Seite 3: „Die Geschichten sind ausgedacht und die Leute bloß Schauspieler“

Neun Monate später zogen Sie sich eine Ober­schen­kel­ver­let­zung zu. War sie der Anfang vom Ende?
So würde ich das nicht sagen, aber es war in der Tat eine Ver­let­zung, die zu blei­benden Schäden führte. Sie hat mich nicht gestoppt, immerhin wurde ich zwei Jahre später Europas Fuß­baller des Jahres. Aber sie hat mich für den Rest meiner Kar­riere beein­träch­tigt, auch wenn sich das erst langsam zeigte. Nach meinem Come­back wurde ich wieder Tor­schüt­zen­könig und wech­selte später für ein Jahr zu Real Madrid, wo ich auch immerhin 13 Tore in der Liga schoss. Ich war also auf einem hohen Level durchaus in Form. Aber nach und nach kamen immer mehr Fol­ge­ver­let­zungen, und ich verlor die viel­leicht wich­tigste Waffe, die ich hatte: meine Schnel­lig­keit. Des­wegen haben mir die letzten Jahre meiner Kar­riere nicht mehr beson­ders viel Spaß gemacht.

Sie erwähnten Ihren Vater. Er war auch Profi. Wurden Sie wegen ihm Fan von Everton?
Mein Vater lief nur ein- oder zweimal für Everton auf, lange vor meiner Geburt. Damals, in den Sech­zi­gern, hatte der Klub eine starke Mann­schaft. Später spielte mein Dad noch für viele andere Teams, aber immer nur in unteren Ligen. Als ich klein war, musste ich mir einen Klub aus­su­chen. Meine beiden älteren Brüder hielten zu Everton, weil es der größte Verein war, für den unser Vater gespielt hatte. Also wurde auch ich Everton-Fan. Das Lus­tige ist, dass mein Vater als Kind Liver­pool-Fan war. Gespielt hat er dann aber für Everton. Und bei mir war es umge­kehrt.

Einer Ihrer besten Freunde bei Liver­pool war Jamie Car­ragher. Der war auch in seiner Jugend ein Ever­to­nian.
Jeder war das! Ian Rush, eine der größten Liver­pooler Legenden, wuchs als Everton-Fan auf. Die Spieler, die zu meiner Zeit aus der Jugend kamen, waren fast aus­nahmslos Ever­to­nians: Robbie Fowler, Steven McMa­naman, Jamie, ich – die Liste ist lang. Eigent­lich war nur Steven Ger­rard echter Liver­pool-Fan.

Jamie Car­ragher soll richtig fertig gewesen sein, als er zum ersten Mal mit Liver­pool gegen Everton gewann.
Das könnte durchaus stimmen. Mir war Fuß­ball sehr, sehr wichtig. Es war mein Leben – aber als Spieler, nicht als Fan. Ich wünschte mir ein Everton-Trikot, kannte alle Spieler und wollte, dass sie gewinnen. Aber ich ging nicht ständig ins Sta­dion, auch weil ich etwas außer­halb lebte. Jamie hin­gegen wuchs mitten in der Stadt auf. Sein Vater war besessen von Everton und nahm Jamie zu jedem Spiel mit, auch aus­wärts.

Stimmt es, dass Sie später in Ihren Ver­trägen die Klausel hatten, dass Sie jeder­zeit eine Frei­gabe für Liver­pool bekommen würden?
Das ließ ich in den Ver­trag schreiben, als ich 2005 von Real Madrid zu New­castle wech­selte. Mein Plan war es, einige Jahre im Aus­land zu spielen und dann zurück zum FC Liver­pool zu gehen. Doch als ich Madrid ver­ließ, konnte Liver­pool meine Ablöse nicht zahlen. Und später kam immer was dazwi­schen. Ich zog mir bei der WM in Deutsch­land einen Kreuz­band­riss zu, und als ich wieder fit war, hatte Liver­pool Fer­nando Torres für meine Posi­tion ver­pflichtet. So ging ich schließ­lich zu Man­chester United.

Es gibt Liver­pool-Fans, die Ihnen des­wegen kri­tisch gegen­über­stehen. Können Sie uns erklären, wieso Liver­pool und Everton fried­lich neben­ein­ander leben, wäh­rend es eine tiefe Feind­schaft zwi­schen Liver­pool und United gibt?
Da ist zum einen die sport­liche Kon­kur­renz. Im Grunde war Liver­pool immer besser und erfolg­rei­cher als Everton, des­wegen hat man sich eher mit United um die Titel gestritten. Vor allem natür­lich seit der Fer­guson-Ära in Man­chester. Aber das Ganze reicht weiter zurück in die Geschichte. Mit der Eröff­nung des Man­chester Ship Canal im späten 19. Jahr­hun­dert wurden die Städte, die nur 50 Kilo­meter aus­ein­an­der­liegen, wirt­schaft­liche Kon­kur­renten. Seither sind sie Rivalen.

Sie spra­chen den Wechsel zu Real an. Würden Sie den heute noch mal machen?
Ich bereue ihn nicht. Es war die Zeit der Galac­ticos, ich durfte also in einer tollen Mann­schaft spielen. Und ich wollte mal in einem anderen Land leben und arbeiten. Leider haben die Umstände nicht gepasst. Es dau­erte fünf Monate, bis wir ein Haus gefunden hatten. In dieser Zeit lebten wir im Hotel – meine Frau, ich und unsere zwei­jäh­rige Tochter. Für mich war es okay, ich war ja mit dem Klub ständig unter­wegs. Aber meine Frau war in einem fremden Land, hatte keine Freunde und saß mona­te­lang mit einem Klein­kind in diesem Hotel. Es wurde besser, als wir ein Haus fanden, aber da hatte sie sich schon ent­schlossen, zurück nach Eng­land zu gehen.

Apropos Hotel. Sie haben mal gesagt, die WM 1998 wäre wie ein Auf­ent­halt im Gefängnis gewesen.
Glenn Hoddle, unser Trainer, legte sehr großen Wert darauf, dass die Mann­schaft völlig auf den Fuß­ball fokus­siert war. Nichts sollte uns ablenken. Wir hatten keine Handys und bekamen keine Zei­tungen. Wir durften keinen Besuch von unseren Fami­lien oder Freun­dinnen emp­fangen. Wenn wir ein Spiel hatten, war alles gut. Aber die drei oder vier Tage zwi­schen den Spielen waren hart. Früh­stück, Trai­ning, Mit­tag­essen – und dann hat­test du fünf Stunden Zeit, aber nichts zu tun. Dann Abend­essen, danach wieder vier Stunden frei. Also lag ich auf meinem Hotel­bett und habe die Decke ange­starrt.

Sie hätten doch Karten spielen können, oder war das auch ver­boten?
Einige der Älteren haben das gemacht, aber ich war gerade acht­zehn, da konnte ich mich nicht ein­fach an ihren Tisch setzen. In Mann­schaften gibt es eine strenge Hier­ar­chie. Als ich mit sieb­zehn meine erste volle Saison spielte, wurde ich Tor­schüt­zen­könig. Und in meiner zweiten Saison wieder. Trotzdem hätte ich es nie gewagt, mir ein teures Auto zu kaufen. Robbie Fowler oder Steven McMa­naman, die durften das, weil sie schon Jahre dabei waren. Ich musste mir meine Rechte erst erwerben. Also: keine Kar­ten­spiele.

Und keine Filme.
Nein. Wie gesagt, ich schaue keine Filme.

Was genau stört Sie eigent­lich an Filmen?
Filme dauern zu lang, und vor allem sind die Geschichten aus­ge­dacht und die Leute bloß Schau­spieler. Filme sind nicht wahr. Es gewinnen immer die Guten.