Vor einigen Tagen rief Igor Surkis an. Der Prä­si­dent von Dynamo Kiew klang auf­ge­regt, völlig durch den Wind. Er bestellte Ievgen Shchel­kunov in sein Büro, und Ievgen ahnte, dass er ein Pro­blem bekommt. Als er vor Surkis saß, hielt dieser ihm einen Brief unter die Nase, Absender war die Regie­rungs­ver­wal­tung. In dem Schreiben stand, dass Ievgen Anführer einer Anti-EM-Initia­tive sei. Was soll das?!“, schrie Surkis.

Der junge Fan sitzt auf einem Sofa in einem kleinen Club, ein pri­vater Treff­punkt einiger Dynamo-Kiew-Anhänger, ein Auf­ent­halts­raum im Sou­ter­rain, Sessel, Beamer, zwei Tische, eine Spa­nien-Flagge vor dem Fenster, hinter dem Tresen eine der Ukraine, ein Mann, Typ Der Dude“, hängt in der Couch. Er trägt ein Schweden-Trikot. Zwei wei­tere Männer bereiten Essen in der Küche vor. Es riecht nach Fleisch.

Ievgen hat sich auf seine Wade das Wappen von Dynamo Kiew ste­chen lassen. Er ist Fan, Ultra, aber kein Nazi, bemerkt er sofort. Das muss man hier in der Ukraine dieser Tage laut sagen, denn gerade die Ultra­szene von Dynamo ist in der Spitze stramm rechts. Ievgen kann damit nichts anfangen, er pro­vo­ziert sogar mit linken Sym­bolen auf seiner Haut. Er ist seit einiger Zeit eine Art Bin­de­glied zwi­schen Klub­füh­rung und Fans, und er spricht gerne dar­über, wie er mit dem großen Mann, mit Igor Surkis, tele­fo­niert.

Ein Schlag­ring statt Blumen

Es stimmt“, sagt Ievgen. Er habe mit anderen Fans und Ultras Banner und Auf­kleber ent­worfen, auf denen das EM-Logo ent­fremdet wurde. Statt Blumen prangen dort nun ein Schlag­ring und ein Poli­zei­helm, auf dem die Zahl 1984 zu lesen ist. Ein Ver­weis auf George Orwells gleich­na­mige Dys­topie über einen tota­li­tären Über­wa­chungs­staat. Es war abzu­sehen, dass Igor Surkis dar­über alles andere als erfreut sein würde. Die Ver­wal­tung sagt, wir sollen das sofort stoppen“, pol­terte Surkis später noch einmal am Telefon. Und dann gab er Ievgen eine War­nung mit auf den Weg: Sollte dieses Logo in Form eines Auf­kle­bers, Graf­fito oder Ban­ners wäh­rend der EM öffent­lich zu sehen sein, wird er Pro­bleme bekommen. Dabei sei es ganz egal, ob Ievgen der Urheber sei oder einer seiner Freunde.

Ievgen ist gegen die EM, weil er findet, das har­mo­ni­sche Bild der Ukraine sei kon­stru­iert worden. Vor allem weil im Herbst Wahlen sind. Eine erfolg­reiche EM ohne Wider­worte würde das momen­tane System stützen. Die Macht­haber sind alle kor­rupt“, sagt Ievgen. Und die Polizei ist nicht so nett, wie sie jetzt tut.“

Stumm am Telefon, Big Bro­ther lauscht

Ievgen ist sich sicher, dass er und seine Freunde in den ver­gan­genen Monaten abge­hört und über­wacht wurden. Anders kann er es sich nicht erklären, dass auf dem Schreiben der Regie­rungs­ver­wal­tung seine neue Adresse auf­taucht. Er war schließ­lich noch unter seiner alten gemeldet. Seitdem bespricht er nichts mehr am Telefon.

Vor der EM erschien eine Doku­men­ta­tion mit dem Titel The Last Argu­ment“. Sie ist ähn­lich rei­ße­risch wie die BBC-Doku­men­ta­tion Sta­diums of hate“ – nur, dass hier die andere Seite dar­ge­stellt wird. Es geht um Kom­mer­zia­li­sie­rung, Patrio­tismus und um Fans als Opfer von Poli­zei­willkür. Tat­säch­lich sind die Bilder erschre­ckend. Man sieht etwa, wie Ein­satz­kom­mandos so lange auf Jugend­liche ein­schlagen, bis sich diese nicht mehr bewegen. In einer Szene schlägt ein Poli­zist mit seinem Knüppel einem Mäd­chen mit Wucht auf den Hin­ter­kopf. Der Kiewer Poli­zei­chef kom­men­tiert die Szene lachend: Ich denke, er hat ihr ein biss­chen auf den Rücken geschlagen.“

Ievgen ist gegen den modernen Fuß­ball, gegen die Repres­sion, gegen die Kom­mer­zia­li­sie­rung des Sports, gegen die mil­li­ar­den­schweren Olig­ar­chen, die die ukrai­ni­sche Pre­mier Liga zu einem Zwei­klas­sen­system gemacht haben. Oben: Schachtar Donezk, Dynamo Kiew und Meta­list Charkiw. Dahinter: Der Rest. Viele Fans behaupten: Fuß­ball in der Ukraine ist nichts als Geschäft. Ievgen sagt: Die Donezker sind schuld an dieser Situa­tion.“ Die Done­zeker – das ist die Clique um Rinat Ach­metow, den reichsten Mann in der Ukraine.

Die EM ver­folgt Ievgen trotzdem. Heute findet das erste Vier­tel­fi­nale statt, Tsche­chien spielt gegen Por­tugal, und Ievgen dis­ku­tiert mit seinen Freunden den Ein­satz von Tor­ka­meras. Die Ukraine ist draußen, nun ist er für Tsche­chien, er mag Ronaldo nicht. Die Spiele der ukrai­ni­schen Natio­nal­mann­schaft hat er alle im Sta­dion gesehen.

Kon­stru­iertes Dage­gen­sein

Wie auch Igor. Der schaut hier im Club das Spiel mit seiner Frau. Er ist eben­falls Dynamo-Fan, und berichtet vom Aus­flug nach Donezk vor einigen Tagen und spricht über den Schieds­rich­ter­fehler. Eine unglück­liche Ent­schei­dung, doch wir hatten Spaß.“ Ievgen war auch dabei. Er mag Reisen. 2006 war er zur WM in Deutsch­land. Damals war es eine große Party“, sagt er. Ist es nun Zwang für ihn? Es inter­es­siert mich nicht mehr so sehr.“ Es klingt eben­falls ein wenig kon­stru­iert – eine Gegen­hal­tung, weil sie zum Ultra-Kodex gehört.

Ievgen weiß nicht genau, warum die Regie­rungs­ver­wal­tung ihn als Wort­führer der Anti-Initia­tive aus­ge­macht hat. Er weiß nur, dass es so ist. Er ver­mutet eine Ver­ket­tung von Ereig­nissen der ver­gan­genen Jahre. Da gab es etwa dieses eine Spiel gegen Kar­paty Lwiw, bei dem Dynamo-Fans das Staats­ober­haupt Viktor Janu­ko­witch beschimpft hatten. Die Schlacht­rufe hallten durchs Sta­dion und über die Fern­seh­ge­räte ins ganze Land. Ein Rie­sen­skandal. Auch damals wurde Ievgen von Surkis vor­ge­laden. Und der wurde rot, haute auf den Tisch und verzog den Mund. So“, sagt Ievgen, und schneidet eine Gri­masse.

Pyro­technik auf dem Dach

Eine andere Sache ver­brei­tete sich bei­nahe genauso schnell, dieses Mal via Internet. Es trug sich vor etwa zwei Jahren zu. Dynamo spielte im Stadt­derby bei FK Obolon Kiew. Das dor­tige Sta­dion fasst 5000 Zuschauer, es ist umgeben von zwölf­stö­ckigen Plat­ten­bauten, von deren Dächern man ins Sta­dion schauen kann.

Ievgen und seine Freunde hatten die Lage wenige Wochen zuvor bei einem Spiel zwi­schen Obolon und Schachtar Donezk aus­kund­schaftet. Sie ent­warfen den Plan, auf den umlie­genden Dächern Pyro­technik zu zünden. Also ließen sie sich die Schlüssel für die Dächer nach­ma­chen. Nach dem Spiel gingen sie wieder hinab – mit Bade­mantel, Haus­schuhen und Müll­sä­cken, so dass sie aus­sahen wie gewöhn­liche Haus­be­wohner.

Eine Fackel, sechs Ope­ra­tionen

Der Coup aller­dings war ein Dra­chen­flug über das Feld. Die Piloten sollten wäh­rend des Fluges Pyro­fa­ckel zünden und dabei die Fahne Pyro: The Last Argu­ment“ halten. Sie star­teten von einer Wiese hinter den Bauten. Die Dra­chen­flieger waren mit Motoren und Lenk­rä­dern ver­sehen. Ievgen hatte so etwas noch nie zuvor gemacht, er ließ sich also kurz in die Maschine ein­weisen. Sein Kol­lege, der den zweiten Flieger steu­erte, streifte sich Hand­schuhe über. Und dann ging alles schief: Die Syn­thetik der Hand­schuhe fing Feuer und Iev­gens Fackel wurde zu heiß. Er konnte den Pyro­stab aller­dings nicht los­lassen, weil er direkt auf dem Spiel­feld oder im Block der eigenen Fans gelandet wäre. Ievgen trägt noch heute Narben. Den Kol­legen traf es noch schlimmer, er musste direkt danach ins Kran­ken­haus, seitdem wurde er sechsmal ope­riert.

Die Szene ist auch in The Last Argu­ment“ zu sehen. Dann ein Schnitt, Ievgen sitzt in einer Talk­show und erklärt der ukrai­ni­schen Öffent­lich­keit, warum er gegen die EM ist. Wissen Sie was“, sagt er dem Mode­rator. Der Umbau des Kiewer Olym­pia­sta­dions hat 500 Mil­lionen Dollar gekostet. Der Neubau eines Sta­dions in Por­tugal kos­tete gerade mal 100 Mil­lionen. Wie ist das mög­lich? Was pas­siert mit dem Geld?“

Geisel der Politik

Ja, viel­leicht wurde er wegen diesen Aktionen und dieser Prä­senz als Wort­führer aus­ge­macht. Nun hat er ein Pro­blem. Den Ultras hat er davon noch nicht erzählt. Ich will keine Geisel der Poli­tiker sein“, sagt er, und klingt genau so: Wie ein Poli­tiker. Dann lehnt er sich zurück ins Sofa. Ronaldo hat gerade das 1:0 gegen Tsche­chien erzielt. Als das Spiel abge­pfiffen wird, ist Ievgen ein­ge­schlafen.