Um das leicht wahn­sin­nige Ver­hältnis der Ber­liner Fuß­ball­fans zur Hertha zu durch­dringen, sollte man einen Blick auf das Leben von Peter Pepe“ Mager werfen. Der stieg als vom Bou­le­vard so getaufter Ober­frosch“ in den Sieb­zi­gern zum berüch­tigtsten Hertha-Fan Deutsch­lands auf. Er war so bekannt, dass ihm Kum­pels aus Jux mal von West­deutsch­land aus einen mit Brief­marke ver­se­henen Bier­de­ckel in die Heimat schickten – und als Adresse nichts weiter als Pepe, Berlin“ angaben. Der Bier­de­ckel kam an. Mager war einer der Ersten im Land, der Fan­ar­tikel ver­kaufte („Gab ja nüscht außer Papier­fahnen“), er orga­ni­sierte schon 1963 Aus­wärts­fahrten, er bun­kerte für diese Fahrten Bier­kisten in Schließ­fä­chern am Bahnhof.

Er kloppte sich mit Fans aus Gel­sen­kir­chen (nicht nur mit denen, aber dazu später mehr), er wurde Pepe genannt, weil er den Film Die Lümmel von der ersten Bank“ mit Pepe dem Pau­ker­schreck zwölfmal geguckt hatte. Er turnte in kom­plett blau-weiß gestreiften Anzügen (und, warum auch immer, aus­ge­stattet mit Blech­fäs­sern, siehe Foto) vorm Block herum, er grün­dete 1972 den ersten Hertha-Fan­klub über­haupt. Nur, und jetzt wird es end­lich wahn­sinnig, um sich immer wieder mit dem Verein seines Her­zens zu ver­kra­chen. Weil seine Kum­pels ver­haftet worden waren, wegen der nicht-lizen­zierten Fan­ar­tikel, und zum Schluss und end­gültig, weil man ihn 2003 trotz Schwer­be­hin­der­ten­aus­weises nicht auf der VIP-Toi­lette pin­keln ließ. Seitdem hat er das Olym­pia­sta­dion nicht mehr betreten. Angeb­lich drückte er bis zu seinem Tod, wenn er am Wochen­ende vor seiner blau-weiß gestri­chenen Dat­sche saß, Union die Daumen.

Lange pen­delten Hertha-Fans wild durchs Sta­dion

Die Wider­sprüche und Risse, die sich in Magers Fan­bio­grafie im Kleinen beob­achten lassen, kann man pro­blemlos aufs große Ganze über­tragen. Hertha hatte einst den höchsten Zuschau­er­schnitt der Liga (Saison 1969/70). Und spielte 1987 vor 615 Leuten in der Ama­teur-Ober­liga. Als Her­thas Fans Anfang der Sieb­ziger nicht zu Unrecht von Gol­denen Zeiten träumten, ver­schob die Mann­schaft ein Heim­spiel gegen Bie­le­feld und ver­prellte die aller­meisten dieser Fans. Und als Her­thas Team zuletzt so richtig Euphorie in der Stadt ent­fa­chen konnte, im Früh­ling des Jahres 2009, als die Atzen Hey, das geht ab, wir holen die Meis­ter­schaft“ mitten in der vor Wonne hüp­fenden Ost­kurve sangen, stieg eine vogel­wilde Hertha-Elf zwölf Monate später als Tabel­len­letzter ab. Als könnte sie zu viel Begeis­te­rung der Kurve nicht ertragen.

Wobei das mit der Ost­kurve ohnehin nicht so leicht ist. Denn bis in die späten Neun­zi­ger­jahre gab es die gar nicht. Zumin­dest nicht als Fan­block. Bevor die Ultras ab 1998 nach und nach an Ein­fluss in der Fan­szene gewannen, wech­selten die ein­ge­fleischten Anhänger alle paar Jahre wild durchs damals noch unge­müt­lich zugige Sta­dion. Als Hertha zum Bun­des­li­ga­start 1963 zäh­ne­knir­schend aus der eigent­li­chen Heimat, dem Sta­dion an der Plumpe im Wed­ding, ins wesent­lich grö­ßere Olym­pia­sta­dion gezogen war, wech­selten die Fans den Block zunächst sogar in der Halb­zeit­pause. Sie pen­delten immer zu dem Tor, das Her­thas Mann­schaft gerade zu ver­tei­digen hatte.

Erst 2005 wurde die Ost­kurve zur Heimat

In den Sieb­zi­gern ließ sich der harte Kern dann links vom Mara­thontor nieder, also dort, wo heute die Gäs­te­fans stehen. 1978 wan­derten die Fans weiter auf die andere Seite der Haupt­tri­büne, nach Block A. Viel­leicht, weil man es von dort nicht so weit zur Fan­kneipe hatte, viel­leicht, weil die Polizei in Block A besser kon­trol­lieren konnte. Wieder ein paar Jahre später ging es – wohl aus akus­ti­schen Gründen – für einige Jahre in den Ober­ring der Gegen­ge­rade.

Doch als Staats­se­kretär Hans-Jürgen Kuhn, Spitz­name Coca-Cola-Kuhn“, aus Sorge vor maroden Gerüsten das Stehen im Ober­ring ver­bieten ließ, ging es aus Pro­test zurück in den Unter­ring. Durch die im Jahr 2000 begin­nenden Sta­di­on­um­bauten für die WM 2006 (Rund­um­dach und Klapp­stühle), wurden die Hart­ge­sot­tenen noch­mals kreuz und quer durchs Sta­dion gescheucht. Bis dieses 2005 end­lich fertig war. Und die Ost­kurve zur Heimat der Fans wurde.

Alle zwei Wochen treffen dort, in den Blö­cken Q, R, S und T (super Blick aufs Mara­thontor, okayer Blick aufs Spiel­feld, 15:29 Uhr Nur nach Hause“ von Frank Zander, ab 17:12 Uhr blendet die Sonne nur noch ein biss­chen), knapp 8000 Fans auf­ein­ander. Kut­ten­träger mit vom Ziga­ril­lorauch ver­gilbten Drei­ta­ge­bärten, bart­haar­lose North-Face-Teen­ager, die am Kur­ven­ein­gang Flug­blätter ver­teilen, junge Klei­der­schränke mit in Plas­tik­fla­schen rein­ge­schmug­gelten Hart-Alk-Mischen. Heute wie früher vor allem Typen. Aber heute anders als früher: Ossis und Wessis. Denn die Ost­kurve ist die bun­des­weit wohl ein­zige wirk­lich gesamt­deut­sche Kurve.

Um zu erahnen, dass es irgend­wann mal so sein könnte, musste man vor knapp 30 Jahren ledig­lich der eigenen Nase ver­trauen. Denn damals, am 11. November 1989, zwei Tage nach dem Mau­er­fall, roch das gesamte Olym­pia­ge­lände tief im Westen der Stadt vor allem nach DDR. Bezie­hungs­weise: nach Trabis. Allet hat jeknat­tert rund ums Sta­dion“, sagt Man­fred Sangel, erster Sta­di­on­be­such 1965, Hertha-Mit­glied seit 1982. Sangel sitzt jetzt, im März 2019, in seiner Neu­köllner Alt­bau­woh­nung, die von innen ein biss­chen aus­sieht wie ein Hertha-Museum, und soll von früher erzählen.

Überall lag der Tra­bi­duft in der Luft“

Denn Sangel – tiefe Stimme, gemüt­liche Erschei­nung, über 30 Jahre Fan­ra­dio­ma­cher – und sein via Han­dy­laut­spre­cher zuge­schal­teter Kumpel Helmut Fri­berg – erstes Hertha-Spiel 1971, ins­ge­samt 680 Aus­wärts­par­tien, hat an den Ant­worten von Sangel meist minimal etwas aus­zu­setzen – waren früher ja dabei. Zwar nicht direkt als Frö­sche (Sport­jour­na­list Lutz Rosen­zweig nannte die Ber­liner Fans einst so, weil sie in der Kälte auf- und abge­hüpft waren). Aber wer damals regel­mäßig aus­wärts fuhr, der kannte die Halunken natür­lich. Pepe Mager, Fan­knei­pen­wirt Michael Hübi“ Hübner oder Charly, der mal drei Jahre wegen Ran­dale ein­fuhr. Für die Hertha.

Sangel und Fri­berg haben mit­er­lebt, wie ihrem Verein erst durch die Mauer und dann durch den Bun­des­li­ga­skandal ganze Fan-Genera­tionen abhan­den­kamen. Und sie waren natür­lich auch beim his­to­ri­schen Wen­de­spiel im Sta­dion. Überall lag der Tra­bi­duft in der Luft“, sagt Sangel. Offi­ziell gezählt wurden 44 174 Zuschauer, doch laut Augen­zeugen waren min­des­tens 60 000 Men­schen dabei, eher noch mehr. Zum Ver­gleich: Beim letzten Spiel vor der Grenz­öff­nung hatten sich nur knapp 15 000 Fans ins Olym­pia­sta­dion ver­irrt. Aber am 11. November, als sich Hertha mit vor Schreck ganz wei­chen Knien zu einem 1:1 gegen Wat­ten­scheid quälte, wollten alle dabei sein: Ost­ber­liner, West­ber­liner, Bran­den­burger, bekum­pelte Union-Fans.

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Pepe Mager mit Hertha-Fass

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Für Sangel, Fri­berg und ihren 1984 gegrün­deten Anhän­ger­club Ober­ring“ ein Fei­ertag. Schließ­lich hatten sie ihr Ha-Ho-He (richtig macht man es laut Fri­berg in Ruhe und mit Bedacht, nicht so hek­tisch wie die Jungen in der Kurve heute, da ver­steht man ja kein Wort bei dem Genu­schel“) keine zwei Jahre zuvor noch durchs leere Post­sta­dion brüllen müssen. 1986 war Hertha in die Ama­teur-Ober­liga abge­stiegen, dar­aufhin zog der Verein für zwei Jahre aus dem Olym­pia­sta­dion aus. Aber: Es war nicht alles schlecht im Exil: Wir sind vom Lehrter Bahnhof aus am Frau­en­knast vor­bei­je­loofen“, sagt Sangel. Die Frauen hingen alle am Fenster und riefen uns puber­tie­renden Jungs die schönsten Dinge zu.“

Fuß­ball in den Acht­zi­gern war hun­dert Pro­zent Proll­kultur“

Doch wirk­lich hin­weg­trösten konnten auch die schönsten Worte nicht über Pflicht­spiele gegen den SC Gatow oder Traber FC Mari­en­dorf. Zumal sie ja Weiß­gott andere Zeiten erlebt hatten. Fri­berg war zum Bei­spiel dabei, als ein paar durch­ge­knallte Hertha-Fans 1974 auf Tour in Mün­chen in den Olym­piasee sprangen. Trotz der berüch­tigten Schwarzen She­riffs“. Die waren nicht begeis­tert“, sagt Fri­berg, aber wir standen mit Fahnen im See und riefen ihnen zu, dass sie ja zu uns her­ein­kommen könnten.“ Die Münchner Fans, von der Aktion ange­lockt, waren eini­ger­maßen beein­druckt. Zwei Jahre später emp­fingen Hertha-Fans die Mün­chener am Bahnhof Zoo mit einem 50-Liter-Fass Bier – und nicht, wie von den Bayern eigent­lich ver­mutet, mit einer Tracht Prügel. Für wenige Jahre mochten sich Bayern und Preußen.

Ansonsten waren Her­thas Anhänger nicht unbe­dingt für Ihre Gast­freund­schaft bekannt. Fuß­ball in den Acht­zi­gern war hun­dert Pro­zent Proll­kultur“, beschrieb der Ber­liner Tages­spiegel das Jahr­zehnt mal wenig schmei­chel­haft. Her­thas bös­ar­tiger Mob nannte sich Frö­sche. Hun­dert Pro­zent Man­power, hand­fester rechter Pöbel. Sieg Heil wurde min­des­tens um zu pro­vo­zieren gebrüllt, etliche meinten es mit dem Nazi-Gejohle bitter ernst. Ver­we­gene Schläger, zahn­freie Exkna­ckis, Gele­gen­heits­ar­beiter, Ecken­steher. Ein impo­santer Assi-Haufen.“ Gruppen mit ein­deu­tigen Kampf­namen wie Zyklon B“ oder Hertha FC End­sieg“ sorgten für Chaos und fes­tigten den Ruf der Ber­liner Fans als min­des­tens rechts­offen und gewalt­be­reit.

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Sebas­tian Wells

Pepe Mager, der Ober­frosch“, ver­neinte noch in den späten Neun­zi­gern, dass es unter seinen Leuten rechts­ex­treme Schläger gegeben habe. Die Frö­sche seien ihm ledig­lich außer Kon­trolle geraten, irgend­wann zum Ende hin. Außerdem seien die Schlä­ge­reien gänz­lich unpo­li­tisch gewesen. Und ins­ge­samt stets ehr­lich und fair abge­laufen. Was aller­dings, genau wie die Aus­sage mit den rechten Schlä­gern, nicht ganz der Wahr­heit ent­spricht.

Zumin­dest nicht, was Gäste aus Gel­sen­kir­chen betraf. Da ham wa uns jedes Mal wat Neues aus­je­dacht“, sagte Mager 2009 der Ber­liner Zei­tung. Was er damit meinte, waren Aktionen wie diese: Einmal schleusten die Hertha-Frö­sche schon in Braun­schweig eigene Leute in den Schalker Zug, wo diese für Pro­vo­ka­tionen sorgten. Am Bahnhof Wannsee lockten sie die ange­sta­chelten Schalker aus der Bahn, um sie direkt in die Arme von dort war­tenden Hertha-Frö­schen laufen zu lassen. Ähn­liche Fallen stellten sie den ver­hassten Fans auch direkt am Olym­pia­sta­dion, wo sich die Ber­liner Kut­ten­träger unter Magers Kom­mando sogar extra mit langen Män­teln getarnt hatten.

Eine Aktion, die gar nichts mit einer Kei­lerei zu tun hatte, brachte das Fass schließ­lich zum Über­laufen. Als ein Hertha-Fan 1982 auf Aus­wärts­fahrt nach Aachen kurz vor Han­nover eine Gar­dine in Brand steckte, um einen besoffen ein­ge­pennten Kumpel zu erschre­cken, stand wenig später fast der kom­plette Inter­zo­nenzug D 340 in Flammen. Danach hatte der Verein die Faxen dicke. Hertha führte den soge­nannten Ver­trau­ens­aus­weis“ ein. Nur wer ihn besaß, durfte in blau-weißer Kluft das Sta­dion besu­chen.

Ick hatte einen Fünf-Meter-Bam­bus­stock“

Zu der Zeit war eigent­lich alles ver­boten“, sagt 680-Aus­wärts­spiele-Rou­ti­nier Fri­berg. Trom­meln, Trom­peten, die großen Fahnen. Weil die Leute damit ja hätten zuschlagen können.“ Wobei das mit dem Zuschlagen zumin­dest für manche rein tech­nisch nahezu unmög­lich gewesen wäre. Ick hatte einen Fünf-Meter-Bam­bus­stock“, sagt Man­fred Sangel. Da dran war ein gigan­ti­sches Bett­laken befes­tigt. Wenn das nass wurde, konn­teste die Fahne kaum halten.“ Damals seien die Fahnen ohnehin nicht so infla­tionär oft wie heut­zu­tage geschwenkt worden. Und sowieso habe man vieles anders gemacht als die Jungs heute. Zum Bei­spiel Gesänge ganz ohne Megafon ange­stimmt. Außerdem hätten die Fans, die sich in der Hack­ord­nung weiter oben befanden, auch weiter oben im Block gestanden. Und nicht so wie die aktu­ellen Ein­peit­scher Heidi“ und Kreisel“, die in der Ost­kurve ganz unten stehen.

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Da wurden Ord­nungs­schellen ver­teilt“, sagt Kay Bern­stein, der die Har­le­kins 1998 mit grün­dete und später für viele Jahre als Vor­sänger die Kurve diri­gierte. Mit da“ meint er die Zeit, als die Ultras erst­mals mit­mischten, und mit Ord­nungs­schellen“ die Reak­tion der Alt­hauer auf die neue Gruppe von 18-Jäh­rigen, die plötz­lich vieles anders machen wollten. Wir haben uns poli­tisch posi­tio­niert und klar gesagt, dass wir weder Affen­laute hören noch das U‑Bahn-Lied singen wollen. Das alles zu einer Zeit, als die NPD noch vor jedem Heim­spiel Flyer ver­teilte.“

Etwa fünf Jahre habe es gedauert, bis sich die Har­le­kins in der Kurve durch­ge­setzt hatten. Dann sorgten die Erfolge in den Dieter-Hoeneß- Jahren für den Zustrom immer mehr jün­gerer Leute. Zwi­schen­zeit­lich kamen durch­schnitt­lich fast 54 000 Zuschauer ins Olym­pia­sta­dion. Die Har­le­kins orga­ni­sierten gigan­ti­sche Cho­reos, zum Abschied von Lieb­ling Zecke Neu­en­dorf, zur Feier des Grün­dungs­damp­fers. Und sie orga­ni­sieren sie noch heute. Trotz-dem kommen manchmal nur 27 000 Leute. Laut ist es in der Ost­kurve, deren Ultras sich mitt­ler­weile unge­wöhn­lich unpo­li­tisch geben, den­noch. Trotz schall­schlu­ckendem Dach. Denn es gibt ja etwas, ein biss­chen wie früher unter Pepe, das die Leute in der Kurve ver­bindet. Der gemein­same Ärger über den eigenen Vor­stand.