Sommer 2004: Ich erin­nere mich noch genau. Wir sitzen im Teambus der U21-Natio­nal­mann­schaft. Letzte Reihe mit Alex Mad­lung, Maik Franz, Chris­toph Preuß und Chris­tian Tif­fert. Die Euro­pa­meis­ter­schaft im eigenen Land ist in vollem Gange und wir machen uns erste Gedanken über die Urlaubs­pla­nung. Schnell wird klar: Wir hauen ab nach Mal­lorca, am besten mit der gesamten Mann­schaft. Den Titel im Gepäck, ver­steht sich!

Ein paar Tage später ist schon nach der Vor­runde Schluß. Die Begeis­te­rungs­stürme über den Mal­lorca-Aus­flug ver­stummen ziem­lich schnell, aber ich will es durch­ziehen, bin fest ent­schlossen. Frust­saufen – das muss doch zumin­dest drin sein.

Der Man of the Match“ wurde gleich zum Shoppen ein­ge­flogen

Vier Jahre zuvor war ich zu Aston Villa gewech­selt. Mein erster Pro­fi­ver­trag, alles neu. Auch der Urlaub wurde ab sofort nicht mehr wie ein Teen­ager ver­bracht, son­dern wie ein Profi. Aber wie ver­bringen eng­li­sche Profis den Sommer? Ich sollte es bald erfahren.

Dass die Eng­länder Spa­nien, dem Bier und Strand nicht abge­neigt sind, war mir schon vorher bewusst. Neu war mir, dass die fuß­ball­freie Zeit vor­zugs­weise zum Ein­kaufen genutzt wurde, ganz hoch im Kurs standen damals Häuser in Spa­nien. Cle­vere Bau­träger hatten sich längst bei den Klubs als Matchday-Sponsor ein­ge­kauft, um bei jedem Heim­spiel einen Man of the Match“ zu küren. Spon­so­ring mit Kalkül. Als Preis gab es nicht, wie üblich, eine Fla­sche Cham­pa­gner, son­dern eine drei­tä­gige Reise zum neu­esten Bau­pro­jekt im Süden Spa­niens. Folge: Die Spieler kauften Häuser und fortan gab es neue Kabi­nen­ge­spräche: Wer hat wie viel gekauft und in wel­cher Lage? Und vor allem: Wie nah am nächsten Golf­platz? 

Die Ave­nida Hitzl­sperger sucht man heute aller­dings ver­geb­lich in La Manga oder Mar­bella. Spa­nien war ein­fach nicht mein Ding. Und mit Steve Staunton und Gareth Barry hätte ich es sowieso nicht auf­nehmen können. Die Herren waren unein­hol­bare Spit­zen­reiter im Kampf um die begehr­testen Häuser.

Vor­be­rei­tung am Strand

Als ich 2012 wieder nach Eng­land zurück­kehrte, um beim FC Everton anzu­heuern, war das Thema Feri­en­häuser so gut wie tot. Die Immo­bi­li­en­krise war in vollem Gange – und der Fuß­ball war noch pro­fes­sio­neller geworden. Ab sofort ging es darum, wie man aus dem Urlaub topfit wieder ins Trai­ning ein­steigen konnte. Es begann die Zeit, in der Puls­uhren genauso in den Koffer gehörten, wie die Son­nen­creme. Eine Sommer-„Pause“ gab es in diesem Sinne nicht mehr. Die Vor­be­rei­tung begann schon am Strand. 

Viele Profis über­legten sogar noch vor dem Sai­son­ende, ob sie ihren Som­mer­ur­laub nicht lieber in einem US-ame­ri­ka­ni­schen Fit­ness­tempel, denn am Strand von Dubai ver­bringen sollten. Nie­mand wollte mehr mit Über­ge­wicht zum ersten Trai­ningstag erscheinen. Trotz Ver­let­zungs­ge­fahr spielte ich in meiner eigent­lich doch Fuß­ball­freien Zeit Fuß­ball, um am ersten Trai­ningstag bloß keine Blasen an den Füßen zu bekommen. Selbst eine erfah­rene Fuß­baller-Sohle ver­weich­licht, wenn sie zwei Wochen an Flip­flops gewöhnt wird. Solche Anfän­ger­fehler macht man nur einmal!

Ver­dammte Sprint­tests!

Die Fett­mes­sung und Gewichts­kon­trolle, sowie die Über­prü­fung der Pulsuhr durch die Trainer, waren das end­gül­tige Aus für den sechs­wö­chigen Urlaub auf der Son­nen­liege. Ich war da eh ein spe­zi­eller Fall: Nicht nur, dass ich in halb­wegs annehm­bare Form wieder auf dem Trai­nings­platz erscheinen wollte, ich wollte gleich topfit sein. Dem­entspre­chend schuf­tete ich unter Palmen und Mit­tel­meer­sonne. Kein Über­ge­wicht, Fett­werte im ein­stel­ligen Bereich – so kam ich aus dem Urlaub zurück und freute mich regel­recht auf die harte Vor­be­rei­tung. Mit einer Aus­nahme: Wie gerne hätte ich die ver­dammten Sprint­tests abge­schafft!

Apropos Tests: Da ist der Krea­ti­vität der Trainer keine Grenzen gesetzt. Immer wieder werden neue erfunden, um Schwä­chen und Stärken der Spieler noch besser zu ana­ly­sieren. Als Jürgen Klins­mann 2004 die Natio­nal­mann­schaft über­nahm, instal­lierte er gleich eine ganze Reihe von neu­ar­tigen Übungen. Bei der Urlaubs­ge­stal­tung war sich aller­dings auch der Revo­lu­tionär“ Klins­mann einig: Die wenigen Wochen Pause müssen zur Rege­ne­ra­tion genutzt werden. Wer sich nach einer langen Saison auch noch durch eine EM oder WM gekämpft hat, der darf sich drei Wochen ent­spannen. Ganz ohne Pulsuhr und Fuß­ball­schuhe. Wie habe ich es geliebt, erst zwei Wochen vor dem Sai­son­start ins Mann­schafts­trai­ning ein­zu­steigen.

Besof­fene Fuß­baller, San­gria, Jürgen Drews

Als ich vor einigen Jahren mal wieder auf Mal­lorca war, dachte ich zurück an den Sommer von 2004. An die Urlaubs­pla­nung in der letzten Reihe vom Mann­schaftsbus. Aus dem 22er-Kader blieben am Ende nur zwei Mit­spieler übrig, die mit mir die Tour zum Bal­ler­mann antraten. Da saßen wir dann: Rechts und links besof­fene Kreis­liga-Fuß­baller, vor uns der San­gria, hinter uns die Stimmen von Jürgen Drews und DJ Ötzi. In diesem Moment schwor ich mir, nie wieder einen Som­mer­ur­laub im Mann­schaftsbus zu planen. Bis heute habe ich mich daran gehalten.