Aus­sagen von Fifa-Prä­si­dent Sepp Blatter wirken manchmal undurch­sich­tiger als die Ver­gabe von WM-Stand­orten. Letzte Woche sagte Blatter in der Schweizer Bou­le­vard­zei­tung Blick“ sinn­gemäß: Der Fuß­ball ist wie eine Oper. Die Oper wie­derum ist wie das Theater und ein Kon­zert. Und alle zusammen sind: Kul­tur­er­eig­nisse. Und bei Kul­tur­er­eig­nissen darf man bekannt­lich nicht rau­chen. Oder? Irgendwo in Sepp Blat­ters Argu­men­ta­tion hatte sich ein Wurm ver­steckt: Wir müssen uns jetzt in den Sta­dien ein biss­chen erheben – und damit auf­hören.“ Noch nie habe er gesehen, dass in der Oper, im Theater oder auf einem Kon­zert geraucht würde“.

Apfel-und-Birnen Ver­gleich und Weiß­wein­schorle in der Thea­ter­pause

Nun stellt sich die Frage, ob der Obmann des Welt­fuß­ball­ver­bandes jemals ein Kon­zert besucht oder bei einer Thea­ter­vor­stel­lung in der Pause eine kleine Weiß­wein­schorle ein­ge­nommen hat. Anschei­nend nicht, denn sonst wüsste Blatter, dass Tabak und Alkohol tra­di­tio­nell Teil von Kul­tur­er­eig­nissen sind. Rau­chen dient regel­mäßig als dra­ma­tur­gi­sches Ele­ment auf Thea­ter­bühnen und Alkohol hat seinen festen Platz als Genuss­mittel in Spiel­pausen – nicht erst seit Her­mann Hesses Step­pen­wolf“ sind Drogen fester Teil des Kul­tur­be­triebes, ganz zu schweigen vom Kli­schee des rau­chenden und trin­kenden Künst­lers.

Blat­ters Argu­men­ta­ti­ons­an­satz ist jedoch nicht nur inhalt­lich falsch, son­dern ent­behrt auch jeg­li­cher Kon­ver­sa­ti­ons­ma­ximen, da der­ar­tige Apfel-und-Birnen-Ver­gleiche vom eigent­li­chen Pro­blem weg­führen, anstatt mit Bezug aufs eigent­liche Thema zu argu­men­tieren. Man könnte For­de­rungen nach Dro­gen­frei­heit durchaus ver­nünftig recht­fer­tigen: Mit Hor­ror­bil­dern von Walter Froschs Abschieds­spiel etwa ließe sich schnell die Gesund­heits­schäd­lich­keit von Glimms­ten­geln doku­men­tieren. Auch hätte man staats­män­nisch sagen können, dass die gesell­schaft­liche Wider­stands­fä­hig­keit, Alkohol als schäd­liche Droge wahr­zu­nehmen, auch in den Fuß­ball­sta­dien bekämpft werden muss. Statt­dessen aber hat Blatter lieber den Fuß­ball mit der Oper ver­gli­chen. Dieser Ver­gleich geht so weit an der Rea­lität vorbei, dass sich eine Frage auf­drängt: Was weiß man über Fuß­ball­kultur, wenn man Rau­chen im Sta­dion unter freiem Himmel mit dem Hin­weis auf andere kul­tu­relle Insti­tu­tionen ver­bieten will? Die Ant­wort: Nichts.

Schaut man sich die Besu­cher eines Thea­ter­stücks oder eines Thea­ters näher an, findet man nicht nur bezüg­lich der Klei­der­ord­nung Unter­schiede: Frivol-humor­volle Atti­tüden von Fan­ge­sängen und despek­tier­lich zur Schau gestellte Rebel­lion gegen gesell­schaft­liche Tabus sind Grund­festen der Fan­kultur. Eine Kultur, die sich eben darauf begründet, dass sie nicht wie andere Kul­turzweige avant­gar­dis­tisch hoch­tra­bend die Gesell­schaft ver­bes­sern will, son­dern offen mit ihren Unzu­läng­lich­keiten und Unvoll­kom­men­heiten koket­tiert. Die Kurve war, sozio­lo­gisch gesehen, schon immer ein Ort, um gesell­schaft­li­chen (Verhaltens-)Konventionen zu ent­fliehen und den Alltag bewusst hinter sich zu lassen. Tabak­konsum will­kommen, Alko­hol­ex­zess nicht aus­ge­schlossen. Ent­hem­mung aus­drück­lich erwünscht.

Aber auch in his­to­ri­scher Hin­sicht ist Blat­ters Ver­gleich eher geh­un­fähig als nur hin­kend: Gegen Ende des 19. Jahr­hun­derts avan­cierte Fuß­ball in Eng­land zum Brei­ten­sport der Arbei­ter­klasse, zeit­gleich wurde das Abbrennen von Tabak­ar­ti­keln durch das Auf­kommen der Ziga­rette immer popu­lärer. Rauch­waren und Alko­ho­lika waren danach fester Bestand­teil der Ursuppe dessen, was man um die Jahr­hun­dert­wende des letzten Jahr­hun­derts auf Eng­lisch Foot­ball Crowd“ nannte und aus der alles her­vor­ging, was man heute unter dem Begriff Fuß­ball­kultur ein­schließt. Vor diesem Hin­ter­grund sind Ziga­retten im Sta­dion nicht ein­fach nur gesund­heits­schäd­liche Fluppen, son­dern Mittel der Sub­li­mie­rung und Frust­be­wäl­ti­gung, Genuss­mittel und Not­nagel zugleich. Seit Nick Hornbys Fever Pitch“, das nicht unwe­sent­lich an der (pop-)kulturellen Wahr­neh­mung von Fuß­ball betei­ligt ist, weiß man außerdem, dass man als aber­gläu­bi­scher Fan sehr wohl Bälle rein­rau­chen“ kann.

Pro­hi­bi­tion und der Ehrens­tern des Wal­liser Weins

Es gibt Dinge, mit denen sich der Lebe­mann Blatter wesent­lich besser aus­kennt: Zum Bei­spiel Alkohol. Wenn der 76-Jäh­rige näm­lich nicht gerade Sta­dien zum Pro­hi­bi­ti­ons­ge­biet erklärt, besitzt er ja noch den Status eines Alten Herren“ in der schla­genden Stu­den­ten­ver­bin­dung Hel­vetia“, die mit dem Wort unsym­pa­thisch wohl­wol­lend umschrieben ist. Die Ver­bin­dung folgt dem Prinzip der unbe­dingten Satis­fak­tion, nimmt keine Frauen auf, und Sepp Blatter trägt dort einen ver­bin­dungs­üb­li­chen Bier­namen: Mi-Temps“ (dt.: Halb­zeit). Der Gipfel der Absur­dität an Blat­ters For­de­rungen ist aller­dings weder der Ver­weis auf Opern­häuser noch Blat­ters per­sön­liche Inte­grität. Der Höhe­punkt der Absur­dität ist der Ort, wo Blatter seine Aus­sagen tätigte: Näm­lich am Rande eines Wein­festes, einem Kul­tur­er­eignis, bei dem er höchst­selbst mit dem Ehrens­tern des Wal­liser Weins“ aus­ge­zeichnet wurde.