Seite 2: „Mein Berater hat sich mit dem Nationaltrainer Gregg Berhalter unterhalten"

Dann schauen wir nach vorne. Der Ver­trag bei DC United ist zwar noch nicht unter­schrieben, im Trai­ning sind Sie aber schon. Wie sind die ersten Ein­drücke?
Ganz anders als in Atlanta, so viel ist sicher. Alles ist sehr fami­liär. Und der Klub ist natür­lich schon viel länger in der Liga. Quasi ein MLS-Tra­di­ti­ons­verein. Ich wurde super auf­ge­nommen. Die neuen Kol­legen und Trainer konnten eben­falls nicht ver­stehen, wie Atlanta die Situa­tion gehand­habt hat. Aber sie freuen sich umso mehr, dass ich da bin. Die Mann­schaft macht einen Neu­start nach dem Abgang der Stars, Lucho Acosta und natür­lich Wayne Rooney.

Welche Rolle trauen Sie sich in der neu orga­ni­sierten Mann­schaft zu?
Ich gehe davon aus, dass ich wei­terhin Stamm­spieler sein werde. Meine Rolle wird aber eine etwas andere sein. In DC gibt es keine Stars mehr, in deren Schatten man stehen kann. Die Augen werden logi­scher­weise mehr auf mich gerichtet sein.

Das waren sie schon in Atlanta, wo die Men­schen Sie auf der Straße erkannt haben, Fotos und Auto­gramme wollten. Wie ist Ihr Stan­ding lan­des­weit und jetzt in Washington D.C.?
Die Fans hier haben sehr positiv reagiert. Wie es sich im Alltag gestalten wird, kann ich noch nicht ein­schätzen. Es ist aber in der ganzen Liga bekannt, dass Atlanta die besten Fans hat. Die Com­mu­nity in der Stadt ist über­ra­gend. Und sie waren auch ganz schön sauer, dass das Manage­ment mich hat ziehen lassen. Das nennt man wohl gegen­sei­tige Wert­schät­zung.

Ich freue mich jedes Mal, wenn meine Mutter mir Zei­tungs­aus­schnitte aus der Lokal­presse schickt“

Julian Gressel

Apropos Wert­schät­zung: Die erfahren Sie auch in Deutsch­land, zumin­dest in Ihrer Hei­mat­stadt Neu­stadt an der Aisch. 2019 wurden sie Sportler des Jahres, kurz vor Weih­nachten durften Sie sich ins gol­dene Buch der Stadt ein­tragen.
(Lacht.) Ja, der Bür­ger­meister hatte wohl mit­be­kommen, dass ich im Lande bin. Das ist groß­artig, diese kleine Stadt, wo jeder jeden kennt und ich eben auch – das macht mich richtig stolz. Die Urkunde bekommt einen beson­deren Platz, weil sie eben aus der Heimat kommt. Daher, wo ich auf­ge­wachsen bin. Wo mich die Leute ver­folgen, obwohl ich so weit weg bin. So blöd das klingt, aber ich freue mich jedes Mal, wenn meine Mutter mir Zei­tungs­aus­schnitte aus der Lokal­presse schickt.

Umge­kehrt haben Sie Neu­stadt an der Aisch auch in den USA berühmt gemacht.
Da hatte vorher wohl noch nie jemand von der Stadt gehört. Und jetzt sagen sie es vor jedem Spiel durch: From Neu­stadt an der Aisch – Julian Gressel!“ Meine Eltern lachen immer noch dar­über.

Gibt es bald die erste Städ­te­part­ner­schaft?
Ich werde mal schauen, was sich machen lässt.

Die deutsch-ame­ri­ka­ni­schen Bezie­hungen werden Sie viel­leicht bald auch auf anderen Ebenen vor­an­treiben: Es gibt Gespräche mit der US-Natio­nal­mann­schaft.
Mein Berater hat sich mit dem Natio­nal­trainer Gregg Ber­halter unter­halten, ja. Ich bin ja schließ­lich schon ewig hier. Ich glaube, sieben Jahre schon… wow. Letztes Jahr habe ich meine Green­card bekommen. Und nach wei­teren drei Jahren kann man den ame­ri­ka­ni­schen Pass bean­tragen. Es ehrt mich, dass die Leute jetzt schon an die Natio­nal­mann­schaft denken. Wenn es soweit ist, können wir uns gerne dar­über unter­halten.

Zum DFB gibt es keinen Kon­takt?
Nein. Aber würde da ein Anruf kommen, würde ich keine Sekunde zögern und sofort ja sagen.