Seite 2: „Die Technologie funktioniert“

Ohnehin nehmen sie es mit der Öko­logie nicht so genau in Katar: Wegen seiner Erdöl- und Erd­gas­vor­kommen ist das Emirat zwar eines der reichsten Länder der Welt, durch die CO2-inten­sive Gas­för­de­rung aber auch einer der größten Kli­ma­sünder des Pla­neten. Die lächer­li­chen Ben­zin­preise von 16 Cent pro Liter in Ver­bin­dung mit einer hohen Anzahl zuge­las­sener Autos tragen ihren Teil dazu bei, aber das ist eine andere Geschichte.

Sieben von acht WM-Arenen warten auf ihren ersten Spa­ten­stich

Fährt man dorthin, wo einmal neue Wun­der­a­renen stehen sollen, in die Wüste, ist dort wenig mehr zu sehen als pla­nierter Sand. Im Moment herrscht auf den meisten Bau­stellen noch Still­stand: Sieben von acht WM-Arenen warten auf ihren ersten Spa­ten­stich. Bis­lang haben die Planer die neue Kühl­tech­no­logie nur im kleinen Rahmen erprobt: Sie ließen ein Mini-Sta­dion für 500 Besu­cher bauen. All unsere Modelle zeigen, dass die Tech­no­logie funk­tio­niert“, sagt OK-Chef Nasser al Khater. Jetzt müssen wir sie auf die WM-Arenen erwei­tern.“ Im Durch­schnitt sollen die Sta­dien 50 000 Besu­chern Platz bieten.

Zudem müssen die Orga­ni­sa­toren öffent­liche Plätze für tau­sende Besu­cher aus aller Welt her­richten. Geplant sind kli­ma­ti­sierte Zelte für bis zu 1500 Fans. Die Fan­zonen für Public Viewing ver­sprühen den Charme eines Kon­gress­zen­trums: Stuhl­reihen, gedämpftes Licht, dut­zende Lein­wände. Bei der Hand­ball-WM im Januar kamen sie kürz­lich erst­mals zum Ein­satz, wirk­lich genutzt hat sie aber kaum jemand. War ja auch Winter und ange­nehm mild draußen. Eigent­lich bestes Fuß­ball­wetter.

Im Sommer sind gekühlte Orte umso wich­tiger. Und nicht unge­fähr­lich. Wel­cher west­liche Mensch kann schon von sich behaupten, einmal in Sekunden von 50 Grad Außen- auf 25 Grad Innen­tem­pe­ratur abge­kühlt worden zu sein?

Ein­ge­wöh­nungs­zeit: zwei Wochen

Die größte Her­aus­for­de­rung für den Körper besteht darin, einen Wech­sel­schock zu ver­meiden“, sagt Markus de Marées von der Deut­schen Sport­hoch­schule Köln. Beim stän­digen Hin und Her zwi­schen kli­ma­ti­sierten und nicht kli­ma­ti­sierten Räumen dürften Fans eher an ihre Grenzen stoßen als der wohl­be­hü­tete Herr Natio­nal­spieler, der vom Hotel aus mit dem Bus ins Sta­dion kut­schiert wird. Sport­lich rät de Marées jedem, pünkt­lich anzu­reisen. Kör­per­liche Pro­bleme lassen sich bei einer Ein­ge­wöh­nungs­zeit von etwa zwei Wochen vor Ort ver­hin­dern oder zumin­dest mini­mieren“, sagt der Sport­me­di­ziner.

Ein wei­terer wich­tiger Faktor lässt sich hin­gegen kaum beein­flussen: die enorme Luft­feuch­tig­keit. Der Schweiß des Sport­lers kann auf der Haut nur ver­dampfen und kühlen, wenn die Luft noch Feuch­tig­keit auf­nehmen kann“, sagt de Marées. Ansonsten tropft der Schweiß ein­fach auf den Boden. Die Gefahr, dass der Körper irgend­wann kol­la­biert, steigt damit. Ange­sichts der abseh­baren Luft­feuch­tig­keit von über 90 Pro­zent im Sommer wird eine Verbot der Gast­geber so bei­nahe zur Ret­tung: Bei Groß­ver­an­stal­tungen wie Fuß­ball­spielen wird, wie in Katar üblich, öffent­lich kein Alkohol aus­ge­schenkt. Auch wenn Bier vor­der­gründig den Durst löscht, würde es die Fans inner­lich noch mehr aus­trocknen.

Stellen Sie sich vor, es ist also 2022, und Sie kommen nach Katar. Fahren Sie in die Wüste, um sich von umge­wan­delter Son­nen­en­ergie kühlen zu lassen? Ris­kieren Sie eine Kli­ma­an­lagen-Erkäl­tung und ver­zichten auf das Bier zum Spiel? Oder drehen Sie am Ter­minal direkt wieder um? Der hei­mi­sche Garten ruft. Der ist nicht modern, aber gut fürs Klima.