Mön­chen­glad­bach im März 2005. Die einst so glor­reiche Borussia düm­pelt in der Abstiegs­re­gion. Doch jetzt möchte man das für ein paar Stunden ver­gessen. Tor­wart­le­gende Uwe Kamps hat zum Abschieds­spiel geladen. Wyn­hoff, Effe, Kas­ten­maier: Ein Who is who“ bes­serer Zeiten tum­melt sich auf dem Rasen. 35 000 Fans feiern die Borussia-Familie. Aber wie das bei Fami­li­en­feiern eben so ist: Irgend­wann kippt die Stim­mung.



In der zweiten Halb­zeit wird Chris­tian Hoch­stätter ein­ge­wech­selt. 16 Spiel­zeiten lang hat er hier geackert. Doch in ihm sehen die Fans nicht mehr den alten Recken. Er ist nur­mehr der Sport­di­rektor, mut­maß­lich schuld an sieben mageren Jahren. Das kriegt er zurück: Als er aufs Spiel­feld läuft, pfeifen sie ihn gna­denlos aus. Die Bot­schaft kommt an: Deine Zeit ist abge­laufen.“ 23 Jahre Fami­li­en­zu­ge­hö­rig­keit, ein­seitig auf­ge­kün­digt. Wenige Wochen danach räumt er sein Büro.

Das hat mich per­sön­lich getroffen“, sagt Hoch­stätter noch heute. Das werde ich nicht ver­gessen.“ Seit Anfang 2007 ist er Sport­di­rektor bei Han­nover 96. Für den lei­tenden Ange­stellten eines Kon­kur­renten redet er unge­wöhn­lich offen über seinen alten Verein. Ver­meiden kann er das nicht, wenn er von sich erzählt. Glad­bach ist meine Heimat“, sagt er. Sein Haus in Kor­schen­broich hat er behalten, bis heute. Doch der Blick zurück ist auch pro­fes­sio­nell geprägt. Wenn Hoch­stätter über die Borussia spricht, dann auch über die Fehl­ent­wick­lungen, die er bei 96 ver­meiden möchte.

Der Bou­le­vard ist nicht an Pro­zessen inter­es­siert“

11 FREUNDE #81Was damals schief­lief, soll heute gut gehen. Als er 1999 nach dem Gang in die 2. Liga das Amt des Sport­di­rek­tors über­nahm, wusste er, dass die erfolg­reiche Jugend­ar­beit der einzig gang­bare Weg für den klammen Klub war – und auch, dass ein sol­ches Pro­jekt Jahre dauern würde. Doch obwohl den Fans beim Wort Jugend­ar­beit“ die Herzen auf­gingen – ihre Geduld war begrenzt. Von vielen wurde der Abstieg als Chance zur Wie­der­ge­burt ver­standen. Eine neue Fohlen-Elf“ könne nun wie damals, 1965, aus dem Nichts kommen und alles gewinnen. Ein Gedan­ken­spiel, das von den Jour­na­listen hin­auf­mul­ti­pli­ziert wurde. Der Bou­le­vard ist nicht an Pro­zessen inter­es­siert“, sagt Hoch­stätter. Er will Effekte.“

Beharr­lich schmie­dete er an seiner Idee einer nach­hal­tigen Ent­wick­lung, ließ ein Nach­wuchs­zen­trum ent­stehen. Ein viel­ver­spre­chender Pro­zess, doch die Effekte ließen zu wün­schen übrig. Trainer kamen, wurden Zwölfter und gingen wieder. Zugleich wuchs die Sehn­sucht nach Erfolgen, geschürt von den Bou­le­vard-Jour­na­listen. Mag sein, dass Hoch­stätter dem Affen Zucker geben wollte, als er 2004 den Welt­trainer Dick Advo­caat holte. Der Affe aber schluckte den Zucker und guckte sofort wieder auf die Uhr. Nach nur einem Spiel warf ein Reporter Advo­caat vor, man könne seine Hand­schrift nicht erkennen“, erin­nert sich Hoch­stätter. Unter Zeit­druck ließ die sport­liche Lei­tung sich zu wag­hal­sigen Trans­fers hin­reißen. Das Ergebnis: eine Truppe aus Leih­ar­bei­tern, die wenig Ähn­lich­keit mit Fohlen hatten. Die Quit­tung erhielt Hoch­stätter in seinem letzten Spiel für die Borussia. Seine Zeit war abge­laufen.

Nun ist er wieder bei einem Verein tätig, dessen Fans ange­sichts der Fuß­ball­glo­ba­li­sie­rung gut daran täten zu erkennen, dass seine Mög­lich­keiten begrenzt sind. Doch auch wenn die Tra­di­tion in Han­nover nicht so über­mächtig ist wie bei Borussia M‘Gladbach, haben der achte Platz in der ver­gan­genen Saison und der arg­wöh­ni­sche Blick zum auf­rüs­tenden Lokal­ri­valen VfL Wolfs­burg Begehr­lich­keiten geweckt.

Sein Lehr­geld hat Hoch­stätter gezahlt. Ein Popu­list ist er nicht geworden. Warum sollte ich mit Leuten ins Bett gehen, mit denen ich nicht ins Bett gehen möchte?“, fragt er. Aber er weiß, dass ein Pro­zess nur statt­finden kann, wenn er auch Effekte her­vor­bringt. Zeit hat er nur, wenn er sich beeilt.

Und so baut er gemeinsam mit Trainer Dieter Hecking an einem Team, das in der Lage sein soll, einen Vor­ge­schmack auf die Zukunft zu bieten. Dafür hat er Valé-
rien Ismaël vom FC Bayern geholt, Mario Eggi­mann vom KSC und Mikael Fors­sell aus Bir­mingham, vor allem aber die je einmal geschei­terten Chris­tian Schulz (Werder) und Jan Schlaud­raff (eben­falls Bayern), die beweisen möchten, dass sie doch zu Groß­taten imstande sind. Sie könnten 96, wenn sie in Schwung kommen, tat­säch­lich unter die ersten sechs schießen. Sollte das nicht gelingen und 96 zunächst im Mit­tel­feld sta­gnieren, wird es nicht lange dauern, bis der Bou­le­vard auch in Han­nover unge­duldig wird – und mit ihm die Fans. Natür­lich möchten wir Erfolg haben“, sagt Chris­tian Hoch­stätter. Doch dazu müssen die Rah­men­be­din­gungen stimmen. Das schüt­teln wir nicht ein­fach aus dem Ärmel.“
Und nach einer Pause fügt er hinzu: Ob wir die Zeit kriegen? Ich kann es nur hoffen.“