Als Kevin de Bruyne vor zwei Wochen und nach dem Spiel gegen Tot­tenham vom Rasen ging, war er ein­fach nur frus­triert. Nicht nur, dass seine Mann­schaft, Man­chester City, 0:2 ver­loren hatte – es war die Art und Weise dieser Nie­der­lage, die ihn kopf­schüt­telnd zurück­ließ. Klar, Man­chester City sucht nach Kon­stanz, aber vor allem einige Ent­schei­dungen des Schieds­rich­ter­ge­spanns machten ihn nahezu sprachlos: Um ehr­lich zu sein, ich kenne die Regeln nicht mehr.” Ob Hand­spiel oder nicht, Kevin De Bruyne wusste in diesem Moment nicht einmal, auf wel­cher Grund­lage das ver­han­delt werden sollte, denn die Regel­hüter vom IFAB hatten auf der Suche nach dem per­fekten Spiel die Regeln in den letzten Jahren allzu oft ver­än­dert.

Dabei ist die Suche nach dem per­fekten Spiel viel­leicht längst beendet. Weil das per­fekte Spiel vor 20 Jahren erfunden wurde. In den USA, natür­lich. Es ist laut, es vulgär, es ist unzähmbar: Es ist Socker Slam.

Eine absurde Geschäfts­idee, die keinen Abnehmer fand

Die Geschichte dazu schrieb in dieser Woche Pablo Maurer für The­Ath­letic auf. Auch wenn der Begriff Geschichte“ eigent­lich noch unter­trieben wäre, schließ­lich han­delt es sich dabei um ein Epos. In dessen Zen­trum der Unter­nehmer Terry Rich steht, der zu Beginn der 2000er als Manager eines Kabel­fernseh-Unter­nehmes arbei­tete. Mir wurde klar, dass ich, wenn ich lang­fristig Geld haben wollte, eine TV-Show machen müsste”, sagte Rich The­Ath­letic. Und als er sich zu dieser Zeit die belieb­testen TV-Sen­dungen ansah, bemerkte er, dass die meisten US-Ame­ri­kaner beim Wrest­ling ein­schal­teten. Ich dachte mir: Mann, das sollte ich tun.”

Weil der Wrest­ling­markt zu dieser Zeit aber mit meh­reren Ver­bänden, die wie­derum die besten Wrestler unter Ver­trag hatten, aus­ge­schöpft war, ver­suchte Rich einen neuen Dreh in die Sache zu bekommen. Und also erfand er ein­fach eine neue Sportart. Die Tricks des Fuß­balls, die knall­harte Action des Eis­ho­ckeys und so viele Punkte wie beim Bas­ket­ball” – Das war das Ver­spre­chen, das Rich und seine Mit­streiter von Socker Slam“ ihren Zuschauern gaben. Durch die Recherche von The­Ath­letic tauchten nun auch längst ver­schol­lene Film­bänder dieser absurden TV-Show wieder auf.

Auf einem ist zu sehen, wie die riva­li­sie­renden Teams der New York Brui­sers und LA Surf auf­ein­an­der­treffen, nachdem die Brui­sers im Vor­jahr – laut Dreh­buch – die Meis­ter­schaft nach einer, nun ja, zwei­fel­haften Aktion gewonnen hatten. In der letzten Sekunde war der LA-Surf-Keeper zur Seite geta­ckelt worden, die Brui­sers trafen das leere Tor und die Schieds­richter hatten in diesem ent­schei­denden Moment nicht hin­ge­sehen – kann pas­sieren. Szenen, die einen glauben lassen, Hulk Hogan und der Under­taker wären nach einer Euro­pa­tournee nach Hause gekommen und hätten sich eine neue Sportart erdacht. Als hätte die Ame­rican Gla­diator ein Pro­be­trai­ning beim Ham­burger SV gewonnen. Oder wie es LA-Surf-Legende Logan The Full Monty” Mont­go­mery for­mu­lierte: Es war Fuß­ball auf Kokain.”

Slam­ball und Fürze

Beim Ver­such, den schnöden Fuß­ball zu ame­ri­ka­ni­sieren, hatten sich Terry Rich und seine Freunde immer absur­dere Regeln und Sze­na­rien aus­er­dacht, die anschlie­ßend anhand eines losen Skripts auf dem Spiel­feld ver­wirk­licht wurden. In den letzten Minuten warfen sie zum Bei­spiel einen zweiten Ball, genannt Slam­ball”, in den Ring. Die Mann­schaft, die mit diesem Ball traf, erhielt zwei Punkte. Was kein Ver­gleich zu den sechs Punkten war, die jenem Team gut­ge­schrieben wurde, das den Aller­wer­testen eines Gegen­spie­lers abschoss. Und erlaubt war nahezu alles.

Rich erklärte es so: Wir saßen bei Krispy Kreme Donuts zusammen und ich dachte mir: Na komm, ich spreche die lächer­lichsten Dinge aus, die mir in den Sinn kommen – und wir sehen, was pas­siert.” Was zur Folge hatte, dass der Spieler Luc Cisna eine Braune Karte sah, nachdem ihn der Schieds­richter beim Furzen inmitten der Arena ertappt hatte. Inner­halb von zwei Tagen drehte die Crew in einer umge­bauten Eis­ho­ckey­halle vier Spiele ab, die anschlie­ßend an TV-Sta­tionen in den Staaten ver­kauft werden sollten.

Der Jour­na­list Pablo Maurer ent­hüllte dabei noch viele wei­tere absurde Geschichten rund um Socker Slam, die hier in voller Länge nach­ge­lesen werden können, und ver­gisst dabei auch nicht zu erwähnen, welche Zeit­reise der Zuschauer dabei heute erlebt, inklu­sive frag­wür­diger Bemer­kungen der Reporter zum Outfit der Cheer­leader und aus­ge­lebter Gewalt­fan­ta­sien.

Dass die Sportart leider nie den Durch­bruch feiern durfte, lag ver­mut­lich auch an den Ein­schalt­quoten. Fox Sports World zeigte jede Epi­sode exakt ein ein­ziges Mal – nur in etwa 15.000 Haus­halten lief der Wahn­sinn auf den Bild­schirmen. Kurz darauf war Schluss. Geblieben sind Erin­ne­rungen. Es sei denn, das IFAB kommt schon bald auf gänz­lich neue Ideen.