Manuel Neuer, wir machen uns ein biss­chen Sorgen um Sie.
Das ist nicht not­wendig. Mir geht es sehr gut.
 
Aber durch die her­aus­ra­gende Defen­sive des FC Bayern bekommen Sie in dieser Saison kaum etwas zu tun, trotzdem sind Sie immer so dünn ange­zogen. Haben Sie keine Angst vor einer Erkäl­tung?
Keine Sorge. Auch wenn ich nicht allzu viel zu tun habe, bin ich wäh­rend eines Spiels immer sehr gut beschäf­tigt. Das Tor­wart­spiel erfor­dert heute ein biss­chen mehr als nur das Abwehren von Tor­schüssen. Mir ist also immer aus­rei­chend warm.
 
Wenn man so wenig auf sein Tor bekommt, ist es umso anstren­gender, die Kon­zen­tra­tion auf­recht zu erhalten. Wie machen Sie das?
Ich bin immer in Bewe­gung und spreche sehr viel mit meinen Vor­der­leuten. Schließ­lich trage ich die Ver­ant­wor­tung dafür, dass wir defensiv gut stehen. Diese Kom­mu­ni­ka­tion hält meine Kon­zen­tra­tion hoch.
 
Man sah in dieser Saison bereits Bilder, auf denen Sie sich von Thomas Müller wäh­rend des Spiels warm­schießen ließen. Wird Ihnen manchmal lang­weilig?
Fuß­ball ist nie lang­weilig. Aber wenn ich eine Zeit lang nichts auf mein Tor bekomme, brauche ich das Gefühl, einen Ball in der Hand zu halten. Das ist doch normal. Oder soll ich zwanzig Minuten ruhig stehen und wenn mir der Ball durch die Finger rutscht, sagen: Sorry, aber ich war nicht warm“?
 
Manch einer hält das für respektlos, wenn einen die Kol­legen wäh­rend des Spiels warm­schießen.
Das ver­stehe ich nicht. Ich finde es normal, mich best­mög­lich auf meinen Job vor­zu­be­reiten. Und ob mir jetzt Thomas Müller oder ein Ball­junge ein paar Bälle zuschießt, spielt doch keine Rolle.
 
In der Liga haben Sie erst acht Gegen­tore bekommen. Können Sie erklären, was die Bayern-Defen­sive so stark macht?
Es hat ein Umdenken bei unseren Offen­siv­spie­lern statt­ge­funden. Nach Ball­ver­lusten schalten wir sofort auf Bal­ler­obe­rung um. Und jeder hat jetzt ver­standen, dass er seinen Teil zur Defen­siv­ar­beit bei­tragen muss. Das ist der große Unter­schied zum ver­gan­genen Jahr. Wobei man nicht ver­gessen darf, dass wir auch da nicht so viele Gegen­tore bekommen haben. Aber heute ist es eben so, dass sich nicht mehr nur die Defen­siv­spieler über ein zu Null freuen. Auch Thomas Müller oder Arjen Robben und all die anderen Offen­siv­spieler freuen sich. Das ist eine posi­tive Ent­wick­lung.
 
Führen Sie in der Kabine eine Strich­liste mit allen Zu-Null-Spielen, um die Kol­legen zu moti­vieren?
Nein, das macht keinen Sinn, weil jeder von uns weiß, dass Gegen­tore eben zum Spiel dazu­ge­hören können. Wir wissen, dass wir jetzt nicht jedes Spiel ohne Gegen­tore durch­kommen. Ich erin­nere nur an das Spiel gegen Lever­kusen, bei dem wir zwei Tore bekommen haben, für die wir eigent­lich nichts können. Trotzdem ver­suche ich vor jedem Spiel klar anzu­spre­chen, dass die Defen­siv­ar­beit oberste Prio­rität hat. Vorne haben wir sowieso so viele Top­leute, die jeder­zeit ein Tor machen können. Darum müssen wir uns keine Sorgen machen.
 
Tut ein Gegen­treffer zum 1:6, wie zuletzt gegen Bremen, trotzdem weh?
Jedes Gegentor ist ärger­lich. Aber man kann es beim Stand von 5:0 besser ver­schmerzen als bei einem 0:0.
 
Sind Sie nach sol­chen Spielen eigent­lich genauso kaputt wie an Tagen, an denen Sie 15 Tor­chancen ent­schärfen mussten?
Es ist eine andere Art der Belas­tung. Wenn man selber mehr in Action ist, geht es irgend­wann an die Physis. Spiele mit wenig Beschäf­ti­gung sind vor allem psy­chisch anstren­gend. Das sollte man nicht unter­schätzen.

Im Cham­pions League-Finale 2012 gegen Chelsea bekamen Sie eigent­lich nur einen Schuss aufs Tor. Der Kopf­ball von Didier Drogba war dum­mer­weise drin…
Ich sehe das anders. An diesem Tag habe ich sehr wohl etwas zu tun bekommen.
 
Was haben Sie aus diesem Spiel mit­ge­nommen?
Wir alle haben aus diesem Abend gelernt. Man merkt der Mann­schaft heute an, dass die Moti­va­tion in jedem Spiel sehr hoch bleibt. Wir wollen alle bis zur letzten Sekunde voll da sein. In jedem Spiel gewinnen. Egal, wer der Gegner ist. Dieser Anspruch ent­steht auch aus solch schlimmen Nie­der­lagen. Das­selbe haben wir auch in der Natio­nal­mann­schaft erlebt. Die Nie­der­lage gegen Spa­nien 2010 und das Aus­scheiden gegen Ita­lien bei der EM haben weh getan, unsere Mann­schaft aber auch stärker gemacht. Ich gehe davon aus, beim nächsten Mal werden wir in den rich­tigen Momenten da sein.
 
Hat das ver­lo­rene Finale dahoam die Bayern am Ende also besser gemacht?
Wir hatten da einen sehr unglück­li­chen Tag und dieses Spiel nagt an einem, keine Frage. Aber wir deut­schen Natio­nal­spieler beim FC Bayern haben im letzten Jahr alles ver­loren. Zweiter in der Meis­ter­schaft, im Pokal, in der Cham­pions League und dann das Halb­final-Aus gegen Ita­lien. Es ist das Gesamt­paket, was man aus diesem Jahr mit­ge­nommen hat und das heute viel­leicht die paar Extra­pro­zente bei jedem ein­zelnen her­vor­kit­zelt. Denn das ist klar: So etwas wollen wir alle nicht noch einmal erleben.
 
Manche spre­chen davon, dass in der jet­zigen Bayern-Mann­schaft bereits der Geist der 1999er Mann­schaft lebt. Kann Bayern schon in diesem Jahr nach dem Cham­pions League-Titel greifen?
Vom Geist von 1999 höre ich jetzt zum ersten Mal. Ich kann das auch nicht beur­teilen, da ich 1999 nicht dabei war. Das Thema ist so weit weg, dass wir dar­über nicht nach­denken. Was wir wissen, ist, dass wir auch in diesem Jahr nichts geschenkt bekommen. Natür­lich wollen wir so viele Titel wie mög­lich. Aber jeder von uns weiß jetzt, dass es selbst dann nicht aus­reicht, wenn man in einem Cham­pions-League-Finale die 100 Pro­zent bes­sere Mann­schaft ist. Wenn du nur einen Moment nicht auf­passt, kann der Titel weg sein.
 
Wie wichtig war in der jet­zigen Situa­tion der Sieg gegen Borussia Dort­mund?
Wir haben alle begriffen, dass das kein nor­males Spiel war. Es ging auch ein biss­chen darum, wer die Vor­macht­stel­lung im deut­schen Fuß­ball hat. Wir waren, wie im letzten Jahr auch, die bes­sere Mann­schaft. Mit dem Unter­schied, dass wir end­lich mal wieder ein wich­tiges Pflicht­spiel gegen den BVB gewonnen haben.
 
Sie spre­chen sehr viel auf dem Platz. Hören Sie die Mit­spieler eigent­lich in einem vollen Sta­dion?
Ich ver­suche immer, mit meinem lauten Organ durch­zu­dringen, weiß aber auch, dass das manchmal nicht einmal bis zu unseren Sech­sern durch­dringt. Zum Glück haben wir Auto­ma­tismen ent­wi­ckelt, sodass meine Kör­per­sprache manchmal als Aus­drucks­mittel aus­reicht.
 
Ein strenger Blick und Arjen Robben weiß, dass er den Rück­wärts­gang ein­zu­legen hat?
Ich ver­suche es mit Hand­zei­chen. Das ist bisher ganz wirksam.
 
Viele Experten waren über­rascht, dass Sie bei Ihrem Wechsel zum FC Bayern Toni Tapal­ovic als Tor­wart­trainer mit­ge­bracht haben. Warum war es Ihnen so wichtig, dass er Ihr Trai­ning leitet?
Zual­ler­erst möchte ich betonen, dass ich Toni Tapal­ovic nicht beim FC Bayern unter­ge­bracht habe. Er hat bereits in der Jugend und bei den Ama­teuren beim FC Schalke her­vor­ra­gende Arbeit geleistet. Außerdem hat er auch die Aus­bil­dung bei Lothar Matuschak (Tor­wart­trainer der Jugend­mann­schaften bei Schalke, d. Red.) durch­laufen. Des­wegen habe ich Tapal­ovic ledig­lich als einen von vielen Trai­nern vor­ge­schlagen.

Bayern wollte Sie unbe­dingt. Den Wunsch konnte Ihnen also keiner aus­schlagen.
Jupp Heynckes hat sich mit Toni an einen Tisch gesetzt und sie haben sich unter­halten. Und der Trainer ist lang genug im Geschäft, um zu wissen, worauf es bei einem Tor­wart­trainer ankommt. Er hätte ihn sicher nicht geholt, wenn er dabei ein schlechtes Gefühl gehabt hätte.
 
Wann ist aus dem Trainer Tapal­ovic Ihr Kumpel Toni geworden?
Ich war damals gerade erster Tor­wart beim FC Schalke, Toni ist als Nummer zwei nach­ge­rückt. Ralf Fähr­mann hatte sich ver­letzt. Eines Tages kam Toni zu mir und sagte, dass ich bei bestimmten Sachen noch mehr trai­nieren müsse. Das hat mir impo­niert. In der Folge sind wir dann sehr oft länger draußen geblieben und haben Extra­schichten geschoben. Er hat mich gepusht und geför­dert. Natür­lich schweißen diese gemein­samen Trai­nings­ein­heiten auch zusammen.
 
Was für Ihr Vor­bild Edwin van der Sar der Trainer Frans Hoek war, ist für Sie also Toni Tapal­ovic.
Der Tor­wart, der ich heute bin, bin ich auch dank Toni Tapal­ovic. Er hat mich mit­ent­wi­ckelt. Ganz nebenbei glaube ich aber nicht, dass Edwin van der Sar alles Frans Hoek zu ver­danken hat. Van der Sar hat seinen größten Schritt mit dem Wechsel nach Eng­land gemacht.

Der stand auch für Sie mal zur Debatte, immerhin soll Alex Fer­guson sich aktiv nach Ihnen erkun­digt haben.
Damals standen viele Namen im Raum. Aber ich wusste, dass ich beim FC Bayern sehr viele nette Kol­legen vor­finde und in einen intakten Verein komme. Da fiel mir die Ent­schei­dung nicht allzu schwer.
 
Mehmet Scholl berich­tete zuletzt, dass das Spiel­tempo im Bayern-Trai­ning atem­be­rau­bend ist. Hand aufs Herz, ist das Trai­ning manchmal anstren­gender als ein Bun­des­liga-Spiel?
Das Trai­ning ist für mich der­zeit kör­per­lich natür­lich anstren­gender als so man­ches Spiel. Bei uns ist die Inten­sität immer sehr hoch, weil alle sich im Trai­ning anbieten wollen und auf das Spiel vor­be­reiten. Da können wir keinen Eier­tanz ver­an­stalten.
 
Ihr Nach­teil bei einer so starken Defen­sive ist, dass Sie sich sel­tener aus­zeichnen können. Da hat es ein René Adler leichter, der beim HSV manchmal unter Dau­er­be­schuss steht. Kann Ihnen das irgend­wann zum Ver­hängnis werden?
Es gibt sehr viele Mei­nungen über Tor­hüter, aber es gibt eben auch viele Leute, die keine Ahnung vom Tor­hü­ter­spiel haben. Es gehören nun mal mehr Dinge dazu als Paraden. Stel­lungs­spiel, Über­sicht, das Ent­schärfen von Situa­tionen, bevor sie über­haupt gefähr­lich werden: Diese Dinge sieht der Laie nicht so schnell. Wenn ich zum Bei­spiel lese, dass ich immer zu weit vor dem Tor stehe, dann kann ich nur kon­tern, dass ich so auch sehr viel gefähr­liche Eins-gegen-Eins-Situa­tion ver­eitle. Das sind keine Paraden, die jeder sofort als klasse Aktion erkennt. Des­wegen inter­es­siert mich das Urteil anderer nicht so son­der­lich.
 
Den­noch kennen Sie auch die andere Seite. Beim FC Schalke standen Sie in Ihrer letzten Saison eigent­lich immer im Mit­tel­punkt und rückten so immer weiter in den Fokus.
Da haben wir ordent­lich gewa­ckelt, das stimmt. Und das hat mir sicher auch geholfen. Ande­rer­seits musste ich dann beim FC Bayern lernen, dass man nicht immer mit tollen Flug­ein­lagen glänzen muss, um ein wich­tiger Bestand­teil der Mann­schaft zu sein.
 
Zuletzt waren Sie ein biss­chen ange­fressen, weil Ihnen René Adler im Spiel gegen Frank­reich vor­ge­zogen wurde.
Das ist doch normal! Ein Spiel gegen Frank­reich ist ein Pres­ti­ge­duell, bei dem man sich mit den Besten der Welt messen kann. Wel­cher deut­sche Natio­nal­spieler will da nicht spielen?
 
Mit Kevin Trapp, Oliver Bau­mann und Marc-André Ter Stegen wachsen hoff­nungs­volle Talente nach. Spüren Sie bereits den Atem der Kon­kur­renz im Nacken?
Ich freue mich in erster Linie, dass wir in Deutsch­land eine so gute Tor­hüter-Aus­bil­dung haben, die so tolle Spieler her­vor­bringt. Das macht mich stolz. Ich gucke den Jungs gerne zu und freue mich auf den Kon­kur­renz­kampf.
 
Das Tor­wart­spiel hat sich vor knapp 20 Jahren grund­le­gend ver­än­dert. Danach galt lange jeder Tor­wart als modern, der mal den Sech­zehner ver­lässt. Hat sich das Tor­wart­spiel seitdem eigent­lich gar nicht wei­ter­ent­wi­ckelt?
Natür­lich gibt es Nuancen, die sich immer wieder ver­schieben. Das liegt auch immer an der Mann­schaft, in der man gerade spielt. Gene­rell denke ich aber, dass das Tor­wart­spiel der­zeit auf einem sehr hohen Level ist, schwer­wie­gende Ver­än­de­rungen erwarte ich nicht. Man kann zwar viele Dinge aus­pro­bieren, die Frage ist aber immer, ob der Trainer davon so begeis­tert ist.
 
Immerhin sollen Sie Tennis in Ihre Trai­nings­ar­beit ein­binden. Klingt zumin­dest nach einer inno­va­tiven Methode.
Tennis spielen ist für Tor­hüter nicht ver­kehrt. Gerade in puncto Raum­be­herr­schung und Schritt­wechsel kann das eine sinn­volle Trai­nings­ein­heit sein.
 
Gegen wen spielen Sie denn so?
John McEnroe!
 
Ernst­haft?
Nein.
 
Haben Sie denn wenigs­tens Bayern-Edelfan Boris Becker schon einmal zu einem Match her­aus­ge­for­dert?
Nein. Ich will mich da auch nicht auf­drängen. Ich denke, ich habe auch noch nicht ganz sein Niveau erreicht. Er muss also noch etwas warten. (lacht)