Seite 2: „Als ich zurück nach Hause kam, war nichts mehr so wie vorher“

Das denk­wür­digste Finale war sicher das 5:4 gegen Alaves um den UEFA-Cup in Dort­mund. Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie an dieses Spiel zurück­denken?
Der Weg in die Halb­zeit­pause. Ich ging vom Rasen und dachte: Oh, mein Gott, ist das ein­fach!“ Das soll jetzt nicht respektlos klingen. Alaves hatte auf dem Weg ins Finale gute Mann­schaften geschlagen, zum Bei­spiel Inter Mai­land. Aber als ich in die Kabine kam, saßen alle nur da, keiner sagte etwas. Ich glaube, alle haben gedacht, dass sich dieses Spiel für ein großes Finale unglaub­lich leicht anfühlte.

Da lag Liver­pool 3:1 in Füh­rung. Sie hatten den Elf­meter zum dritten Tor her­aus­ge­holt.
Und in der Pause war ich mir sicher, dass das noch nicht das Ende sein würde. Ich dachte: Wow, das hier ist das End­spiel um den UEFA-Cup – und wir werden 5:1 oder 6:1 gewinnen!“ Tja, und dann kamen sie zurück ins Spiel und gli­chen kurz vor Ende sogar noch zum 4:4 aus. Als Fuß­ball­spiel war es natür­lich groß­artig, ein echtes Spek­takel, aber wir hätten nicht zulassen dürfen, dass diese Partie in die Ver­län­ge­rung ging.

Sie spra­chen schon an, dass Sie viele deut­sche Mit­spieler hatten.
Markus Babbel und Dietmar Hamann waren an jenem Tag auf dem Rasen, Chris­tian Ziege zwar nicht im Kader, aber noch beim Klub unter Ver­trag. Mit Karl-Heinz Riedle habe ich auch noch zusam­men­ge­spielt.

Und mit Sean Dundee.
Oh ja, stimmt. Ich erin­nere mich an ihn. Er hat aber nicht viele Spiele gemacht.

Wel­cher Deut­sche war der Lus­tigste?
Das waren alles gute Jungs – Babbel war super, Ziege eben­falls, wenn auch etwas ruhiger. Aber Didi ist spe­ziell. Wenn Sie mich nach drei Spie­lern fragen, die in meinen zwanzig Jahren als Fuß­baller zu echten Freunden geworden sind, dann ist einer von ihnen Didi Hamann. Wir sind wirk­lich Kumpel fürs Leben und haben fast jeden Tag irgendwie Kon­takt. Als er in Man­chester wohnte, nur eine knappe Stunde von meinem Haus weg, waren wir jede Woche Golf spielen.

Ist er ein guter Golfer?
Nicht wirk­lich. Aber er spielt gerne. In Liver­pool sind wir manchmal nach dem Trai­ning direkt auf den Golf­platz gegangen. Didi liebt die eng­li­sche Lebens­weise. Er ist mehr als nur ein halber Eng­länder.

Sie hin­gegen gelten als sehr guter Golfer. Außerdem waren sie ein talen­tierter Snoo­ker­spieler – und Boxer.
Das Boxen war nicht meine Idee. Mein Vater wollte, dass ich es lerne. Seine Theorie war, dass ich härter und robuster werden müsste, weil die meisten Gegen­spieler auf dem Fuß­ball­platz mir kör­per­lich über­legen waren.

Das lag daran, dass Sie im Jugend­be­reich alle mög­li­chen Tor­re­korde gebro­chen haben und so gut waren, dass Sie immer gegen Ältere spielen mussten.
Aber mir machte das nie etwas aus. Man hat mich ja nicht dazu gezwungen. Ich spielte auf der Straße, in der Schule oder im Verein gegen Ältere, weil ich eben dazu in der Lage war.

Stimmt es, dass Sie bis zum Alter von 16 so gut wie keinen Ball mit dem linken Fuß gespielt haben?
Wenn ich in der Zeit zurück­reisen könnte, um eine Sache zu ändern, dann dies: Ich hätte meinen linken Fuß mehr trai­nieren müssen. Aber ich war immer sehr schnell. Als ich zehn oder elf war, schoss ich meine Tore fast alle auf die­selbe Weise: Ich nahm mir den Ball und rannte ein­fach an allen vorbei. Vor dem Tor hatte ich dann Zeit. Und wenn man Zeit hat, legt man sich den Ball immer auf seinen starken Fuß, weil das die Chance erhöht, ihn gut zu plat­zieren. Das heißt aber nicht, dass ich mit links nichts konnte. Ich habe einige wich­tige Tore mit links gemacht, etwa das Siegtor kurz vor dem Ende im Pokal­fi­nale 2001. Ich konnte mit links hart schießen und sauber passen, aber eben nicht so kon­trol­liert wie mit rechts.

Das typi­sche Tor in der Jugend, das Sie eben beschrieben haben, ähnelt ver­blüf­fend jenem Tor, das Sie berühmt gemacht hat, dem Treffer bei der WM 1998 gegen Argen­ti­nien.
Dieses Tor hat mein Leben für immer ver­än­dert. Vor dem Tur­nier hatten viele Leute von mir gehört, schließ­lich war ich Tor­schüt­zen­könig der Pre­mier League geworden. Aber kaum jemand außer­halb Eng­lands hatte mich spielen sehen. Als ich zurück nach Hause kam, war nichts mehr so wie vorher.