Es wäre inter­es­sant zu wissen, was der gute Jupp Heynckes über die Arbeit seines Nach­fol­gers denkt, ob er es genial oder respektlos findet oder ein­fach nur emo­ti­onslos zur Kenntnis nimmt, wie dieser Guar­diola sein drei­fach aus­ge­zeich­netes Meis­ter­werk inner­halb nur weniger Wochen in sämt­liche Ein­zel­teile zer­legt und es nach eigenen Vor­stel­lungen neu zusam­men­zu­fügen ver­sucht. Jupp Heynckes hat mir die Chance gegeben, eine super Mann­schaft zu über­nehmen“, hat der kata­la­ni­sche Revo­lu­tionär immerhin nach dem 2:0‑Testspielsieg gegen den FC Bar­ce­lona gesagt. Und es zeichnet sich jetzt schon ab, dass Guar­diola das Beste draus machen wird.

Wahr­schein­lich ist auch Jupp Heynckes vor dem Fern­seher, sofern es die Gar­ten­ar­beit zuge­lassen hat, am frühen Mitt­woch­abend zu diesem Ergebnis gekommen. Die per­ma­nenten Posi­ti­ons­wechsel im Offen­siv­be­reich, ein Kenn­zei­chen der Guar­diola-Spiel­phi­lo­so­phie, funk­tio­nieren jetzt schon beein­dru­ckend gut. Das hat die erste Halb­zeit gegen Guar­diolas Ex-Team, wenn­gleich es nur eine durch Messi ver­stärkte B‑Elf war, gezeigt und damit die Ein­drücke, die man bei den Siegen gegen den HSV und Borussia Mön­chen­glad­bach gewinnen konnte, ver­stärkt. Der über­ra­gende Ribery, der­zeit viel­leicht der beste Spieler der Welt, Robben und Müller, wech­selten ständig ihre Wir­kungs­kreise. Alles ist dabei im Fluss und wirkt doch nicht zufällig. Sämt­liche Betei­ligte strahlen eine große Spiel­freude aus. Thiago Alcan­tara zeigt jetzt schon seine Fähig­keiten als All­rounder mit bril­lanter Technik. Und Philipp Lahm gibt den gran­diosen Mit­tel­feld­spieler, als hätte er in seinem bis­he­rigen Fuß­bal­ler­leben noch nie etwas anderes gemacht, wenn­gleich ihn sein Trainer nach eigenen Worten trotzdem noch vor allem als Außen­ver­tei­diger betrachtet. Guar­diola ent­deckt ganz neue Mög­lich­keiten. Und das wird es für die Gegner noch schwie­riger machen, das Bayern-Spiel aus­zu­rechnen und zu unter­binden.

Bis jetzt bin ich sehr zufrieden“, meinte Per­fek­tio­nist Guar­diola nach der Barca-Partie, die für ihn schon etwas sehr Spe­zi­elles gewesen sei“. Die zweite Hälfte hätte das ZDF den Zuschauern ange­sichts der vielen Wechsel und des damit zer­störten Spiel­flusses getrost kom­plett ersparen können – anstelle einer aus­führ­li­cheren Vor­be­richt­erstat­tung zum EM-Halb­fi­nale der deut­schen Kicke­rinnen.

Selbst wenn also unter Guar­diola, dem Men­schen­fänger, der alle in seinen Bann zu ziehen scheint, schon so vieles wun­derbar klappt, manchmal hin­ter­lässt dieser Mensch, dessen kom­pli­zierte Gedan­ken­welt inklu­sive Rei­bungs­flä­chen sich mehr und mehr erahnen lassen, doch noch ver­dutzte Gesichter – bei seinen Spie­lern, denen er am Spiel­feld­rand Anwei­sungen zuruft, die trotz aller beglei­tenden Gestik aber offenbar schwer ver­ständ­lich sind. Und auch bei den Jour­na­listen gibt es mit­unter fra­gende Blicke. Wenn Guar­diola seine Sicht­weisen in einem Deutsch vor­trägt, das zwar schon beein­dru­ckend gut, aber doch noch viel zu dürftig ist, um damit tiefer gehende Gedanken und Ein­sichten zum Spiel ange­messen aus­drü­cken zu können. 

Guar­diola und die Zeit

Er brauche noch Zeit, sagte Guar­diola am Mitt­woch bei der Pres­se­kon­fe­renz nach dem Bar­ce­lona-Spiel, als er eigent­lich nach der Leis­tung von Thiago Alcan­t­aras gefragt worden war und darauf hin­ge­wiesen hatte, dass dieser erst einer Woche in Mün­chen weile. Thiago und ich, wir brau­chen beide noch mehr Zeit.“

Bis zum Supercup-Finale gegen den BVB sind es nur noch ein paar Tage. Und aus Guar­diolas Aus­füh­rungen lässt sich schließen, dass für ihn das Spiel am Samstag gegen Dort­mund, den womög­lich ein­zigen wirk­li­chen Wider­sa­cher in der Bun­des­liga, tat­säch­lich der erste rich­tige Grad­messer sein wird. Der Neu­ling in Mün­chen nimmt das Supercup-Finale ernst. Aber so ernst wie sein Vor­gänger Jupp Heynckes im ver­gan­genen Jahr? Es war damals der erste Bayern-Sieg nach fünf Nie­der­lage in Serie gegen den BVB – ein Sieg mit Initi­al­zün­dung, eine Art Befreiung für die geschun­dene Münchner Fuß­ball­seele. Und der Beginn einer Erfolgs­ge­schichte, deren Fort­set­zung jetzt von einem anderen Autor wei­ter­ge­schrieben wird.