Tobias Rau, als Sie im Juli 2009 Ihren Abschied aus dem Pro­fi­fuß­ball ver­kün­deten, spra­chen Sie von einer rie­sigen Erleich­te­rung“. Warum?

Dass sie mich nicht falsch ver­stehen: Fuß­ball war mein Traum­beruf, ich hatte fan­tas­ti­sche Jahre…

…aber Sie waren 27, als Sie diesen Job ver­let­zungs­frei an den Nagel gehängt haben!

Weil ich eines los­werden wollte: Diesen extremen Leis­tungs­druck, der als Pro­fi­fuß­baller auf dir lastet.

Gehört das nicht zum Geschäft dazu?

Scheinbar ja, aber keiner hat mir erklärt, wie ich damit hätte umgehen sollen.



Also alles Mär­chen von wegen Fuß­ball als Mann­schafts­sport?

Wegen der extremen Kon­kur­renz­si­tua­tion ist sich in jeder selbst der Nächste. Leis­tung und Erfolg sind im Fuß­ball wich­tiger als soziales Ver­halten. In jedem Spiel, in jedem Trai­ning habe ich diesen Druck ver­spürt – das ist jetzt Ver­gan­gen­heit und erleich­tert meinen Alltag ernorm.

Sie waren erst 21, als Sie der FC Bayern aus Wolfs­burg ver­pflich­tete. Tobias Rau, die neue Hoff­nung auf der linken Abwehr­seite, ein Shoo­ting­star – wie hat man Sie in Mün­chen emp­fangen?

Es war eine andere Welt. Auto­ma­tisch haben sich die Erwar­tungen von Medien, Fans und Trainer extrem erhöht. Und damit musste ich alleine klar kommen. Mit­ge­fühl in der Fuß­ball-Kabine gibt es nicht.

Unter Trainer Felix Magath sind Sie nur spo­ra­disch zum Zug gekommen…

Magaths Methode bestand darin, den Kon­kur­renz­druck enorm hoch zu halten, um so ein Leis­tungs­ma­ximum zu bekommen. Du wuss­test: Deine Leis­tung muss zu 100 Pro­zent stimmen, wenn nicht, dann bist du raus.

Früher hat man immer gesagt, dass die jungen Spieler von den erfah­renen Rou­ti­niers unter die Fit­tiche genommen werden. Gibt es so etwas nicht mehr?

Im Grunde genommen nicht. Im Fuß­ball, spe­ziell in Mün­chen, hat jeder seine eigene Bau­stelle, um die er sich küm­mern muss. Da bleibt keine Zeit für die Gefühle des Mit­spie­lers. Ich hatte das Glück, eine Aus­nahme zu erwi­schen.

Wer war das?

Mehmet Scholl. Wir hatten relativ früh ein gutes Ver­hältnis und Mehmet hat mir bald auch die Regeln in Mün­chen erklärt.

Was waren das für Regeln?

Ich bin als junger Neu­zu­gang bei den Bayern anfangs sehr passiv auf­ge­treten, ich war ziem­lich schüch­tern. Aber das waren alles Welt­stars, die da jeden Tag gegen den Ball traten! Mehmt hat mir gesagt, dass ich deut­lich aggres­siver auf­treten müsse, um dann im ent­schei­denden Moment das Gespräch mit dem Trainer zu suchen.

Und, hat das geklappt?

Tat­säch­lich, ja. Ich habe einige Wochen sehr gut trai­niert und bin dann zu Felix Magath gegangen: Trainer, ich fühl mich gut, ich will spielen.“ Prompt habe ich einige Spiele gemacht, bis mich eine Ver­let­zung gestoppt hat. Aber dass man im Fuß­ball-Geschäft jemanden hat, der sich für dich ein­setzt, ist äußerst selten.

Was ist noch übrig von der viel gerühmten Kame­rad­schaft?

In der Kabine hat man eigent­lich keine echten Freunde. Ich schätze die Pro­zent­zahl der Spieler, die in ihrer Mann­schaft einen Freund besitzen, auf unter drei Pro­zent.

Haben Sie nicht ver­sucht unter den Kol­legen freund­schaft­liche Kon­takte zu knüpfen, oder sich mal mit eigenen Sorgen jemanden anzu­ver­trauen?

Kein Fuß­baller würde es wagen Hilfe von den Kol­legen zu suchen. Regel Nummer eins in der Kabine ist: Nie­mals Schwäche zeigen! Hilfe muss man sich im pri­vaten Kreis suchen, nicht in der Kabine.

Wie wichtig sind Ihnen Freunde?

Sehr wichtig.

Wie haben Sie es dann als Pro­fi­fuß­baller aus­halten können?

Der Job an sich ist ja fan­tas­tisch: Du spielst Fuß­ball und ver­dienst damit sehr viel Geld. Aber Fuß­ball ist eine Schein­welt. Deinen eigent­li­chen Cha­rakter kannst du in diesem Beruf nicht aus­leben.

Wie lautet die Kon­se­quenz?

Du wirst zu einem ziem­lich guten Schau­spieler.

Wie sah Ihre Rolle aus?

Sie unter­schied sich auf jeden Fall von der Pri­vat­person Tobias Rau. Ein Bei­spiel: Im Fuß­ball gibt es auch heute noch Trainer der alten Schule, da musste ich mir im Trai­ning Belei­di­gungen gefallen lassen, die ich im nor­malen Alltag nie­mals unge­straft gelassen hätte. Aber das gehört zum Rol­len­spiel dazu.

Wie hat sich dieser auf­ge­staute Druck ent­laden?

Ich habe das bei mir immer in der Som­mer­pause gespürt, wenn man einmal im Jahr min­des­tens zwei Wochen lang völlig abschalten konnte. Kein Trai­ning, kein Spiel, nichts. Da habe ich erst gemerkt, wie müde ich war. Als Fuß­baller bist du ja an fast jedem Wochen­ende Adre­na­lin­kicks aus­ge­setzt, die andere viel­leicht zwei- oder dreimal im Leben ver­spüren. Das ist anormal.

Sie waren zwei Jahre bei den Bayern und sind dann – nach nur 13 Spielen – zu Arminia Bie­le­feld gewech­selt. Und waren den Druck los.

Von wegen. Der Erwar­tungs­druck hat sich für mich auch nach dem Wechsel nicht ver­än­dert, im Gegen­teil. Ich kam als Links­ver­tei­diger von Bayern Mün­chen, ehe­ma­liger Natio­nal­spieler – man hat von mir pro Spiel zwei Tore oder zumin­dest eine über­ra­gende Leis­tung erwartet. Erwar­tungen, die ich natür­lich nicht erfüllen konnte.

Wie fällt Ihr Fazit nach neun Jahren Pro­fi­fuß­ball aus?

Ich hatte eine groß­ar­tige Zeit und habe einen Traum­beruf aus­geübt. Aber Fuß­ball ist ein Wochen­ge­schäft in dem es um enorm viel Geld geht. Da bleibt kein Platz für allzu viel Mensch­lich­keit. Man muss funk­tio­nieren und wenn man nicht funk­tio­niert, dann muss man gehen.

Seit einigen Jahren bemühen sich die Ver­eine um psy­cho­lo­gi­schen Bei­stand für Ihre Spieler. Wird jetzt alles besser?

Druck und Stress wird im Fuß­ball nicht weniger werden. Je mehr Geld im Spiel ist, je mehr Medien über Fuß­ball berichten, je mehr Zuschauer ins Sta­dion kommen, desto größer ist der Druck. Die Bun­des­liga muss lernen, damit pro­fes­sio­nell umzu­gehen. Was heißt, dass man sich ein­fach noch mehr um die psy­cho­lo­gi­sche Ebene bemühen sollte. Da besteht ein­deutig Nach­hol­be­darf.