept funk­tio­niert weit­ge­hend und die Qua­lität der Spiele ist nicht viel schlechter als sonst. Die Mehr­zahl der Zuschauer scheint der Ansicht zu sein: Besser so ein Fuß­ball als gar keiner.

Es gibt aber auch einen inter­es­santen Dreh in die andere Rich­tung. So twit­terte am Samstag der Kölner Spie­ler­be­rater Jörg Neb­lung: „‚Ohne Fans ist Fuß­ball nichts!‘ What? Sorry, ich finde ohne Fans ist Fuß­ball 11 gegen 11 in Rein­form‘, der Ursprung des Spiels, Kampf statt Event. Es ist an der Zeit zu erkennen, ob man wegen des Spiels ins Sta­dion geht oder um ein­fach nur dabei zu sein“, schrieb er. So ähn­lich hatten auch ver­schie­dene Funk­tio­näre, wie Dort­munds Boss Hans-Joa­chim Watzke, für die Geis­ter­spiele geworben, dass man Fuß­ball pur“ erleben würde.

Fans, die sich wich­tiger nehmen als das Spiel

Neb­lung, der einst Robert Enke beriet und zu den ange­neh­meren Ver­tre­tern seiner Branche gehörte, brachte mit seinem Tweet aber auch eine Stim­mung in der Fuß­ball­branche zum Aus­druck, die sonst eher unter der Decke gehalten wird. Es gibt dort nicht wenige Men­schen, die vor allem von den Fans in den Kurven genervt sind. Sie finden, dass sich diese zu wichtig nehmen und manchmal wich­tiger als das Spiel selbst. Letz­teres mag mit­unter sogar stimmen, denn natür­lich ist Fuß­ball ohne Fans nicht nichts, son­dern eben Fuß­ball ohne Fans. Also Was­ser­ball. Oder Hockey oder Rhön­rad­fahren oder viele andere wun­der­bare Sport­arten, die von Men­schen pas­sio­niert betrieben werden, aber ein nur sehr kleines Publikum finden.

Trotzdem ist der Fuß­ball, den wir gerade erleben, eben kein Fuß­ball in Rein­form. Wäre er das, würde er wie Was­ser­ball oder Hockey der­zeit gar nicht aus­ge­tragen. Es gäbe keine Liga, die darauf drängte zu spielen, und keine Fern­seh­sender, die diesen Stoff brauchten. Er würde nicht in Eng­land ange­schaut, in Japan oder wo auch immer. Fuß­ball kann sein momen­tanes Geis­tes­leben nur des­halb führen, weil es Fans gibt, die das Spiel groß gemacht haben. Fuß­ball, wie er sein soll, ist letzt­lich viel mehr als ein Sport. Und er lebt nur des­halb weiter, weil es eine Per­spek­tive gibt, dass der ver­meint­lich pure Fuß­ball nur eine Epi­sode ist.