Sie ist unter den Freunden des Fuß­balls die am meisten und liebsten dis­ku­tierte Frage: Wer ist der beste Spieler aller Zeit?“ Die jün­geren sagen: Zine­dine Zidane, die weiße Katze von Mar­seille“. Der Welt­meister, behaupten sie, sei in seiner Blü­te­zeit so ele­gant gewesen wie nie­mand sonst. Die­je­nigen, deren Erin­ne­rung etwa zehn Jahre weiter zurück­geht, sagen, Diego Armando Mara­dona sei der Größte gewesen: Auch er war Welt­meister, und in noch höherem Maße habe er, argu­men­tieren sie, seine Mann­schaft über die Gegner erhoben, sei noch genialer gewesen, und noch weniger habe man sein Spiel begreifen können. Nicht wenige sagen das auch von Michel Pla­tini. Nein, rufen die, die schon in den 60er und 70er Jahren dabei waren: Nie­mand sei besser gewesen als Pelé, Becken­bauer und Cruyff. Doch allein unter diesen drei Wun­der­spie­lern kann sich die Fach­welt nicht auf einen einigen. Und die Liste der Kan­di­daten ließe sich ohne wei­teres um den zeit­ge­nös­si­schen Ronald­inho, um Marco von Basten, Zico, Eusebio und etliche mehr erwei­tern.

Was wurde aus den Legenden?

Warum aber gibt es keinen Kon­sens? Warum kann es ihn gar nicht geben? Natür­lich: Weil es zuviel Spaß macht, dar­über zu streiten, und auch, weil jeder in einer anderen Zeit von einem Spieler in den Bann gezogen wurde. Letzt­lich haben sie alle ein gera­dezu jen­sei­tiges Niveau erreicht, wird ihrer zu Recht mit Weihe gedacht. Gleich­wohl haftet jedem von ihnen – und das ist es, was die Gegen­ar­gu­mente bildet – ein Makel an. Hat Zidane sich durch seine Tät­lich­keit im WM-Finale 2006 selbst abge­wi­ckelt? Mara­dona indes hat sich und uns um die Rei­fe­phase seines Kön­nens gebracht und trat wür­delos ab. Und Pelé ist indes – wie Pla­tini – ein Fuß­ball­un­ter­nehmer geworden und im Begriff, seinen eigenen Mythos auf­zu­fressen. Immer mehr Fans wenden sich dem noch begna­de­teren und ver­dienst­vol­leren Gar­rincha zu. Der starb, ver­armt und beinah ver­gessen, abseits des Ram­pen­lichts. In diesem stehen van Basten, Zico und Eusebio zwar noch immer, doch sind sie unvoll­endet geblieben: Für sie reichte es nicht zum Welt­meis­ter­titel.

Für einen reichte es noch nicht einmal zur Teil­nahme am bedeut­samsten Tur­nier. Sein Ruf weht nur ganz leise zu uns her­über, aus einer Zeit, als das Spiel längst nicht so in Szene gesetzt wurde wie in den Jahr­zehnten danach. Ganz leise weht sein Ruf, sein Name wird nur geraunt wie das Code­wort zum Olymp der Aller­besten. Doch er durch­dauert die Zeiten. Und wäh­rend andere ver­gessen werden, Dirceu, Cubillas, Kempes etwa, wird man über ihn noch in ferner Zukunft spre­chen wie über den Erfinder des Spiels: Alfredo di Ste­fano.

Ein Teil der Maschine

Alfredo di Ste­fanos Kar­riere begann in den 40er Jahren bei River Plate Buenos Aires. Diese Mann­schaft war die erste, die mit einer Rota­tion spielte. Jeder Spieler war sowohl defensiv als auch offensiv stark, ständig in Bewe­gung und unfassbar lauf­stark. Man sprach über River Plate nur als die Maschine“, die ange­trieben wurde von der Fünfer-Sturm­reihe Munoz, Moreno, Lab­runa, Lous­teau und Adolfo Peder­nera, einem der besten argen­ti­ni­schen Mit­tel­stürmer aller Zeiten. Er war es, der ein System ein­stu­dierter Pfiffe erfand, über das er sich mit seinen Mann­schafts­ka­me­raden ver­stän­digte. Hier wurde das Spiel, das zu dieser Zeit noch seiner Urform ähnelte, in einer Weise orga­ni­siert, die neu war und revo­lu­tionär. Sie war die Schule für den jungen Alfredo di Ste­fano, der später zum General“ werden sollte.

Noch aber war er der blonde Pfeil“: In seiner ersten kom­pletten Spiel­zeit, als er den Alt­meister Peder­nera beerbt hatte, wurde er auf Anhieb Tor­schüt­zen­könig, argen­ti­ni­scher Meister und errang die Copa Ame­rica. Da süd­ame­ri­ka­ni­sche Mann­schaften noch nicht wieder gegen euro­päi­sche spielten, fehlen objek­tive Maß­stäbe, um zu sagen, wie stark River Plate in der zweiten Hälfte der 40er Jahre tat­säch­lich war. Aber wenn man dem Dichter Edu­ardo Galeano glauben darf, war sie eine der besten Mann­schaften in der Geschichte des Fuß­balls“. Und Alfredo di Ste­fano war darin eine Klasse für sich: Atem­be­rau­bende Tem­po­dribb­lings, eine sagen­hafte Koor­di­na­tion (es mussten ihn schon drei Ver­tei­diger auf einmal in die Zange nehmen, damit er fiel), eine Über­sicht wie ein Schach­groß­meister und ein Schuss wie eine Waffe. Di Ste­fano war nicht ein­fach besser als seine Gegner, er spielte ein anderes Spiel, das sie gar ver­standen. Kein Wunder also, dass man bei den Mil­lio­na­rios Bogotá in Kolum­bien, wo eine der ersten Pro­fi­ligen der Welt bestand und bereits Unsummen aus­ge­geben wurden, 1949 den Tresor öff­nete. Eine loh­nende Maß­nahme: Viermal führte di Ste­fano sie zur Meis­ter­schaft, zweimal als bester Tor­schütze Kolum­biens.

Eine Vor­ah­nung vom modernen Fuß­ball

Schon damals wehte jener Ruf nach Europa hin­über, raunte man sich hier seinen Namen zu. Einzig Larbi Ben Barek, der Spiel­ma­cher von Atle­tico Madrid, ver­lieh den Fans eine Ahnung, wie moderner Fuß­ball aus­sehen könnte: weit­räumig, über­ra­schend, fle­xibel. Er führte seine Mann­schaft zu zwei Titeln, und bei den Rivalen Real und Barca bissen die Chefs vor Neid in ihre Schreib­tisch­kanten. Eine Lösung musste geschaffen werde, und zwar schnell. So kam es, dass man genauer hin­hörte, wenn dieser Name fiel: Alfredo di Ste­fano. Beob­achter wurden nach Kolum­bien ent­sandt, die jap­send zurück­kehrten und von Wun­der­dingen berich­teten. Diesen Mann will ich haben,“ sagten syn­chron San­tiago Ber­nabeu und Pepe Sami­tier, die Macher der beiden Groß­clubs. Doch wem würde der Coup gelingen? Es kam zum Streit. Der spa­ni­sche Ver­band fällte ein ebenso salo­mo­ni­sches wie uner­träg­li­ches Urteil: Di Ste­fano sollte an beide Ver­eine gebunden werden und abwech­selnd eine Saison für Real und eine für Barca spielen.

Wei­sungs­gemäß trat er zunächst für Real an. Doch Prä­si­dent Ber­nabeu hatte einen per­fiden Plan, und der ging auf: Di Ste­fano spielte absicht­lich so lasch, dass man sich in Bar­ce­lona irri­tieren ließ und davon aus­ging, man habe ihn über­schätzt. Man ver­zich­tete auf seine Dienste und nahm gelang­weilt Reals Abschlags­zah­lung ent­gegen. Doch im ersten Spiel der Saison 1953/54 hatte die Scha­rade ein Ende: Di Ste­fano traf viermal beim 5:0‑Sieg. Der Gegner war der FC Bar­ce­lona und die epo­chale Feind­schaft zu Real Madrid damit besie­gelt. Wie­derum auf Anhieb wurde di Ste­fano Tor­schüt­zen­könig und Meister. In den zehn Fol­ge­jahren errang er den Titel noch sieben wei­tere Male. Die Mann­schaft von Real Madrid wurde zur Legende.

Ray­mond Kopa spielte hier, der legen­däre fran­zö­si­sche Recht­außen, und später Didi, der Regis­seur der bra­si­lia­ni­schen Welt­meis­terelf und Erfinder des fal­lenden Blattes“, des Frei­stoßes mit Effet. Doch di Ste­fano, das Genie, dul­dete kein anderes Genie neben sich, das sich ent­falten wollte. Sie alle mussten sich ihm unter­ordnen. So gingen Kopa und Didi ent­nervt, und es brauchte Spieler, die erkannten, dass sie erst durch den General“ in neue Dimen­sionen vor­dringen konnten. José San­ta­maria war einer von ihnen, der uru­gu­ay­ische Mit­tel­läufer. Selbst ein unge­mein offen­siv­starker, moderner Spieler, stellte er sich di Ste­fano als Adju­tant zur Ver­fü­gung. Auch der blut­junge Links­außen Fran­cisco Gento ahnte, was er würde lernen können. Zwölf Jahre später war er es, der Real als Kapitän zum Sieg im Euro­pa­pokal der Lan­des­meister führte. Oder Hector Rial: Mit seinem argen­ti­ni­sche Lands­mann zeigte di Ste­fano nie da gewe­sene Dop­pel­pässe, die ihre Gegner um den Ver­stand brachten. So gewann Real zweimal den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister und war Mitte der 50er Jahre welt­weit als das weiße Bal­lett“ bekannt. Doch in der Rück­schau war es nur eine Vortanz­gruppe für das, was ab 1958 geschah. Emil Östrei­cher, ehe­ma­liger Manager von Honved Buda­pest und zu dieser Zeit tech­ni­scher Direktor von Real Madrid, gelang es, die beiden besten Spieler ihrer Genera­tion zusam­men­zu­führen – er ver­pflich­tete den Ungarn Ferenc Puskás.

Der General und der Major

Der Major“, wie er genannt wurde, erkannte die Befehls­ge­walt des Gene­rals“ di Ste­fano an und war sei­ner­seits von diesem mehr als nur geduldet. Es ver­band sie eine tiefe Freund­schaft, die sich auf dem Platz in einem blinden Ver­ständnis dessen äußerte, wovon andere noch nicht einmal eine blasse Ahnung hatten. Es brach über sie hinein, es ver­nich­tete sie. Mein erster Gedanke war: Das ist ein Schwindel, geschnitten, ein Film,“ sagte kein Gerin­gerer als Bobby Charlton, als er di Ste­fano und Puskás erst­mals im Zusam­men­spiel gesehen hatte, weil diese Spieler Dinge taten, die nicht mög­lich sind, nicht real, nicht mensch­lich.“ Gemeinsam errangen sie drei wei­tere Male den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister. Sie waren die König­li­chen“.

Als Krö­nungs­messe gilt das End­spiel von 1960 gegen Ein­tracht Frank­furt im Glas­gower Hampden Park. 130.000 Zuschauer sahen ein Spiel, das sie nie wieder ver­gaßen. Alfredo di Ste­fano ließ sich, wie es sein Art war, als Mit­tel­stürmer immer wieder weit zurück­fallen und war so selbst­be­wusst, dass er das Spiel schon aus dem eigenen Straf­raum heraus ord­nete. Von dort trieb er den Ball mit behänden Stößen durchs Mit­tel­feld – er hatte seine Gegen­spieler schon nach einer halben Stunde tot­ge­laufen – und suchte immer wieder den Dop­pel­pass mit dem kon­ge­nialen Puskás. Dann wieder schlug er sofort einen 60-Meter-Ball. Er selbst traf dreimal, Puskás gar viermal. Real gewann 7:3, und Erwin Stein, einer der Frank­furter Zeugen dieser Offen­ba­rung, sagte hin­terher: Wir sind vor denen bald in die Knie gegangen.“

Fossil auf der Tri­büne

Es war der Höhe­punkt einer Ära und zugleich ihr Ende. In der Fol­ge­saison schied Real schon im Ach­tel­fi­nale aus. Alfredo di Ste­fano, mitt­ler­weile 35 Jahre alt und nur noch seinem Spitz­namen nach blond, wurde zuse­hends müde. Jün­gere Spieler traten an seine Stelle, Pelé etwa, Gar­rincha und später George Best. Noch viermal wurde er spa­ni­scher Meister, doch man­gelte es diesen Titeln an der Gran­dezza ver­gan­gener Jahre. Gera­dezu unwürdig geriet das Welt­meis­ter­schafts­tur­nier 1962. Wie schon für Argen­ti­nien und Kolum­bien trat di Ste­fano auch für die spa­ni­sche Natio­nal­mann­schaft an. Aus uner­find­li­chen Gründen war in den 50er Jahren nicht einmal die Qua­li­fi­ka­tion geschafft worden – trotz Spie­lern wie Kubala, Gento und eben di Ste­fano. In Chile nun musste er, wegen einer Ver­let­zung nicht ein­satz­fähig, das Aus­scheiden in der Zwi­schen­runde mit ansehen. Er war ein Fossil auf der Tri­büne, zu spät rich­teten sich die Kameras auf ihn und schwenkten gleich wieder um auf Pelé, der statt­dessen von vielen zum besten Spieler aller Zeiten aus­ge­rufen wurde.

1964 ver­ließ di Ste­fano unter eben­falls unwür­digen Umständen Real, ein Tag, den der spa­ni­sche Schrift­steller Javier Marias als den schlimmsten seines Lebens“ in Erin­ne­rung behielt. Nach zwei Jahren bei Espanyol Bar­ce­lona, ins­ge­samt 565 Spielen und 466 Toren in der Pimera Divi­sion been­dete er seine aktive Lauf­bahn. In Voll­endung prak­ti­ziert,“ hat er einmal gesagt, ist Fuß­ball eine Kunst – genau wie die Malerei.“ Ist es also ver­fehlt, ihn an Cruyff, Mara­dona, Zidane und all den anderen messen zu wollen? Weist sein Talent über den Fuß­ball hinaus? Viel­leicht muss er kon­kur­renzlos stehen, in einer weit gestaf­felten Reihe mit Malern, Kom­po­nisten und Dich­tern. Viel­leicht müssen wir von seiner Kar­riere als einem Werk spre­chen – auch wenn es unvoll­endet blieb.

Dieses Por­trait erschient im Mai 2014 auf www​.11freunde​.de. Alfredo Di Sté­fano ver­starb am Montag, 07. Juli 2014, im Alter von 88 Jahren an den Folgen eines Herz­in­farkts.