Seite 3: „Ick hatte einen Fünf-Meter-Bambusstock“

Pepe Mager, der Ober­frosch“, ver­neinte noch in den späten Neun­zi­gern, dass es unter seinen Leuten rechts­ex­treme Schläger gegeben habe. Die Frö­sche seien ihm ledig­lich außer Kon­trolle geraten, irgend­wann zum Ende hin. Außerdem seien die Schlä­ge­reien gänz­lich unpo­li­tisch gewesen. Und ins­ge­samt stets ehr­lich und fair abge­laufen. Was aller­dings, genau wie die Aus­sage mit den rechten Schlä­gern, nicht ganz der Wahr­heit ent­spricht.

Zumin­dest nicht, was Gäste aus Gel­sen­kir­chen betraf. Da ham wa uns jedes Mal wat Neues aus­je­dacht“, sagte Mager 2009 der Ber­liner Zei­tung. Was er damit meinte, waren Aktionen wie diese: Einmal schleusten die Hertha-Frö­sche schon in Braun­schweig eigene Leute in den Schalker Zug, wo diese für Pro­vo­ka­tionen sorgten. Am Bahnhof Wannsee lockten sie die ange­sta­chelten Schalker aus der Bahn, um sie direkt in die Arme von dort war­tenden Hertha-Frö­schen laufen zu lassen. Ähn­liche Fallen stellten sie den ver­hassten Fans auch direkt am Olym­pia­sta­dion, wo sich die Ber­liner Kut­ten­träger unter Magers Kom­mando sogar extra mit langen Män­teln getarnt hatten.

Eine Aktion, die gar nichts mit einer Kei­lerei zu tun hatte, brachte das Fass schließ­lich zum Über­laufen. Als ein Hertha-Fan 1982 auf Aus­wärts­fahrt nach Aachen kurz vor Han­nover eine Gar­dine in Brand steckte, um einen besoffen ein­ge­pennten Kumpel zu erschre­cken, stand wenig später fast der kom­plette Inter­zo­nenzug D 340 in Flammen. Danach hatte der Verein die Faxen dicke. Hertha führte den soge­nannten Ver­trau­ens­aus­weis“ ein. Nur wer ihn besaß, durfte in blau-weißer Kluft das Sta­dion besu­chen.

Ick hatte einen Fünf-Meter-Bam­bus­stock“

Zu der Zeit war eigent­lich alles ver­boten“, sagt 680-Aus­wärts­spiele-Rou­ti­nier Fri­berg. Trom­meln, Trom­peten, die großen Fahnen. Weil die Leute damit ja hätten zuschlagen können.“ Wobei das mit dem Zuschlagen zumin­dest für manche rein tech­nisch nahezu unmög­lich gewesen wäre. Ick hatte einen Fünf-Meter-Bam­bus­stock“, sagt Man­fred Sangel. Da dran war ein gigan­ti­sches Bett­laken befes­tigt. Wenn das nass wurde, konn­teste die Fahne kaum halten.“ Damals seien die Fahnen ohnehin nicht so infla­tionär oft wie heut­zu­tage geschwenkt worden. Und sowieso habe man vieles anders gemacht als die Jungs heute. Zum Bei­spiel Gesänge ganz ohne Megafon ange­stimmt. Außerdem hätten die Fans, die sich in der Hack­ord­nung weiter oben befanden, auch weiter oben im Block gestanden. Und nicht so wie die aktu­ellen Ein­peit­scher Heidi“ und Kreisel“, die in der Ost­kurve ganz unten stehen.

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Da wurden Ord­nungs­schellen ver­teilt“, sagt Kay Bern­stein, der die Har­le­kins 1998 mit grün­dete und später für viele Jahre als Vor­sänger die Kurve diri­gierte. Mit da“ meint er die Zeit, als die Ultras erst­mals mit­mischten, und mit Ord­nungs­schellen“ die Reak­tion der Alt­hauer auf die neue Gruppe von 18-Jäh­rigen, die plötz­lich vieles anders machen wollten. Wir haben uns poli­tisch posi­tio­niert und klar gesagt, dass wir weder Affen­laute hören noch das U‑Bahn-Lied singen wollen. Das alles zu einer Zeit, als die NPD noch vor jedem Heim­spiel Flyer ver­teilte.“

Etwa fünf Jahre habe es gedauert, bis sich die Har­le­kins in der Kurve durch­ge­setzt hatten. Dann sorgten die Erfolge in den Dieter-Hoeneß- Jahren für den Zustrom immer mehr jün­gerer Leute. Zwi­schen­zeit­lich kamen durch­schnitt­lich fast 54 000 Zuschauer ins Olym­pia­sta­dion. Die Har­le­kins orga­ni­sierten gigan­ti­sche Cho­reos, zum Abschied von Lieb­ling Zecke Neu­en­dorf, zur Feier des Grün­dungs­damp­fers. Und sie orga­ni­sieren sie noch heute. Trotz-dem kommen manchmal nur 27 000 Leute. Laut ist es in der Ost­kurve, deren Ultras sich mitt­ler­weile unge­wöhn­lich unpo­li­tisch geben, den­noch. Trotz schall­schlu­ckendem Dach. Denn es gibt ja etwas, ein biss­chen wie früher unter Pepe, das die Leute in der Kurve ver­bindet. Der gemein­same Ärger über den eigenen Vor­stand.