Seite 3: „Im Prinzip konntet ihr machen, was ihr wolltet"

Gibt es sons­tige Euro­pa­cup­ri­tuale?
Meier: Andere mögen bei sol­chen Spielen auch eine beson­dere Euphorie emp­finden, für mich ist das ein Fuß­ball­spiel, das ich gewinnen will. Also: Umziehen in der Kabine, letzte Ansprache, raus auf den Platz und dann, nach Mög­lich­keit, gewinnen.
Neu­berger: Bei uns gab es nach Spielen oft Ban­kette mit den Geg­nern aus dem Aus­land. Förm­liche Ver­an­stal­tungen, bei denen die Teams meist an ver­schie­denen Tischen auf zwei Seiten des Saals hockten.

Es gab nie nach­träg­liche Ver­brü­de­rungs­szenen?
Neu­berger: Wir spielten im K.-o.-System. Das bedeu­tete, eins der Teams war meist aus­ge­schieden und ent­spre­chend gelaunt.
Stein: Die Mann­schaften machten sich unter­ein­ander kleine Gast­ge­schenke. Vor dem Finale 1960 gegen Real Madrid bekamen wir Spieler gol­dene Uhren geschenkt. Meine wurde mir leider gestohlen.

Aber Sie tragen eine Uhr mit ein­gra­viertem Real-Wappen.
Stein: Vor Jahren traf ich meinen dama­ligen Gegen­spieler, José San­ta­maría. Ich erzählte ihm von dem Dieb­stahl. Zwei Tage später kam diese Uhr per Post.

Wie ver­än­dern sich die Trainer, wenn Ein­tracht im Euro­pacup antritt?
Meier: Armin Veh hat vor den Qua­li­fi­ka­ti­ons­spielen für die Europa League gesagt, dass wir uns dafür belohnen sollen, was wir uns in der Bun­des­liga erar­beitet haben. Das gab uns eine gewisse Frei­heit. Aber dass sich die Anspra­chen groß­artig ver­än­dert haben, kann ich nicht behaupten.
Neu­berger: War bei uns ähn­lich: Friedel Rausch hat viel­leicht ein biss­chen lauter als Diet­rich Weise gespro­chen, aber das Wich­tigste für sie war, dass wir das Erreichte nicht durch ein paar unkon­zen­trierte Auf­tritte leicht­fertig aus der Hand gaben.
Stein: Euro­pacup – das wurde aus meiner Sicht weniger durch die han­delnden Per­sonen als durch die beson­dere Atmo­sphäre im Sta­dion bestimmt. Ich denke da immer an die Abend­spiele unter der Woche, an Flut­licht und leichten Nie­sel­regen.
Meier: Ehr­lich? Für mich geht nichts über ein Match an einem Sams­tag­nach­mittag. 15.30 Uhr im Sommer. Da kommt kein Flut­licht­spiel der Welt ran.
Neu­berger: Weißt du, wie wir euch früher nannten?
Meier: Na?
Neu­berger: Schön­wet­ter­fuß­baller!

Erwin Stein, Willi Neu­berger, worum beneiden Sie die heu­tige Ein­tracht-Genera­tion um Alex Meier?
Stein: Dass deren Sta­dien immer voll sind.
Neu­berger: Im Vier­tel­fi­nale des UEFA-Cups 1980 gegen Zbro­jovka Brünn kamen 25 000. Heute brennt hier die Hütte, selbst wenn Wolfs­burg oder Hof­fen­heim kommen. Die heu­tigen Fuß­baller sind wie Film­stars. Selbst schöne Frauen tum­meln sich bei jedem Spiel auf der Tri­büne!

Das heißt, die schönen Frauen kamen damals nur im Euro­pacup?
Neu­berger: Nicht einmal dann!
Stein: Wir haben nicht gut genug ver­dient.

Und worum beneiden Sie die beiden Vete­ranen, Alex Meier?
Stein: Bestimmt um unser Geld! (Lacht.)
Meier: Was habt ihr denn ver­dient?
Neu­berger: Für meinen UEFA-Cup-Sieg 1980 bekam ich 16.000 Mark Prämie.
Meier: Dafür konntet ihr im Prinzip machen, was ihr wolltet. Es gab keine Handys, kein Internet. Wenn ihr mal in die Disco gegangen seid, hat es keinen inter­es­siert. Über mich würde aktuell am nächsten Tag in etwa in der Zei­tung stehen: Ver­letzter Meier: Sauf­tour statt Reha!“
Stein: So ver­rückt haben wir nicht gelebt. Ich erzähle dir mal eine Geschichte: Ich teilte mir mit Hansi Eigen­brodt ein Dop­pel­zimmer. Zwei Tage vor dem Finale gegen Madrid war ich in der Stadt unter­wegs und musste kurz zurück ins Hotel, weil ich etwas ver­gessen hatte. Als ich ins Zimmer kam, war der Raum kom­plett abge­dun­kelt, aber in der Dun­kel­heit bewegte sich etwas. Im ersten Moment dachte ich: ein Ein­bre­cher. Dann erkannte ich meinen lieben Mit­be­wohner. Er stand auf einem Sockel hinter dem Vor­hang, rauchte heim­lich eine Ziga­rette und blies den Qualm aus der Fens­ter­luke. Der liebe Hansi – Gott hab ihn selig – hört heute wohl noch im Himmel, wie ich ihn da ange­schrien habe.
Meier: Ich würde heute schon Schlag­zeilen pro­du­zieren, wenn ich eine Fla­sche Cola zu viel tränke.
Neu­berger: Wir durften früher beim Trai­ning nichts trinken, kein Wasser, gar nichts, das war ver­pönt. Abends hatte ich der­maßen Durst, dass ich mir Bier am Tresen bestellte. Und wenn mich der Trainer erwischte, durfte ich des­wegen 50 Mark in die Mann­schafts­kasse zahlen.

Was kostet eine Fla­sche Bier bei Ihnen, Alex Meier?
Meier: Das kann ich nicht sagen, ich trinke keinen Alkohol.
Als Ein­tracht 1980 den UEFA-Cup gewann, war das ein High­light der deut­schen Fuß­ball­his­torie. Nimmt die Cham­pions League heute der Europa League zu viel von ihrer Strahl­kraft?
Meier: Der Wett­be­werb hat durch die neue Rege­lung viel von seiner Attrak­ti­vität ver­loren. Ich fände es gut, wenn das alte Regle­ment wieder ein­ge­führt würde: Nur der Meister spielt in der Cham­pions League, Platz zwei bis fünf in der Europa League. Auch die K.-o.-Runden waren direkter, unmit­tel­barer als die heu­tige Grup­pen­phase.
Neu­berger: Vier Fünftel der TV-Ein­nahmen fließen in die Cham­pions League. Wenn man in der Vor­runde der Europa League aus­scheidet, vorher aber für den Wett­be­werb inves­tiert hat, legt man am Ende viel­leicht noch drauf.

Willi Neu­berger, Sie wissen es als ein­ziger in der Runde: Wie feiert man als Ein­tracht-Spieler einen Euro­pa­po­kal­sieg?
Neu­berger: Nicht anders als einen Sieg gegen Bayern Mün­chen. Mit einem großen Essen im Hotel um die Ecke.

Mehr nicht?
Neu­berger: Na gut, ein bis zum Rand mit Äppelwoi oder Cham­pa­gner gefüllter UEFA-Cup macht so einen Abend schon außer­ge­wöhn­lich.
Stein: Der Alex kommt ja aus Ham­burg, des­wegen an dieser Stelle ein wich­tiger Hin­weis: Äppelwoi ent­faltet seinen Geschmack meist erst nach dem dritten Glas!
Meier: Aber ich trinke doch gar nicht!
Stein: Dann soll­test du nach dem Titel­ge­winn lieber die Finger vom Pokal lassen.