Stellen Sie sich vor, es ist das Jahr 2022, und Sie reisen zur Fuß­ball-WM nach Katar. Sie ver­lassen den kli­ma­ti­sierten Flug­hafen Doha, steigen in ein kli­ma­ti­siertes Taxi und fahren in Ihr kli­ma­ti­siertes Hotel­zimmer. Am nächsten Morgen gehen Sie auf die Straße und werden von der Hitze erschlagen. 55 Grad! 90 Pro­zent Luft­feuch­tig­keit! Sie schwitzen im Stehen, aber direkt um die Ecke erbli­cken Sie zum Glück ein Zelt: die kli­ma­ti­sierte Fan­zone. Darin ist es ange­nehm kühler, 25 Grad, wie später beim Spiel. Im Sta­dion weht Ihnen aus den Git­tern unter Ihrem Sitz kalte Luft um die Beine. Auch weiter auf dem Rasen strömt ein kühler Luftzug aus Schächten um den Ball und die Spieler. Viel­leicht hätten Sie doch lieber einen Pull­over ein­ge­packt und die San­dalen gegen festes Schuh­werk getauscht. Bahnt sich da ein Schnupfen an?

Ein Tur­nier wie in einem Kühl­schrank

So oder so ähn­lich könnte es aus­sehen in sieben Jahren bei der Wüsten-WM 2022. Wie genau, das kann sich im Moment noch nie­mand genau vor­stellen. Etwas Ver­gleich­bares in dieser Größe, unter diesen Bedin­gungen hat es noch nie gegeben. In den letzten zehn Jahren sind in der Sky­line von Doha Dut­zende Wol­ken­kratzer gewachsen, da sollten acht taug­liche Sta­dien bis 2022 kein Pro­blem sein. Klar ist aber auch: Wenn die Welt­meis­ter­schaft wie vor­ge­geben im Sommer statt­findet, geht nichts ohne die neuen Kühl­tech­no­lo­gien der Arenen, Fan-Meilen und Trai­nings­plätze. Ein Tur­nier wie in einem Kühl­schrank, der mitten in der Wüste steht. Wie kann das gut­gehen?

Hoch über den Dächern Dohas ist diese Zukunft bereits Gegen­wart. Der kata­ri­sche Fuß­ball-Ver­band QFA hat in den 22. Stock des Al-Bidda-Tower geladen, Thema: Bilanz der WM-Vor­be­rei­tungen. Die rang­hohen Mit­ar­beiter des Orga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees tragen tra­di­tio­nelle weiße Gewänder, ihre Unter­ge­benen feine Anzüge. Sie halten Vor­träge über die Kühl­tech­no­logie. Auf den Moni­toren hinter ihnen blinken wilde Mess­werte in allen Farben.

Aus­ge­macht sind maximal 27 Grad

Die Katarer wollen ihr Kühl­system als Ver­mächtnis an kom­mende Genera­tionen ver­standen wissen. Ent­spre­chend stolz und bestimmt ver­weisen sie auf die Vor­teile der Errun­gen­schaft. Kri­tiker dagegen sehen sich darin bestä­tigt, dass die Ver­gabe in das Wüsten-Emirat ohnehin an Idiotie grenze und nun in Grö­ßen­wahn ende.

Die Abma­chung zwi­schen Gast­ge­ber­land und Fuß­ball-Welt­ver­band lautet jeden­falls: maximal 27 Grad in den Arenen – bei teil­weise 55 Grad Außen­tem­pe­ratur. Davon ist erst einmal aus­zu­gehen.

Ende Februar oder im März, mun­keln sie in Katar, soll die Ent­schei­dung fallen, ob die WM tat­säch­lich im Sommer statt­findet oder doch in den Winter ver­legt wird.

Für unsere Vor­be­rei­tungen macht es keinen Unter­schied, ob wir im Sommer oder im Winter spielen“ , sagt der Chef des WM-Orga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees, Nasser al Khater, zum Abschluss seines vier­tel­stün­digen Vor­trags. So oder so: Die Sta­dien sind spä­tes­tens 2020 fertig, und es gibt detail­lierte Pläne, wie wir sie nach der WM nutzen werden. Die Kühl­tech­no­logie wird in jedem Fall ein­ge­baut.“ Bei Tem­pe­ra­turen von über 30 Grad zwi­schen März und Dezember nur logisch.

Sci­ence-Fic­tion in der Wüste

Die Kraft dieser sen­genden Sonne nutzen die Katarer für ihre neu­ar­tige Tech­no­logie. In der Golf-Region scheint sie an 330 Tagen im Jahr, ideale Bedin­gungen für erneu­er­bare Ener­gien. In Sta­di­onnähe sollen des­halb rie­sige Solar­felder ent­stehen; sie sam­meln tags­über Son­nen­en­ergie und richten diese mit Spie­geln auf ein Rohr­system. Dort wird das Wasser auf 200 Grad Cel­sius erhitzt. Kern des Ver­fah­rens sind dann die Absorp­ti­ons­ma­schinen. Sie wan­deln die Hitze in Kälte um und spei­chern sie im Bauch der Arenen. Schließ­lich blasen Ven­ti­la­toren die kalte Luft über ein ver­schlun­genes unter­ir­di­sches Netz ins Sta­dion. Auch die Form der Arenen spielt eine wich­tige Rolle: Sie sehen fast alle aus wie Schüs­seln. Da kalte Luft schwerer ist als warme, bleibt sie lange im Sta­di­on­in­neren, selbst wenn das Dach geöffnet ist. Klingt nach Sci­ence-Fic­tion? Nun ja.

Absorp­ti­ons­ma­schinen sind im Grunde seit Jahr­zehnten bekannt und kommen in leicht abge­wan­delter Form in jedem Wohn­mo­bil­kühl­schrank vor“, sagt der deut­sche Experte Tobias Kut. Neu ist dabei nur, dass die Kälte ohne schäd­liche Kli­ma­gase erzeugt werden soll. An der Effek­ti­vität des kata­ri­schen Modells hat der Inge­nieur trotzdem seine Zweifel. Die pro­du­zierte kalte Luft wird bei den Spielen in die warme Nacht ver­pul­vert. Das ist unge­fähr so, als würde man den Kühl­schrank offen lassen und erwarten, dass die Butter nicht schmilzt: nicht sehr vor­aus­schauend.“