Seite 2: „Überall lag der Trabiduft in der Luft“

Alle zwei Wochen treffen dort, in den Blö­cken Q, R, S und T (super Blick aufs Mara­thontor, okayer Blick aufs Spiel­feld, 15:29 Uhr Nur nach Hause“ von Frank Zander, ab 17:12 Uhr blendet die Sonne nur noch ein biss­chen), knapp 8000 Fans auf­ein­ander. Kut­ten­träger mit vom Ziga­ril­lorauch ver­gilbten Drei­ta­ge­bärten, bart­haar­lose North-Face-Teen­ager, die am Kur­ven­ein­gang Flug­blätter ver­teilen, junge Klei­der­schränke mit in Plas­tik­fla­schen rein­ge­schmug­gelten Hart-Alk-Mischen. Heute wie früher vor allem Typen. Aber heute anders als früher: Ossis und Wessis. Denn die Ost­kurve ist die bun­des­weit wohl ein­zige wirk­lich gesamt­deut­sche Kurve.

Um zu erahnen, dass es irgend­wann mal so sein könnte, musste man vor knapp 30 Jahren ledig­lich der eigenen Nase ver­trauen. Denn damals, am 11. November 1989, zwei Tage nach dem Mau­er­fall, roch das gesamte Olym­pia­ge­lände tief im Westen der Stadt vor allem nach DDR. Bezie­hungs­weise: nach Trabis. Allet hat jeknat­tert rund ums Sta­dion“, sagt Man­fred Sangel, erster Sta­di­on­be­such 1965, Hertha-Mit­glied seit 1982. Sangel sitzt jetzt, im März 2019, in seiner Neu­köllner Alt­bau­woh­nung, die von innen ein biss­chen aus­sieht wie ein Hertha-Museum, und soll von früher erzählen.

Überall lag der Tra­bi­duft in der Luft“

Denn Sangel – tiefe Stimme, gemüt­liche Erschei­nung, über 30 Jahre Fan­ra­dio­ma­cher – und sein via Han­dy­laut­spre­cher zuge­schal­teter Kumpel Helmut Fri­berg – erstes Hertha-Spiel 1971, ins­ge­samt 680 Aus­wärts­par­tien, hat an den Ant­worten von Sangel meist minimal etwas aus­zu­setzen – waren früher ja dabei. Zwar nicht direkt als Frö­sche (Sport­jour­na­list Lutz Rosen­zweig nannte die Ber­liner Fans einst so, weil sie in der Kälte auf- und abge­hüpft waren). Aber wer damals regel­mäßig aus­wärts fuhr, der kannte die Halunken natür­lich. Pepe Mager, Fan­knei­pen­wirt Michael Hübi“ Hübner oder Charly, der mal drei Jahre wegen Ran­dale ein­fuhr. Für die Hertha.

Sangel und Fri­berg haben mit­er­lebt, wie ihrem Verein erst durch die Mauer und dann durch den Bun­des­li­ga­skandal ganze Fan-Genera­tionen abhan­den­kamen. Und sie waren natür­lich auch beim his­to­ri­schen Wen­de­spiel im Sta­dion. Überall lag der Tra­bi­duft in der Luft“, sagt Sangel. Offi­ziell gezählt wurden 44 174 Zuschauer, doch laut Augen­zeugen waren min­des­tens 60 000 Men­schen dabei, eher noch mehr. Zum Ver­gleich: Beim letzten Spiel vor der Grenz­öff­nung hatten sich nur knapp 15 000 Fans ins Olym­pia­sta­dion ver­irrt. Aber am 11. November, als sich Hertha mit vor Schreck ganz wei­chen Knien zu einem 1:1 gegen Wat­ten­scheid quälte, wollten alle dabei sein: Ost­ber­liner, West­ber­liner, Bran­den­burger, bekum­pelte Union-Fans.

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Pepe Mager mit Hertha-Fass

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Für Sangel, Fri­berg und ihren 1984 gegrün­deten Anhän­ger­club Ober­ring“ ein Fei­ertag. Schließ­lich hatten sie ihr Ha-Ho-He (richtig macht man es laut Fri­berg in Ruhe und mit Bedacht, nicht so hek­tisch wie die Jungen in der Kurve heute, da ver­steht man ja kein Wort bei dem Genu­schel“) keine zwei Jahre zuvor noch durchs leere Post­sta­dion brüllen müssen. 1986 war Hertha in die Ama­teur-Ober­liga abge­stiegen, dar­aufhin zog der Verein für zwei Jahre aus dem Olym­pia­sta­dion aus. Aber: Es war nicht alles schlecht im Exil: Wir sind vom Lehrter Bahnhof aus am Frau­en­knast vor­bei­je­loofen“, sagt Sangel. Die Frauen hingen alle am Fenster und riefen uns puber­tie­renden Jungs die schönsten Dinge zu.“

Fuß­ball in den Acht­zi­gern war hun­dert Pro­zent Proll­kultur“

Doch wirk­lich hin­weg­trösten konnten auch die schönsten Worte nicht über Pflicht­spiele gegen den SC Gatow oder Traber FC Mari­en­dorf. Zumal sie ja Weiß­gott andere Zeiten erlebt hatten. Fri­berg war zum Bei­spiel dabei, als ein paar durch­ge­knallte Hertha-Fans 1974 auf Tour in Mün­chen in den Olym­piasee sprangen. Trotz der berüch­tigten Schwarzen She­riffs“. Die waren nicht begeis­tert“, sagt Fri­berg, aber wir standen mit Fahnen im See und riefen ihnen zu, dass sie ja zu uns her­ein­kommen könnten.“ Die Münchner Fans, von der Aktion ange­lockt, waren eini­ger­maßen beein­druckt. Zwei Jahre später emp­fingen Hertha-Fans die Mün­chener am Bahnhof Zoo mit einem 50-Liter-Fass Bier – und nicht, wie von den Bayern eigent­lich ver­mutet, mit einer Tracht Prügel. Für wenige Jahre mochten sich Bayern und Preußen.

Ansonsten waren Her­thas Anhänger nicht unbe­dingt für Ihre Gast­freund­schaft bekannt. Fuß­ball in den Acht­zi­gern war hun­dert Pro­zent Proll­kultur“, beschrieb der Ber­liner Tages­spiegel das Jahr­zehnt mal wenig schmei­chel­haft. Her­thas bös­ar­tiger Mob nannte sich Frö­sche. Hun­dert Pro­zent Man­power, hand­fester rechter Pöbel. Sieg Heil wurde min­des­tens um zu pro­vo­zieren gebrüllt, etliche meinten es mit dem Nazi-Gejohle bitter ernst. Ver­we­gene Schläger, zahn­freie Exkna­ckis, Gele­gen­heits­ar­beiter, Ecken­steher. Ein impo­santer Assi-Haufen.“ Gruppen mit ein­deu­tigen Kampf­namen wie Zyklon B“ oder Hertha FC End­sieg“ sorgten für Chaos und fes­tigten den Ruf der Ber­liner Fans als min­des­tens rechts­offen und gewalt­be­reit.

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Sebas­tian Wells