Stig Tøf­ting, haben Sie mal Ihren Namen gegoo­gelt?
Klar. Man bekommt schnell den Ein­druck, ich sei ein ziem­lich übler Kerl. Schlä­ge­reien, Gefängnis, Hell’s Angels. Aber viele kennen nur kleine Details der Geschichten, sie haben nie mit mir gespro­chen. Wenn sie vor mir sitzen, sagen die meisten: Stig, du bist doch ein netter Kerl.“

Sie sagten einmal: Ich möchte für den kleinen Mann auf die Bar­ri­kaden steigen.“ Warum will ein Fuß­baller, der Mil­lionen im Jahr ver­dient, auf die Bar­ri­kaden steigen?
Fuß­ball ist ein biss­chen wie Krieg. Und mit wem würden Sie eher in eine Schlacht ziehen: Mit mir oder mit einem hemds­är­me­ligen Typen, der lächelnd über den Platz trabt? Mit­spieler wussten immer, dass ich sie nicht hän­gen­lasse. Und die Fans sahen, dass da jemand ist, der sich für sie den Arsch auf­reißt, auch wenn er viel Geld ver­dient. Das war mir wichtig.

Bei den HSV-Fans hatten Sie die Spitz­namen Kampf­ma­schine“ oder Pit­bull“.
Ich merkte schon als Kind, dass ich auf­grund meiner Statur beim Fuß­ball Nach­teile haben würde. Also sagte ich mir: Du musst rennen, Stig! Rennen!“ Jeden ver­dammten Tag nach der Schule bin ich zehn Kilo­meter gejoggt und machte täg­lich Lie­ge­stütze. So wurde ich als Profi zwar kein super Tech­niker, doch ich war einer, der in der 90. Minute noch Luft für eine wei­tere Partie hatte.

Ich sah meinen Vater in einer Blut­lache am Boden“

Stig Tøfting

Hatten Sie in Ihrer Kind­heit Idole?
Keine großen Namen. Ich mochte die ver­rückten Typen auf dem Platz, die, die ein biss­chen anders waren. Mein großer Held hieß Kim Ziegler. Ich sah ihn erst­mals, als er einem Gegen­spieler den Ball an den Kopf warf, weil dieser ihn beim Ein­wurf genervt hatte. Ziegler bekam die Rote Karte. Andere haben sich ver­mut­lich tie­risch dar­über auf­ge­regt, ich fand das cool.

In Däne­mark eiferten Kinder damals den Lau­drup-Brü­dern oder Morten Olsen nach. Woher rührte Ihre Fas­zi­na­tion für Anti­helden wie Ziegler?
Ich habe früh gelernt, was es heißt, unten zu sein. Ich wuchs in einem Arbei­ter­be­zirk in Aarhus auf, mein Vater war Bus­fahrer, der sich jeden Abend betrank, meine Mutter arbei­tete als Arzt­hel­ferin. Als Kind musste ich Zei­tungen aus­tragen oder belie­ferte alte Leute mit Lebens­mit­teln. Mein Leben bestand aus Arbeit, Schule, Fuß­ball und wenig Geld. Nur einmal, am Tag meiner Kon­fir­ma­tion, gab es ein großes Geschenk: Eine Ste­reo­an­lage. Ich hörte wochen­lang Schall­platten von Boney M.

Das war in dem Jahr, in dem Sie Ihre Eltern ver­loren.
Es war der Sams­tag­abend des 30. Juli 1983. Es lief zu der Zeit nicht son­der­lich gut zwi­schen meinen Eltern, sie hatten viel Streit. Warum, ver­stand ich nicht. Mein Vater hatte schon einmal ver­sucht, sich das Leben zu nehmen. Er legte einen Staub­sauger­schlauch vom Aus­puff ins Innere seines Wagens, doch der Selbst­mord­ver­such miss­lang. An jenem Sams­tag­abend kam ich auf­ge­kratzt nach Hause. Ich wollte meinen Eltern erzählen, wie ich mit meiner Mann­schaft in das Finale eines Tur­niers ein­ge­zogen war. Ich schloss voller Vor­freude die Tür auf, blickte in den Flur unserer Woh­nung und sah meinen Vater in einer Blut­lache am Boden, neben ihm das Jagd­ge­wehr. Ein paar Schritte weiter, in der Küche, lag meine Mutter. Wie sich später her­aus­stellte, hatte mein Vater zunächst sie, dann sich selbst umge­bracht.

Nie­mand hatte etwas davon mit­be­kommen?
Scheinbar nicht. Ich schnappte mir unseren Hund, drehte mich um und rannte los. Immer gera­deaus, zum Haus meiner Groß­el­tern. Als ich vor meinem Opa stand, sagte ich: Da ist was pas­siert.“ Ich konnte das Gese­hene nicht ein­ordnen. War das die Wirk­lich­keit oder nur Ein­bil­dung? Danach lief alles wie in Trance. Die Polizei kam, um mich herum Onkel, Tanten, meine kleine Cou­sine, Groß­el­tern, die ganze Familie.

Schon am nächsten Tag standen Sie wieder auf dem Fuß­ball­platz.
Wissen Sie, ich war gerade mal 13 Jahre alt – was pas­siert war, erschien mir schlichtweg unwirk­lich. Ich dachte am Sonntag zunächst an Fuß­ball, an den Cup und vor allem an den großen Sepp Piontek, der als Schirm­herr des Tur­niers ein­ge­laden war. Wir gewannen das End­spiel und Piontek kürte mich zum besten Spieler. Es war trotz der Gescheh­nisse ein guter Tag.

Sie spra­chen nicht mit einem Psy­cho­logen?
Später, klar. Doch zunächst ging das Leben mit selt­samer Rou­tine weiter. Am Montag trug ich wieder Zei­tungen aus. Als ich aufs Titel­blatt blickte, sprang mir der Auf­ma­cher ent­gegen: 13-jäh­riger Junge findet seine Eltern tot in der Woh­nung“. In dem Moment traf ich meine Tante. Sie nahm mir die Zei­tung aus der Hand und brachte mich nach Hause.

Das ist mehr als 30 Jahre her. Was emp­finden Sie, wenn Sie daran zurück­denken? Wut?

Wütend war ich nie. Ich würde meinen Vater nur gerne fragen: Warum? Darauf habe ich nie eine zufrie­den­stel­lende Ant­wort erhalten. Viel­leicht, weil ich nicht richtig danach gesucht habe.

Sie haben nie mit anderen Fami­li­en­an­ge­hö­rigen über die Tra­gödie gespro­chen?
Wenig. Ich habe seit jeher die Ein­stel­lung, dass ich für Dinge, die ich nicht beein­flussen kann, keine Energie ver­schwende.

Jour­na­listen stellten später gerne einen Zusam­men­hang zwi­schen Ihrer harten Kind­heit und Ihren Eska­paden abseits des Fuß­ball­platzes her. Wie sehen Sie das?
Ich kenne diese Berichte. Sie kamen nach der WM 2002 in Süd­korea und Japan auf. Ihr Tenor: Weil der Tøf­ting seine Eltern ver­loren hat, ist er nun eine tickende Bombe. Aber da gab es nie einen Zusam­men­hang.

Vor Däne­marks Grup­pen­spiel gegen den Senegal ver­öf­fent­lichte die Bou­le­vard­zeit­schrift Se og hør“ einen Artikel mit Details über den Tod Ihrer Eltern.
Schon ein paar Tage vor dem Spiel gegen den Senegal holte mich unser Pres­se­spre­cher zu sich. Er sagte, dass Se og hør“ am Don­nerstag einen Artikel über meine Eltern dru­cken wird. Zu dem Zeit­punkt war die Geschichte den meisten däni­schen Medien bekannt, doch es gab ein Still­hal­te­ab­kommen, auch weil meine Kinder davon noch nichts wussten. Sie sollten es von mir erfahren, wenn sie alt genug sind.

Wer hat sich nicht schon mal geprü­gelt?“

Wie haben Sie reagiert?
Meine Mit­spieler empörten sich mehr als ich. Sie schimpften: Jetzt reicht es! Wir boy­kot­tieren die gesamte Presse!“ Ich war nur besorgt wegen meiner Kleinen. Also rief ich meinen Onkel in Aarhus an und bat ihn, meinen Kin­dern zu erklären, was in den nächsten Tagen los sein würde.

Wie war die Reso­nanz am Tag des Erschei­nens?
Viele Kiosk­be­sitzer zeigten sich soli­da­risch mit mir und meiner Familie. Sie schickten die Exem­plare von Se og hør“ an den Verlag oder die Gros­sisten zurück. Der Chef­re­dak­teur wurde wenig später ent­lassen.

Es war eine Zeit, in der Sie über­haupt nicht mehr mit der Presse gespro­chen haben.
Es kam vieles zusammen. Die Geschichte mit Se og hør“ war nur der Anfang.

Erzählen Sie.
Im Sommer 2002 habe ich mich im Café Ketchup“ in Kopen­hagen geprü­gelt. Wir hatten mit der däni­schen Natio­nal­mann­schaft eine gute WM in Süd­korea und Japan gespielt, fei­erten, und ich habe mich im betrun­kenen Zustand pro­vo­zieren lassen.

Sie sollen dem Bar­keeper eine Kopf­nuss ver­passt haben, weil er Sie zur Ruhe ermahnte.
Die Medien stürzten sich wie Heu­schre­cken auf mich. Wenn ich nicht so bekannt gewesen wäre, wäre das der Presse nicht mal eine zwei­zei­lige Mel­dung wert gewesen. Denn wer hat sich nicht schon mal geprü­gelt?

Leute, die sich nicht so leicht pro­vo­zieren lassen?
Ich finde nicht, dass ich leicht zu pro­vo­zieren bin.

Wie war es damals?
Es gab eben manchmal Situa­tionen, in denen ich nicht weg­gehen konnte. Doch ich habe gelernt, heute bringe ich mich nicht mehr in solche Situa­tionen.

Sie mussten nach der Schlä­gerei ins Gefängnis.
Im Früh­jahr 2003 kam zunächst unser Sohn Jon zur Welt. Doch er starb nach nur drei Wochen an den Folgen einer Hirn­haut­ent­zün­dung. Es war die schlimmste Tra­gödie in meinem Leben. Viel schlimmer als der Tod meiner Eltern. Vor der Bei­set­zung sagte ich der Presse, dass ich keine Jour­na­listen wün­sche. Doch dann ver­steckte sich ein Foto­graf in einem Kir­chen­schiff und machte mit einem dicken Tele­ob­jektiv Bilder. Sie wurden am nächsten Tag im Ekstra Bladet“ abge­druckt.

Kurz nach dem Tod Ihres Sohnes, im Sommer 2003, traten Sie Ihre vier­mo­na­tige Haft­strafe an. Hat Ihre Familie nicht dar­unter gelitten?
Es machte uns nur stärker. Wir waren uns einig, dass ich die Haft­strafe antrete. Ich musste end­lich raus aus der Öffent­lich­keit. Die Sache mit der Kirche war nur die Spitze des Eis­bergs. Ich sah in unserer Straße damals täg­lich Foto­grafen und Jour­na­listen, die im Gebüsch lagen und die nächste heiße Story erhofften.

Hatten Sie Angst vor dem Gefängnis?
Nein.

Wie war es denn dort?
Nicht schlimm. Ein offener Vollzug, ein biss­chen wie ein Trai­nings­lager mit dem HSV. Ich hatte auf meinem Zimmer Fern­seher, DVD-Player, Telefon und einen Ergo­meter. Ich konnte wun­derbar trai­nieren, sogar wäh­rend ich Rasen mähte.

Sie mähten Rasen?
Ja, das war meine Arbeit. Täg­lich von 8 bis 15 Uhr. Und jede Stunde habe ich eine kurze Pause ein­ge­legt und 50 Lie­ge­stütze gemacht.

Haben Sie in der Zeit an Fuß­ball gedacht?
Klar, ich wollte zurück. Es war immer schon so, dass mich die Geschichten von Typen fas­zi­nierten, die sich von ganz unten nach ganz oben kämpfen …

… die auf die Bar­ri­kaden gehen …
Typen, die mit dem Rücken zur Wand stehen. Film­helden wie Rocky Balboa. Und wie es der Zufall so wollte, rief mein alter HSV-Mit­spieler und Freund Jörg Albertz kurz vor meiner Ent­las­sung an.

Wieso?
Er spielte für Shanghai Shenhua und wollte mich nach China holen. Der Verein Tianjin Teda zeigte Inter­esse. Ich sagte zu und durfte die letzten zwei Wochen meiner Haft­strafe auf­schieben.

Vor Ihrem Gefäng­nis­auf­ent­halt spielten Sie für die Bolton Wan­de­rers, danach ging es nach China. War Ihre Kar­riere eine Flucht?
China war vor allem der rich­tige Schritt. Die däni­schen Jour­na­listen, die nur auf meine Ent­las­sung war­teten, reisten mir jeden­falls nicht hin­terher, und jedes Mal, wenn ein däni­scher Zei­tungs­heini bei Tianjin Teda anrief, sagte unser Pres­se­spre­cher: Sorry, no eng­lish!“

Stig Tøf­ting

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Das 1,76 Meter große Kraft­paket wurde am 14. August 1969 in Hør­ning geboren. Vom Stamm­verein Aarhus GF star­tete er eine Kar­riere, die ihn u.a. zum HSV (1993−95, 2000-02), zum MSV Duis­burg (1997−2000), zu den Bolton Wan­de­rers (2002−04) und zum chi­ne­si­schen Klub Tijanin Teda (2004−05) führte. Tøf­ting spielte ins­ge­samt 41 Mal für Däne­mark. Gemeinsam mit Thomas Gravesen bil­dete er die Mit­tel­feld­achse im Natio­nal­team. Einzig die großen Titel fehlen in seiner Kar­riere. Später arbei­tete er als Co-Trainer bei Aarhus GF. In der Frei­zeit ver­dingt er sich auch als Boxer.

Und Bolton?
Bolton war ein Fehler. Ich hatte zuvor beim HSV gespielt. Jedes zweite Wochen­ende kamen über 50 000 Fans ins Sta­dion. Ich konnte außerdem nach jedem Spiel in meine Heimat Aarhus fahren, das nur drei Auto­stunden ent­fernt liegt.

Wenn Sie heute ins Volks­park­sta­dion gehen und auf den Rasen bli­cken: Wel­ches Spiel läuft vor Ihrem inneren Auge ab?
Das gran­diose Cham­pions-League-Spiel gegen Juventus Turin aus dem Spät­sommer 2000.

Der HSV führte bis kurz vor Schluss 4:3, in der 88. Minute traf Filippo Inz­aghi per Elf­meter zum 4:4. Fühlte sich das Spiel wie eine Nie­der­lage an?
Im Gegen­teil: Es war mein größter Sieg. Bis dahin war ich nur Ergän­zungs­spieler. Doch nachdem ich in der 27. Minute für den ver­letzten Martin Groth ins Spiel kam, rannte ich um mein Leben. Ein Wahn­sinns­ge­fühl.

Können Sie das beschreiben?
In meinem Leben ist mir viel Schlechtes wider­fahren, der Tod meiner Eltern, der Tod meines Sohnes, der Gefäng­nis­auf­ent­halt. Doch immer, wenn ich Fuß­ball spielte, spürte ich eine große Frei­heit. Das Leben fühlte sich mit einem Mal so herr­lich leicht an. So in etwa war es auch im Spiel gegen Juventus Turin.

Sie spielten bereits von 1993 bis 1995 für den HSV. Damals machten Sie nur acht Spiele und wurden von den Fans und der Presse als Flop abge­stem­pelt. Was lief damals schief?
Bei meinem ersten Wechsel war ich schlichtweg zu jung.

War der Druck zu hoch?
Das nicht. Ich war viel­leicht zu nervös. Das fing schon in der Ver­hand­lungs­phase an, schließ­lich fragte nicht irgendein Verein an, son­dern der große HSV. Für den hatte einst der Däne Lars Bas­trup gespielt und 1983 den Lan­des­meis­tercup gewonnen. Ich wäre für ein Paar Fuß­ball­schuhe und eine Unter­kunft gewech­selt. Zum Glück führte ich nicht die Ver­hand­lungen.

Die Ner­vo­sität wirkte sich aber auf die sport­li­chen Leis­tungen aus?
Das Pro­blem war, dass ich von Anfang an auf einer Posi­tion spielte, die ich nicht kannte: hinten rechts. Zudem war ich der vierte Aus­länder im Team. Ich kam nicht zum Zug.

Was hatte man Ihnen denn ver­spro­chen?
Eine Posi­tion im defen­siven oder offen­siven Mit­tel­feld. Zudem ver­spra­chen mir Trainer und Ver­ant­wort­liche immer wieder, dass sie keine neuen Aus­länder ver­pflichten wollten. Wenn ich dann aus der Winter- oder Som­mer­pause heim­kehrte, musste ich mir aller­dings stets anhören: Es tut uns leid, Stig, aber wir konnten zu dem Spieler unmög­lich Nein sagen.“ Es kamen Sergio Zarate, Valdas Iva­n­auskas und Niklas Kind­vall.

War der zweite Anlauf beim HSV eine Genug­tuung?
Als ich 2000 zurück­kehrte, war alles anders. Und klar, es war gut, den Ham­bur­gern zu zeigen, dass ich doch Fuß­ball spielen konnte.

Wie kamen Sie mit Frank Pagels­dorf zurecht? Nach außen wirkten Sie wie ein unglei­ches Paar: Da der harte Profi, hier der sen­sible Trainer, der auch mal eine Träne ver­gießt.
Das war intern ganz anders. An einem Tag warst du sein bester Freund, am nächsten hat er dich nicht ange­guckt. Den­noch kam ich gut mit ihm klar, er gab mir Ver­ant­wor­tung, unter ihm reifte ich zum Stamm­spieler. Als er ent­lassen wurde, ver­ab­schie­dete er sich bei jedem Spieler in einem Vier-Augen-Gespräch. Mir sagte er: Es war gut, jemanden wie dich in der Mann­schaft zu haben!“ Das machte mich stolz – doch ich hätte mir gewünscht, er hätte so etwas häu­figer gesagt.

Nach Jahren in Deutsch­land, Eng­land und in China ließen Sie Ihre Kar­riere in der Heimat Aarhus aus­klingen. Ruhiger wurde es den­noch nicht um Sie.
Im Januar 2004 bekam ich einen Anruf eines Jour­na­listen. Er berich­tete von Pfand­briefen, aus denen her­vor­ging, dass ich meinem Freund Jimmy Geld geliehen habe. Als Pfand hatte ich sein Auto und sein Motorrad erhalten. Das Pro­blem: Jimmy war füh­rendes Mit­glied bei den Hell’s Angels und wurde wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung gesucht.

Was hängte man Ihnen an?
Nichts. Wie auch? Ich hatte das Geld schließ­lich privat und legal einem Freund geliehen. Die Polizei machte mir aber klar, was sie von mir hält. Ein Poli­zist drohte, er werde fortan ein Auge auf mich haben. Ein anderer sagte: Ich weiß, dass du deine Finger irgendwo im Spiel hast.“

Hatten Sie?
Nein.

Woher kannten Sie denn Typen wie Jimmy?
Er war ein Freund aus Jugend­tagen. Ich lernte ihn noch vor meiner Pro­fi­lauf­bahn kennen. Damals hing er mit einer lokalen Rocker­gang rum, die erst viel später in den Hell’s Angels auf­ging. Ganz ehr­lich: Dieses Rockerleben machte damals mächtig Ein­druck auf mich, es ver­sprach Aben­teuer, Abwechs­lung vom grauen Alltag.

Wie intensiv hingen Sie mit den Hell’s Angels rum?
Die Hell’s‑Angels waren zwi­schen mir und Jimmy nie ein großes Thema. Wir trafen uns meist privat. Er war auch unzäh­lige Male bei Spielen, oft sogar im Aus­land bei den großen Tur­nieren. Wenn er die Karten über mich bekam, zog er stets die Hell’s‑Angels-Weste aus. Einmal über­legt er sogar, unsere Freund­schaft zu beenden, weil er fürch­tete, dass ich sei­net­wegen Pro­bleme bekomme. Ich redete ihm den Quatsch aber aus.

Auf der einen Seite Rocker­gang, auf der anderen die glit­zernde Welt des Pro­fi­fuß­balls. Wie sehr machte der Fuß­ball­hype Ein­druck auf Sie?
Natür­lich ist es toll, in einem vollen Sta­dion zu spielen, doch diese ganze Gla­mour­welt mit ihren unsicht­baren Hier­ar­chien war nie mein Ding. Ich wollte immer meine Wur­zeln behalten. Ich wusste natür­lich, dass Freunde von mir im Milieu unter­wegs waren, aber ich ließ nie jemanden fallen, wenn er auf die schiefe Bahn geriet. Des­wegen bin ich immer noch mit Jimmy und vielen anderen Jungs aus meiner Jugend befreundet.

Hatten Sie auch Freunde im Fuß­ball?
Jörg Albertz, Nico Hoogma oder Sergej Bar­barez sind gute Typen. Wirk­lich befreundet bin ich aber nur mit Thomas Gravesen. Er besuchte mich im Gefängnis und nahm mich mit nach Madrid.

Gravesen besuchte mich im Gefängnis“

Nach Madrid?
Im Januar 2005 rief Thomas an und sagte: Halt dich bereit.“ Ich wusste sofort, um was es ging. Wenige Monate zuvor war er von inter­na­tio­nalen Top­klubs umworben worden. Er ver­sprach, dass er mich mit zur Spie­ler­prä­sen­ta­tion nehmen würde, wenn er bei Real Madrid unter­schreibt. Nun war es also soweit. Ich kaufte mir prompt den pas­senden Anzug, neue Schuhe und Hemden. Ich konnte ja nicht in Trai­nings­kla­motten ins Estadio Ber­nabeu fahren.

Die glit­zernde Fuß­ball­welt machte also doch Ein­druck?
Sie war aber auch befremd­lich. Nach dem ersten Trai­ning erzählte mir Thomas, dass Ronaldo in der Umklei­de­ka­bine saß und nur seinen Schuh hob. Sofort eilte ein Assis­tent herbei und kratzte ihm in devoter Hal­tung den Dreck von den Sohlen.

Waren Sie nei­disch?
Ich freute mich wahn­sinnig für Thomas, doch natür­lich dachte ich auch: Warum pas­siert mir das nicht?

Sie spielten der­weil wieder bei Aarhus GF. Dort hatten Sie eine Klausel in Ihrem Ver­trag.
Sie besagte, dass man mich ent­lassen kann, wenn ich mich außer­halb des Platzes ver­eins­schä­di­gend ver­halte. 2004 war es dann so weit, ich war in eine Ran­gelei auf einem Spie­l­er­fest geraten. Das war ein harter Rück­schlag, schließ­lich wollte ich meine Kar­riere beenden, wo sie begonnen hatte: in Aarhus. Es war mein Verein, dort stand ich als kleiner Junge in der Kurve, an der Hand meines Opas. Dort habe ich gelernt, was Fan­sein bedeutet.

Sie haben 42 Län­der­spiele bestritten und über 400 Pro­fi­spiele gemacht. Wurmt es Sie, dass Ihr Name nicht mit großen Fuß­ball­spielen in Ver­bin­dung gebracht wird, son­dern stets mit den Hell’s Angels oder Prü­ge­leien?
Ich habe zwar drei Mal den däni­schen Pokal gewonnen, aber nicht ein Mal die Meis­ter­schaft. Ich habe an zwei Welt­meis­ter­schaften teil­ge­nommen, machte mein Natio­nal­mann­schafts­debüt aber erst ein Jahr nach dem EM-Sieg 1992. Ich habe mit dem HSV in der Cham­pions League gespielt, und mit dem MSV Duis­burg stand ich 1998 im DFB-Pokal­fi­nale. Das waren tolle Erfah­rungen, doch einen großen Titel habe ich nicht gewonnen. Und des­halb gibt es eben weniger Berichte über den Fuß­baller Tøf­ting. Traurig macht mich das nicht.

Bereuen Sie denn etwas?
Meine Bio­grafie heißt No reg­rets“. Ich habe mir dieses Motto auf meinen Bauch täto­wieren lassen.

Wenn Sie heute also den jungen Stig Tøf­ting träfen, würden Sie ihm nicht raten, die Dinge anders zu machen?
Wenn ich etwas ändern könnte, wäre es mein Alter. Ich wäre gerne zehn Jahre jünger, dann könnte ich jetzt noch fünf, sechs Jahre spielen. Noch fünf, sechs Jahre große Frei­heit.