Seite 2: Was muss ich drücken?

Und es ging voran, die Ergeb­nisse wurden knapper. Ich lernte, mit wel­chen Teams ich schlechter (Inter Mai­land, Bayern Mün­chen, Real Madrid) und mit wel­chen Teams ich besser spielte (Ata­lanta Ber­gamo, Bayer Lever­kusen, Arsenal). Und doch verlor ich weiter. Und lernte zu hassen. Mein Alter. Und die Jugend.

Ich hasste mich dafür, derart beschränkt zu sein in der Wahl meiner Mittel. Dafür, mich selbst wahr­zu­nehmen als jemand, der von einer für ihn nicht zu beherr­schenden Maschine über­for­dert war. Ich war zu einem Men­schen geworden, dessen Stimme klang, wie ein Rol­lator aus­sieht: Was muss ich drü­cken?

Ich hasste die Jugend, weil sie schneller und besser war als ich. Weil ihr die Dinge leicht fielen. L2 plus R2 plus Schuss und dabei beide Sticks zum Rhythmus vom Toosie Slide in Rich­tung Erlangen? Kein Pro­blem.

Vor allem aber hasste ich ihre Arro­ganz. Wenn sie anfingen, den Ball hoch hal­tend durch meine Reihen zu schlen­dern, als sei meine Truppe eine Betriebs­mann­schaft aus dem Wachs­fi­gu­ren­ka­bi­nett. Wenn sie mit ihrem Tor­wart zu mes­siesken Solis ansetzten, die meine wütender und wütender wer­denden Ver­zweif­lungs­grät­schen noch trau­riger wirken ließen. Oder wenn sie ein­fach gar nichts taten, wenn sie ein­fach war­teten, bis ich mich mühsam in Ball­nähe manö­vriert hatte. Nur um dann über meine ver­dat­terten Köpfe hinweg Flanken-Volley zu spielen.

Ich. Ziehe. Es. Durch“

Ilja Behnisch gibt nicht mal auf, wenn er 0:6 hinten liegt

Am meisten aber hasste ich sie dafür, dass sie ein­fach so auf­gaben, wenn ich doch mal in Füh­rung lag. Fuß­ball, das habe ich schon früh gelernt, damals, als man Kin­dern noch Vor­namen wie Uwe gab, Fuß­ball ist ein Spiegel des Lebens. Mal ver­liert man und mal gewinnen die anderen. Aber man gibt nicht ein­fach auf, rennt davon und drückt auf Neu­start. Du kannst ein arro­ganter, kleiner Wicht sein, dessen Fifa-Vor­trag aus­sieht wie die Worst-Of-Com­pi­la­tion von Sea­life, aber ver­dammt nochmal: Zieh es durch.

Ich schwöre bei meiner Auto­gramm­karte von Hans-Jörg Criens, dass ich noch kein ein­ziges Spiel abge­bro­chen habe. Was auch daran liegt, dass ich gar nicht weiß, wie das geht. Es würde mir aber auch nicht ein­fallen. Auch beim Stand von 0:6 nach 50 gespielten Minuten ziehe ich meinen Stiefel durch. Dann fühle ich mich zwar wie ein Solo-Pia­nist, dessen Beet­hoven-Kon­zert­abend aus den immer vier glei­chen Tönen des Anfangs­mo­tivs der 5. Sym­phonie besteht, aber: Ich. Ziehe. Es. Durch. Und gestehe mir ein, dass es nicht nur immer jemanden gibt, der besser ist als ich, son­dern ziem­lich viele. Und dass sie ver­dient haben, ihre Leis­tung aus­zu­kosten.

Und wie­viel süßer dann Jahr­hun­dert­ereig­nisse wirken. Ein 4:2 zum Bei­spiel. Mit Ata­lanta gegen Arsenal. Der ent­schei­dende Konter in der 85. Minute. End­lich ein Sieg. Und dann: Ver­bin­dung unter­bro­chen“.

Für mich ist die Sache damit klar. EA Sports muss reagieren. Es braucht einen Filter. Ich stelle mir einen großen, gut les­baren Button vor, in einem Unter­menü viel­leicht, dass Filter Geg­ner­aus­wahl“ heißt. Und auf ihm steht, in gol­dener Schrift: Ü40“.