Seite 3: Die Sache mit der Weltklasse

Beim Blick auf die Spiel­szenen, die einer der Spiel­ana­ly­tiker auf dem Laptop abge­legt hat, sagt der Trainer unver­mit­telt: Da sprintet er sogar.“ Er findet näm­lich, dass Neu­haus das zu wenig tut. Er wird nie der wahn­sin­nige Sprinter werden, aber da sind wir wieder bei Toni Kroos.“ Auch Rose scheint einen der größten deut­schen Spieler des letzten Jahr­zehnts für die ange­mes­sene Ver­gleichs­größe zu halten. Er schwärmt auch von den für die Kör­per­größe von 1,83 Metern feinen Bewe­gungen“ von Neu­haus, trotzdem hat er ihm gerade zusätz­li­ches Koor­di­na­ti­ons­trai­ning ver­ordnet. Flo per­formt auf einem guten Niveau, aber da schlum­mert noch echt viel“, sagt der Trainer.

Doch wenn er nun ganz selbst­ver­ständ­lich eine zen­trale Rolle bei einem Spit­zen­klub der Bun­des­liga bekleidet, in der Cham­pions League glänzt und von seinem Trainer mit dem großen Toni Kroos ver­gli­chen wird, wird er dann eines Tages ein Welt­klas­se­spieler? Es wäre schön, wenn er sich da hin­ent­wi­ckelt. Ich halte gar nichts für aus­ge­schlossen. Ihm steht alles offen als Typ, Cha­rakter und Talent“, sagt Rose und schaut dann etwas beun­ru­higt. In seinem Kopf for­miert sich ver­mut­lich gerade eine Über­schrift, die er nicht haben will: Rose sagt Neu­haus Welt­klas­se­kar­riere voraus“. So was hilft ja selten weiter. 

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Keine Ver­le­gen­heit, wenn der Chef dabei ist: Flo­rian Neu­haus im Blick von Glad­bachs Trainer Marco Rose.

Dominik Asbach

Auf der anderen Seite passt das zum Denken, das der Trainer in Glad­bach eta­bliert hat: Wir reden seit andert­halb Jahren dar­über, dass wir als Mann­schaft Grenzen ver­schieben wollen.“ Dazu gehört auch, gegen Inter Mai­land oder Real Madrid nicht nur stau­nend mit­zu­spielen, son­dern die großen Gegner besiegen zu wollen.

Rose ist ein cha­ris­ma­ti­scher Mann, der groß denkt. Seine Spieler ver­ehren ihn nicht nur, weil er nahbar ist oder sie mit guten Match­plänen ins Spiel schickt. Er gibt ihnen auch ein Gefühl für das, was noch mög­lich ist. Neu­haus ist viel­leicht das Mus­ter­bei­spiel dafür, aber bei­leibe nicht der ein­zige Profi mit Poten­tial. Die Mann­schaft ist jung, die Spieler sind noch nicht am Ende ihrer Ent­wick­lung: Marcus Thuram, Breel Embolo, Denis Zakaria oder Rocco Reitz sind so alt wie Neu­haus oder jünger. Seit Rose in Glad­bach ist, wirkt selbst der deut­lich ältere Jonas Hof­mann wie neu erfunden, und Chris­toph Kramer ist als Sechser neben Neu­haus zum Elder Sta­tesman des Glad­ba­cher Spiels geworden. Die beiden sind befreundet und haben eine Fahr­ge­mein­schaft von Düs­sel­dorf zum Trai­ning.

Fuß­ball, Fuß­ball und noch mal Fuß­ball

What you think is what you get“, sagt Rose noch. Du bekommst das, was du denkst. Das ist bei Flo­rian Neu­haus zunächst mal Fuß­ball, Fuß­ball und noch mal Fuß­ball. Einer­seits als Denk­sport: Das Span­nende am Fuß­ball ist, dass eine Aktion immer eine Gegen­ak­tion hat.“ Wie das geht, stu­diert er zu Hause am Fern­seher bis zur Bewusst­lo­sig­keit, als Nähr­lö­sung für die Spiel­in­tel­li­genz. Ich hab auch ein Magenta-Abo, um die Dritte Liga sehen zu können.“ Über sein Ver­hältnis zum Fuß­ball hat er in einem Inter­view mal schwär­me­risch gesagt: Liebe trifft es schon ganz gut.“ In seiner Berufs­gruppe ist diese Form von Begeis­te­rung nicht unbe­dingt selbst­ver­ständ­lich.

Aber da ist nicht nur das Denken an den Fuß­ball und sein dort schlum­merndes Poten­tial, son­dern auch eines an Kaufe­ring. Die Heimat ist sein Sehn­suchtsort, so oft es geht, kehrt er zurück. Die Familie wohnt nach wie vor dort, ebenso wie seine Sand­kas­ten­freunde, mit denen er früher gekickt hat und die immer noch seine besten Freunde sind. Nur einer ist nach Köln, um dort Medizin zu stu­dieren. Im Früh­jahr, als der Ein­zel­handel in seinem Hei­matort unter dem Lock­down ächzte, hat er den Kaufe­rin­gern eine Vier­tel­mil­lion Euro gespendet, ohne eine große Nummer daraus zu machen. Neu­haus hat dazu was vom besten Eis der Welt erzählt, das es angeb­lich in Kaufe­ring gibt, und von dem Laden, wo er immer seine Panini-Bilder gekauft hat. Der Bür­ger­meister hat sich um die Ver­tei­lung der Spende geküm­mert, die Sport­ver­eine haben natür­lich auch was abbe­kommen.

Daheim hat sich sein Vater übri­gens einen Bayern-Keller“ ein­ge­richtet, wie Flo­rian Neu­haus ihn nennt. Der Papa ist glü­hender Bayern-Fan mit Jah­res­karte, und dieser Raum ist aus­staf­fiert mit allerlei Devo­tio­na­lien und Tri­kots, das Ver­eins­wappen gibt es als Mosaik auf dem Boden. Ich glaube, mein Vater war sogar sauer, als wir gegen Bayern gewonnen haben“, sagt er und muss lachen. Gesagt hat sein Vater zwar nichts, aber er hat ja auch ein Jahr­zehnt nicht dar­über geklagt, dass Flo­rian bei den Blauen spielte und nicht bei den Roten. Wobei in dieser Frage das letzte Wort ver­mut­lich noch nicht gespro­chen ist.

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